Die Hermeneutik der Reform

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In nichtkatholischen Gemeinwesen, wo also „ein großer Teil der Bürger nicht den katholischen Glauben bekennt oder nicht einmal von der Tatsache der Offenbarung weiß, muß die nichtkatholische bürgerliche Gewalt sich in religiösen Dingen wenigstens den Vorschriften des natürlichen Sittengesetzes anpassen“. Sie muß „allen Kulten, die sich nicht der natürlichen Religion entgegenstellen, die bürgerliche Freiheit einräumen“. „Diese Freiheit widerspricht sodann nicht den katholischen Grundsätzen, da sie ebenso dem Wohle der Kirche als dem des Staates ansteht.“ Die katholischen Bürger solcher Staaten haben die Pflicht, „durch ihre bürgerlichen Tugenden und Handlungen, mit denen sie im Verein mit ihren Mitbürgern das Gemeinwohl des Staates befördern, zu erreichen, daß man der Kirche die volle Freiheit gewährt, ihre göttliche Sendung zu erfüllen“. Denn diese Freiheit ist dem Gemeinwohl in jeder Hinsicht förderlich.

Zum Schluß anerkennt das heilige Konzil, „daß die Prinzipien der wechselseitigen Beziehungen zwischen der kirchlichen Gewalt und der bürgerlichen Gewalt nicht anders angewandt werden dürfen als nach der oben dargelegten Regel“. Es ist nicht gestattet, „daß eben diese Prinzipien durch irgend einen falschen Laizismus verdunkelt werden, auch nicht unter dem Vorwand des Gemeinwohls“. „Diese Prinzipien beruhen nämlich auf den absolut festen Rechten Gottes, auf der unveränderlichen Verfassung der Mission der Kirche sowie auch auf der sozialen Natur des Menschen, welche, alle Jahrhundert hindurch immer dieselbe bleibend, selbst den wesentlichen Zweck der bürgerlichen Gesellschaft bestimmt, ungeachtet der Verschiedenheit der politischen Regierungsformen und der übrigen Wechselfälle der Geschichte.“

Potzblitz! Das klingt nun doch ganz anders als die These von Rhonheimer und Ratzinger, wonach gerade der Bruch mit dieser Lehre wieder zu den eigentlichen Prinzipien und dem „Gründungscharisma“ der Kirche, zur „Tradition des Evangeliums, der Apostel, der ersten Christen und der Väter“ zurückgeführt habe. Wer hat nun recht?

Die wahre Kontinuität

Bischof Antonio de Castro-Mayer schrieb in den 1980er Jahren einen Artikel, der folgendes enthüllte:

Am 8. Dezember 1869 wurde in Rom das (I.) Vatikanische Konzil eröffnet. Am gleichen Tag eröffnete Ricciardi, ein Abgeordneter aus Savoyen, in Neapel das „Freimaurer-Gegenkonzil“, dem Freimaurer aus ganz Europa angehörten. Unter ihnen stachen hervor Männer wie Victor Hugo, Edgar Quinet, Michelet und Giuseppe Garibaldi, der Zerstörer der weltlichen Macht des Papstes. Papst Pius IX. hatte die Absicht, den Glauben der Katholiken gegen das Einwirken von Rationalismus und Naturalismus zu stärken, die dem katholischen Volk von der Französischen Revolution aufgedrängt worden waren. Das Ziel der Freimaurer war, das Werk Pius’ IX. zu bekämpfen. Ricciardi fasst die Aufgabe des Freimaurerkonzils mit diesem Satz zusammen : „Im Namen des heiligen Grundsatzes der Gewissensfreiheit erklären wir gegen die Verblendung und Lüge in Gestalt der katholischen Kirche, vor allem in Form des Papsttums, einen immerwährenden Krieg.“

Am 16. Dezember veröffentlichte das Freimaurerkonzil seine Beschlüsse : Selbständigkeit des Staates gegenüber der Religion, Abschaffung der Staatsreligion, religiöse Neutralität im Erziehungswesen, Unabhängigkeit von Sitte und Moral in Bezug auf die Religion.
Die italienische Zeitschrift „Chiesa Viva“ berichtet uns folgendes bezüglich des Freimaurerkonzils von 1869 und des „II. Vatikanischen Konzils“, das kaum ein Jahrhundert später stattfand (Novemberausgabe 1984) : Wer bei den Dokumenten des Vat. II den § 75 der Konstitution „Gaudium et Spes“ betrachtet und im besonderen die Erklärung „Dignitatis humanae“ über die Religionsfreiheit, dem muss auffallen, dass das Konzil die wichtigsten Grundsätze des Gegenkonzils von 1869 aufgenommen hat und, ob man will oder nicht, die ideale Fortsetzung dessen darstellt, was sich dem Vaticanum I und dem Syllabus widersetzt. Und wieder einmal kann man feststellen, dass Vatikan II im Mittelpunkt der Kirchenkrise steht.

(Monitor Campista, 10. März 1985; Heri et Hodie, N° 59, November 1988)

Sollte es also vielleicht sein, daß das „II. Vatikanum“ gar nicht wirklich zur „Tradition des Evangeliums, der Apostel, der ersten Christen und der Väter“ zurückgekehrt ist, sondern eine ganz andere „Kontinuität“ hergestellt hat, daß es nicht die Fortsetzung von Vaticanum I gewesen ist, sondern die des damals parallel dazu abgehaltenen Freimaurer-Konzils? Offensichtlich ist das die wahre „Tradition“ und „Kontinuität“, in welche sich dieses „Konzil“ einordnet, in die Tradition des immerwährenden Krieges der Freimaurer „gegen die Verblendung und Lüge in Gestalt der katholischen Kirche, vor allem in Form des Papsttums“, in die Kontinuität jener falschen, revolutionären und liberalen Prinzipien, die von den Päpsten stets verurteilt worden sind.

Umso unverständlicher erscheint es, daß nicht nur „Konservative“ wie die Macher des „Vatican-Magazin“, sondern selbst sog. „Traditionalisten“ heute diese „Diskontinuität“, die in Wahrheit die Zerstörung der katholischen Prinzipien und des katholischen Glaubens bedeutet, nicht mehr wahr- oder zumindest nicht mehr ernst nehmen. Da sind zum einen die aus dem „Ecclesia Dei“-Lager, die ohnehin das II. Vatikanum als katholisches Konzil annehmen müssen und daher die Religionsfreiheit und die religiöse Neutralität des Staates verteidigen, als sei diese Freimaurer-Doktrin die Lehre der katholischen Kirche. Und sie merken nicht, daß sie damit längst aufgehört haben, katholisch zu sein.

Da sind aber auch jene „Traditionalisten“ aus dem angeblich konzilskritischen Lager, welche gleichwohl behaupten, das Konzil habe keine eigentliche Häresie verkündet, 95 Prozent dieses Konzils seien ohnehin annehmbar, die von diesem verkündete Religionsfreiheit sei „sehr, sehr begrenzt – very, very limited“. Ja, ein Führer dieser Bewegung verstieg sich sogar zu der Aussage: „Die gesamte Tradition des katholischen Glaubens muß das Kriterium und der Führer zum Verständnis der Unterweisungen des 2. Vatikanischen Konzils sein, das selbst wiederum gewisse Aspekte des Lebens und der Lehre der Kirche beleuchtet – d.h. nachträglich vertieft und verdeutlicht – die implizit in ihnen enthalten oder noch nicht begrifflich formuliert sind“ (Mgr. Fellay in seiner berühmten “Doktrinalen Erklärung” vom 15. April 2012).

Das heißt doch wohl nichts anderes, als daß er dieses „Konzil“ als in der Tradition der katholischen Kirche stehend begreift und nicht mehr sieht, daß es in einer ganz anderen Tradition begründet ist. Das heißt, daß er nicht mehr sieht, welche radikale Häresie die Religionsfreiheit bedeutet: Sie leugnet nämlich die beiden Titel der Königsherrschaft Unseres Herrn Jesus Christus über die ganze Welt, jeden einzelnen und die ganze Gesellschaft, als da sind Seine Gottheit und Sein Erlösertum. Jesus Christus ist die zweite Person der dreifaltigen Gottheit, welche die Welt erschaffen hat; somit ist sie Sein Eigentum. Er ist der Erlöser, welcher die Welt, jeden einzelnen, die Völker und Staaten, mit Seinem Erlöserblut erkauft hat; somit ist alles Sein. Was kann man noch mehr leugnen? Welche Häresie könnte radikaler sein? Aber 95 Prozent dieser Häresie kann man ja annehmen, da sie „sehr, sehr begrenzt“ ist…

Die „Religionsfreiheit“ des „II. Vatikanums“ ist sicher der Punkt, an dem sich die Geister scheiden, für oder gegen Christus. „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Lukas 11,23; Matthäus 12,30). Wir haben die Wahl…

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