Schlage den Hirten…

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1. Als vor gut 50 Jahren das große Unglück geschah, daß Gott der Herr Seine Kirche zur Strafe für die Sünden ihrer Glieder, vor allem ihrer Priester, Ordensleute und Häupter, in die Hände Seiner Feinde überlieferte, und jene große Verfinsterung sich ausbreitete, die wir heute so sehr beklagen müssen, trat neben vielen anderen Übeln auch jenes ein, das in besonderer Weise für diese Zeit kennzeichnend ist: Die bislang bestehende Einheit, eines der wesentlichen Kennzeichen der heiligen katholischen Kirche, schien sich aufzulösen oder wurde nahezu unauffindbar. Bis dato waren die Katholiken trotz all ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit in den drei grundlegenden Säulen ihrer Religion geeint gewesen, denn sie bekannten alle denselben Glauben, feierten dieselbe Liturgie und gehorchten derselben Hierarchie unter dem Stellvertreter Christi, dem Papst.

Diese Einheit ist offensichtlich dahin, denn längst herrscht beim „Glauben“ derer, die sich heute „Katholiken“ nennen, ein grenzenloser Pluralismus (sofern überhaupt noch ein „Glaube“ vorhanden ist), die Liturgie zerflattert in schrankenloser Beliebigkeit, und der Obrigkeit verbleibt nur noch das Amt, diesen bunten auseinanderdriftenden Haufen irgendwie zu moderieren, zu verwalten und mühsam zusammenzuhalten, wenigstens dem äußeren Schein nach. Kurz, die sich auf diese Weise präsentierende Kirche hat ihre Form verloren und damit auch ihre Einheit – was natürlich sofort die Frage nach dem Wesen dieser „Kirche“ aufwirft und nach der Wirkursache; denn kann eine „Kirche“, der ein wesentliches Merkmal der Catholica fehlt, die Kirche Christi sein, und was ist mit der Wirkursache der Einheit, wenn letztere nicht mehr vorhanden ist? Deutet das nicht auf einen Ausfall von deren Wirkursache hin, die aber keine andere ist als der Fels und Garant der Einheit, der Papst? Doch diese Fragen wollen wir später noch ansehen. Einstweilen stellen wir nur fest, daß es schon lange keine Einheit oder Einheitlichkeit mehr gibt bei denen, die als „Katholiken“ gelten, und wollen lediglich versuchen, in diesem Wirrwarr ein wenig aufzuräumen, indem wir die kunterbunte Vielfalt wenigstens notdürftig und ansatzweise kategorisieren.

2. Da sind zunächst jene, welche die Verfinsterung der Kirche und die Besetzung von deren führenden Posten und Stellen durch den Feind nicht wahrnehmen oder nicht wahrhaben wollen oder doch nur sehr beschränkt (da und dort vielleicht wird der eine oder andere Bischof, Professor, Theologe, eventuell sogar Kardinal als Bösewicht ausgemacht, aber das geht fast schon zu weit…). Sie alle erkennen ohne weiteres die „konziliare Kirche“ als ihre Kirche an und bilden das Kunterbunt der „Konzilskatholiken“. Dabei ist das Spektrum sehr weit gefächert.

Da die „Konzilskirche“ wesentlich auf dem Liberalismus beruht, können wir, um wenigstens eine grobe Einteilung zu finden, auf die Vorarbeit des trefflichen Monsignor Dr. Felix Sardà y Salvany in seinem bis heute unübertroffenen Standardwerk „Der Liberalismus ist Sünde“ zurückgreifen. Er weist darauf hin, daß der Liberalismus an sich ein einheitliches und logisches System darstellt, was sicher auch für dessen Abart oder Ableger, den Modernismus, zutrifft, welcher Grundlage der „konziliaren Kirche“ ist. „Aber trotz dieser logischen Einheit des Systems, sind die Menschen nicht immer logisch; ein Umstand, der die erstaunlichste Verschiedenheit oder Abstufung der Färbungen innerhalb jener Einheit zur Folge hat“, schreibt unser Gewährsmann. „Die eine Lehre fließt notwendig aus eigener Kraft von der andern heraus; jedoch sind die Leute in der Anwendung derselben meist unlogisch und inkonsequent. Wenn die Menschen ihre eigenen Grundsätze bis zu den letzen Konsequenzen treiben würden, so wären alle heilig, falls ihre Grundsätze gut wären und alle hinwieder gleicherweise Teufel der Hölle, wenn dann ihre Prinzipien schlecht wären. Die Inkonsequenz ist es, welche gute und böse, halbgute und ziemlich schlechte Leute macht. Wenn wir nun diese Beobachtungen auf die gegenwärtige Frage des Liberalismus anwenden, so können wir sagen, daß es Gott sei Dank, verhältnismäßig wenige vollständig Liberale gibt; das hindert jedoch keineswegs, daß der größere Teil, wenn er auch nicht den Gipfel der liberalen Verdorbenheit erstiegen, dennoch aus wahren Liberalen besteht, d. h. aus wahren Schülern, oder Parteigängern, oder Sektierern des Liberalismus, je nachdem man den Liberalismus als Schule, Partei oder Sekte betrachtet.“ Ebendas sind mutatis mutandis die Verhältnisse, die wir in der „Konzilskirche“ finden. „Also darüber sind wir einig, wißbegieriger Leser, daß der Liberalismus eine geschlossene Einheit bildet, daß es jedoch, wie es beim schlechten Wein der Fall ist, Liberale von verschiedener Farbe und verschiedenem Geschmacke gibt“, so wie es denn auch „Konzilskatholiken“ von „verschiedener Farbe und verschiedenem Geschmacke gibt“.

Etwas weiter unten teilt der Autor dann diese buntscheckige Mannigfaltigkeit zum Zwecke der besseren Kennzeichnung in drei Klassen ein: Erstens „Radikale Liberale in des Wortes verwegenster Bedeutung“, zweitens „Gemäßigte Liberale“ und drittens „Liberale im uneigentlichen Sinne, oder solche, die bloß einen liberalen Anstrich haben“. Die „semiphysiologische Beschreibung“ dieser drei Typen bei Dom Sardá ist sehr lesenswert, würde uns jedoch hier zu weit führen. Wir beschränken uns auf seine kurze Zusammenfassung: „Fassen wir in wenige Worte die am meisten charakteristischen Züge ihrer Gesichtsbildung zusammen, so können wir sagen, daß der radikale Liberale seinen Liberalismus durch Brüllen, der gemäßigte Liberale durch Reden, der arme in den Liberalismus eingetauchte Tropf hingegen durch Seufzen und Gewimmer bekunde.“

Damit haben wir auch schon die drei wesentlichen Klassen oder Typen der „Konzilskatholiken“. Da sind zum einen die radikalen, die laut brüllend den kompletten Umsturz fordern: Abschaffung des Zölibats, Einführung des Frauenpriestertums, vollständige Demokratisierung der Kirche etc. Sie bilden den „linken Flügel“ der „Konzilskirche“, und wir können sie die „Progressisten“ nennen. Hierher gehören sicherlich Gestalten wie Hans Küng und Paul Zulehner oder Gestaltungen wie „Wir sind Kirche“ und „ZdK“.

Zum anderen finden wir die „gemäßigten Liberalen“, die zwar die liberalen Grundsätze annehmen, aber nicht deren Konsequenzen. Sie akzeptieren vollständig die liberalen „Menschenrechte“, die im „II. Vatikanum“ via „Religionsfreiheit“ zur Doktrin der „konziliaren Kirche“ erhoben wurden (und verwechseln diese oft sogar treuherzig und gehorsam mit dem diametral entgegengesetzten gottgegebenen Naturrecht und den darauf beruhenden Zehn Geboten), wollen jedoch auf dieser liberalen Basis ihre konservativen „christlichen Werte“ behalten, vor allem, was die Ehe- und Familienmoral betrifft. Sie nehmen die liturgischen „Reformen“ Pauls VI. ohne Wenn und Aber an, verabscheuen jedoch liturgische „Auswüchse“ und „Mißbräuche“. Wir nennen sie die „Konservativen“ oder „Halb-Konservativen“, weil sie eben halb liberal und daher auch nur halb „konservativ“ sind, und diese bilden gewissermaßen den „rechten Flügel“ der „Konzilskirche“. Wir verzichten darauf, hier Namen zu nennen. Wer sich auf diesem Feld alles tummelt, wird der geschätzte Leser selbst ohne Schwierigkeiten herausfinden.

Endlich gibt es jene, die „bloß einen liberalen Anstrich haben“, den sie aber notwendig aufweisen müssen, um dazuzugehören. Denn zur „konziliaren Kirche“ gehören wollen sie um jeden Preis, den sie denn auch zahlen, wenngleich sie dabei so weit wie nur irgend möglich katholisch bleiben wollen. „The more catholic, the better“, so ihr Grundsatz. Sie wollen daher auch gerne die „alte Liturgie“ beibehalten, den „alten Katechismus“ usw., ohne dabei jedoch in irgendeiner Weise anzuecken oder unangenehm aufzufallen, weshalb sie dafür auch gerne den einen oder anderen Kompromiß eingehen. Die „Liebe“ ist ihr großes Motto, und diese gilt uneingeschränkt allen Liberalen – aber auch nur diesen! – gegenüber, während sie böse und bitter werden gegen jene Katholiken, die es wagen, etwa „lieblose Kritik“ an Bischöfen oder gar Papst zu üben. Sie feiern ausschließlich die Liturgie im „außerordentlichen Ritus“ und verteidigen gleichzeitig die liberale Religionsfreiheit des „Heiligen Vaters“. Wir nennen sie die „Pseudo-Traditionalisten“, und sie bilden die „extreme Rechte“ der „Konzilskirche“.

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