Liturgische Metamorphose – 1. Teil

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Die alchemistische Umwandlung der römischen Liturgie

Bis vor wenigen Jahren schien die Welt der „Traditionalisten“ noch ganz in Ordnung. Da gab es ganz klare und einfache Fronten: hier die „Traditionalisten“ mit ihrer „alten“ Messe, der „messe de toujours – Messe aller Zeiten“, auch „tridentinische Messe“ oder „Messe des hl. Pius V.“ genannt, dort die Modernisten mit ihrer „Neuen Messe“, dem „Novus Ordo Missae“, der „konziliaren“ Messe oder „Messe Pauls VI.“. Diese war schlecht, trug einen protestantischen, ökumenistischen, freimaurerischen Geist, jene war gut, katholisch, ganz gemäß der apostolischen Überlieferung. Ein Ritus stand sauber gegen den anderen, 1962 gegen 1969, und trennte ordentlich in gut und böse, alt und neu, konservativ und progressiv. So weit so gut.

Doch nun geschah etwas Unerhörtes. Ein Theologe bestieg den Papstthron, ein Modernist zwar, aber immerhin ein Theologe, welcher bewies, daß er auf der Höhe der Zeit war und die Dinge besser und klarer einschätzen konnte als seine Gegner von links und rechts. So verblüffte er beide Seiten gleichermaßen mit seiner liturgischen „Reform der Reform“, die eine Art Mittelding zwischen „alter“ und „neuer“ Messe anstrebte, einen Mischritus, zwischen 1962 und 1969 gelegen, also so um 1965 herum. Und tatsächlich – hatte es damals nicht schon so etwas gegeben? So eine Art Übergangsritus zum „Novus Ordo“? Da er nur so kurz und vorübergehend in Erscheinung getreten war, hatte man ihn ganz vergessen und beiseite gesetzt. Zu Unrecht, wie sich nun zeigte. Zumal der intelligente Theologe Ratzinger sehr gut erkannt hatte, daß hier der archimedische Punkt lag, durch welchen sich die scheinbar so klaren und verhärteten Fronten auflösen ließen.

In Wahrheit nämlich, so erwies sich bei näherer Betrachtung des „Übergangsritus“ und seiner Geschichte, bestand zwischen den Riten von 1962 und 1969 kein kontradiktorischer Gegensatz, sondern allenfalls ein konträrer. Tatsächlich, und dies unsere These, die wir im folgenden näher beleuchten wollen, handelt es sich nur um zwei Stadien ein und derselben Entwicklung, einer sonderbaren Umwandlung oder Metamorphose im Sinne der Alchemie, von der katholischen zur protestantisch-freimaurerischen Liturgie, vom Opfer Abels in das Opfer Kains, in mehreren Etappen. Tatsächlich war es ein und derselbe Mann, nämlich Annibale Bugnini, welcher schon seit 1948 in offizieller Eigenschaft in Rom an der „Reform“ der heiligen Messe arbeitete und diese über mehrere Stadien, darunter eben auch das 1962er Missale Johannes’ XXIII., bis zum endgültigen „NOM“ von Paul VI. vorantrieb. Insofern lag „Papst Ratzinger“ als Benedikt XVI. gar nicht so falsch, als er in seinem berühmt-berüchtigten Motu proprio „Summorum Pontificum“ vom 7.7.2007 beide als zwei Formen ein und desselben Ritus auffaßte und so deren Verschmelzung herbeiführen wollte.

Doch gehen wir dieser alchimistischen Metamorphose ganz systematisch und von Anfang an nach und beginnen wir mit der Vorgeschichte.

Die Vorgeschichte

Der heilige Pius X.: Notwendigkeit liturgischer Reformen

Vor gut 110 Jahren, am 4. August 1903, bestieg der heilige Pius X. den päpstlichen Thron. Noch im gleichen Jahr, am 22. November, Fest der heiligen Cäcilia, veröffentlichte er sein Motu proprio „Inter pastoralis officii“ („Tra le sollecitudini“), auch „Gesetzbuch der Kirchenmusik“ genannt. Darin taucht erstmals hochoffiziell der später so oft ge- und mißbrauchte Begriff der „actuosa participatio“, der „tätigen Teilnahme“ auf. Der Papst beklagt nämlich den bedauerlichen Mißstand, daß die Gläubigen der Liturgie mehr oder weniger als unbeteiligte Zuschauer beiwohnen und sich unterhalten lassen ähnlich wie in der Oper oder dem Konzert, wozu offensichtlich die damals übliche theatralische und üppige Kirchenmusik das ihre beitrug. Demgegenüber will er den Gregorianischen Choral neu beleben, welcher wahrhaft liturgisch ist und dessen Gesang die Gläubigen gleichsam wie von selbst wieder in die Liturgie hineinnimmt.

„Die Bedeutung, die Pius X. der Restauration der Kirchenmusik beimaß“, so lesen wir in Jedins „Handbuch der Kirchengeschichte“ (Bd. VI/2, Freiburg i.Br. 1973), „wurzelte nicht nur in ästhetischen Anliegen – ‘für ein Beten auf der Grundlage der Schönheit sorgen’, sagte er –, sondern in viel höherem Maße in dem Verlangen, bei den Gläubigen die Liebe zur Liturgie und zum feierlichen Gebet der Kirche zu erwecken, in dem er nach der Formulierung des Motu proprio von 1903 ‘den ersten und unersetzlichen Quell der christlichen Kraft’ sah. Dieses Anliegen veranlaßte Pius X., der sein ganzes Leben lang vor allem ein ‘Kirchenmann’ war, mehrere Liturgiereformen durchzuführen“ (S. 423).

Schon seit dem Vatikanischen Konzil (1869/70) lag die „Zweckmäßigkeit bestimmter liturgischer Reformen oder zumindest Anpassungen“ „in der Luft“, wie es im Handbuch weiter heißt (ebd.). Schon Leo XIII. hatte deswegen 1902 eine historisch-liturgische Kommission ins Leben gerufen, und Pius X. führte das Werk weiter. Mit seiner Bulle „Divino afflatu“ vom 1. November 1911 führte er eine Brevierreform durch. „Sie nahm nicht nur eine Umstrukturierung des Officium divinum im Geiste der Überlieferung in Angriff, sondern trug auch dem vernünftigen Verlangen Rechnung, den im Pfarrdienst stehenden Priestern die Belastung durch das Breviergebet zu erleichtern“ (a.a.O. S. 425).

Im einzelnen gab es folgende Veränderungen: „Die Matutin wurde von 18 Psalmen am Sonntag und 12 an den anderen Tagen auf 9 Psalmen oder Psalmenstücke verkürzt; kein Fest wurde aufgehoben, aber die Sonntage hatten von nun an weitgehend Vorrang; für die meisten Feste sollte künftig außer für die Hymne der Matutin, für die Lektionen und Schlußgebete das Ferialoffizium verwendet werden. Das Proprium de Tempore erhielt so seine Bedeutung zurück, der Lesung der Heiligen Schrift wurde mehr Raum gegeben, und das gesamte Offizium wurde vielseitiger, wenn es auch beträchtlich verkürzt und vereinfacht wurde, leider mit Verzicht auf manche traditionellen Elemente“ (ebd.).

Allerdings war dies nur der Anfang der Reformen, die der hl. Pius X. im Sinn hatte. Er dachte vielmehr an eine „vollständige Reform des Breviers und des Meßbuchs“ und „faßte sogar eine vollständige Umgestaltung des Kalenders ins Auge“. Noch „Anfang 1914 wurde die Reform des Meßbuchs in Angriff genommen; doch der Tod des Papstes brachte alles zum Stillstand, zumal die Arbeitsweise der Kommission heftig kritisiert wurde“ (ebd.). Insbesondere machte man ihr zum Vorwurf, „sie habe manche ehrwürdigen Werte, die bis ins fernste Altertum zurückzuführen seien, geopfert“ (a.a.O. S. 425f).

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