Die Hermeneutik der Reform

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Doch gleich etwas weiter heißt es: „Da indessen diese beiden Gesellschaften ihre Gewalt über dieselben Personen ausüben und oft in Bezug auf denselben Gegenstand, können sie einander nicht ignorieren; sie müssen sogar in vollkommener Harmonie vorgehen, damit sie selbst nicht minder als ihre gemeinsamen Mitglieder gedeihen.“ Darum erklärt das Konzil „an allererster Stelle die Verpflichtung daran festzuhalten, daß sowohl die Kirche als die bürgerliche Gesellschaft zum Nutzen des Menschen eingesetzt worden sind; daß jedoch das der Sorge der bürgerlichen Gewalt anvertraute zeitliche Glück für den Menschen nichts wert ist, wenn er dabei seine Seele verliert (vgl. Mt. 16,26; Mk. 8,36; Lk. 9,25). Daß folglich der Zweck der bürgerlichen Gesellschaft nie verfolgt werden darf, indem der letzte Zweck ausgeschlossen oder verletzt wird, nämlich das ewige Heil.“

Aus diesem Prinzip werden nun die Konsequenzen gezogen, und zwar zunächst für die Kirche. Für sie ergibt sich, daß sie sich „nicht mit den zeitlichen Realitäten befaßt, es sei denn insoweit, als diese auf den übernatürlichen Zweck hingeordnet sind“. Was nämlich „die ebenso auf den Zweck der Kirche wie auf den des Gemeinwesens hingeordneten Akte betrifft wie Ehe, Kindererziehung und anderes dergleichen, so müssen die Rechte der bürgerlichen Gewalt auf solche Weise ausgeübt werden, daß nach dem Urteil der Kirche die höheren Güter der übernatürlichen Ordnung keinerlei Schaden erleiden“. Jedoch in „die übrigen Aktivitäten, die, unbeschadet des göttlichen Gesetzes, mit gutem Recht auch auf verschiedene Weise ins Auge gefaßt oder ausgeführt werden können, mischt die Kirche sich in keiner Weise ein“. Das ist die wahre “Entweltlichung”. (Leider erleben wir heute oft das Gegenteil. Die Bischöfe mischen sich nur allzu gerne in rein politische, besonders finanzpolitische Fragen ein, während sie etwa zu Fragen von Familie und Ehe schweigen.) Insbesondere hält es die Kirche „nicht für ihre Sache, eine Regierungsform oder Institutionen zu wählen, die dem zivilen Bereich der christlichen Völker angehören; von den verschiedenen Regierungsformen mißbilligt sie keine unter der Bedingung, daß Religion und Moral unangetastet sind“. (Auch hier halten es die Kirchenvertreter heute leider meist anders, indem sie meinen, es sei ihre Pflicht, die Demokratie als einzig christliche Regierungsform überall zu fördern und anzumahnen.)

Die Kirche bringt dem Staat großen Nutzen, denn sie „arbeitet ja selbst daran mit, daß die Bürger durch ihre Tugend und ihre christlichen Frömmigkeit gut werden; und wenn sie so sind, wie die christliche Lehre es befiehlt, wird … ohne jeden Zweifel das öffentliche Wohl in Blüte stehen“. Auch erlegt die Kirche den Bürgern „die Verpflichtung auf, den legitimen Befehlen zu gehorchen“, und zwar nach Anweisung des hl. Paulus „um des Gewissens willen“ (Röm. 13,5), wie sie jedoch gleichzeitig die Regierungen auf die Verpflichtung hinweist, „ihr Amt auszuüben nicht aus Machtwillen, sondern zum Wohl der Bürger, da sie vor Gott Rechenschaft ablegen müssen (vgl. Hebr. 13,17) über ihre von Gott empfangene Gewalt“. Und schließlich „prägt die Kirche die Befolgung sowohl der natürlichen als der übernatürlichen Gesetze ein, dank welcher die gesamte bürgerliche Ordnung sowohl unter den Bürgern als unter den Nationen in Frieden und Gerechtigkeit verwirklicht werden kann“. (Gerade eine Demokratie, welche ja von den Tugenden ihrer Bürger lebt, könnte der Kirche also nur dankbar sein.)

Aber auch für die bürgerliche Gewalt ergeben sich religiöse Pflichten, denn sie „kann hinsichtlich der Religion nicht gleichgültig sein“. „Von Gott eingesetzt, um den Menschen zu helfen, eine wahrhaft menschliche Vollkommenheit zu erwerben, muß sie ihren Untertanen nicht nur die Möglichkeit liefern, sich die zeitlichen Güter – seien es materielle, seien es geistige – zu verschaffen, sondern auch den Zufluß der geistlichen Güter fördern, die ihnen erlauben, auf religiöse Art ein menschliches Leben zu führen. Nun aber ist unter diesen Gütern nichts wichtiger, als Gott zu erkennen und anzuerkennen, ferner seine Pflichten gegen Gott zu erfüllen: denn hierin besteht die Grundlage jeder privaten und mehr noch jeder öffentlichen Tugend.“ Das ist eine klare Absage an den „Indifferentismus“, die „religiöse Neutralität“ des Staates.

Diese Pflichten gegen Gott verpflichten obendrein „nicht nur jeden Bürger gegenüber der göttlichen Majestät, sondern auch die bürgerliche Gewalt, welche bei den öffentlichen Akten die bürgerliche Gesellschaft verkörpert“. Denn auch diese hat Gott zum Urheber und ist verpflichtet, Ihn zu ehren und Ihm zu dienen, und zwar auf jene Weise, „welche Er selbst als verpflichtend bestimmt hat, nämlich in der wahren Kirche Christi“. Und daß „die bürgerliche Gewalt die Fähigkeit hat, die wahre Kirche Christi zu erkennen, ist klar: Sie kann dies aufgrund der offenkundigen Zeichen ihrer göttlichen Einsetzung und Sendung, welche Zeichen der Kirche von ihrem göttlichen Gründer gegeben worden sind“. Sie ist somit verpflichtet, die Offenbarung anzunehmen und ihre Gesetze sowohl nach dem natürlichen Sittengesetz als auch nach den positiven Gesetzen, den göttlichen und den kirchlichen, zu bestimmen.

Die bürgerliche Gewalt muß „die volle Freiheit der Kirche auf ganz spezielle Art schützen“ und „aus Gesetzgebung, Regierung und öffentlicher Aktivität alles ausschließen, was nach ihrer Beurteilung die Kirche hindern könnte, ihr ewiges Ziel zu erreichen“. Ja „mehr noch, sie muß sich befleißigen, ein Leben nach christlichen und jenem erhabenen Ziel, für welches Gott die Menschen geschaffen hat, absolut konformen Grundsätzen zu erleichtern“. Da sind wir offensichtlich weit von der Befürwortung eines religiös neutralen, säkularen Staates.

Die dargelegte Doktrin ist nun verschieden anzuwenden, „je nach der Art, wie weit die das Volk persönlich repräsentierende bürgerliche Gewalt von Christus und der von Ihm gegründeten Kirche Kenntnis hat“. In einem katholischen Gemeinwesen, „wo die Bürger nicht nur getauft sind, sondern den katholischen Glauben bekennen“, soll das Leben nach der freien Wahl seiner Bürger auch „gemäß den katholischen Grundsätzen geformt“ werden. „Dennoch ist es selbst unter diesen glücklichen Bedingungen der bürgerlichen Gewalt in keiner Weise erlaubt, die Gewissen zu zwingen, den von Gott geoffenbarten Glauben anzunehmen.“ Denn es ist stets der Grundsatz der Kirche gewesen, daß der Glaube wesentlich frei ist und „nicht Gegenstand irgendwelchen Zwanges sein“ kann, wie dies sogar der Codex Iuris Canonici festhält (can 1351).

„Das hindert jedoch nicht, daß die bürgerliche Gewalt die erforderlichen geistigen, sozialen und moralischen Bedingungen schaffen muß, damit die Gläubigen, auch die weniger gebildeten, leichter im empfangenen Glauben verharren. Ebenso also, wie die bürgerliche Gewalt sich für berechtigt hält, die öffentliche Moral zu schützen, ebenso kann die bürgerliche Gewalt, um die Bürger vor der Verführung des Irrtums zu schützen, um das Gemeinwesen in der Glaubenseinheit, die das höchste Gut und Quelle vielfacher auch zeitlicher Wohltaten ist, zu erhalten, von sich aus die öffentlichen Bekundungen anderer Kulte regeln und beschränken und ihre Bürger gegen falsche Lehren verteidigen, die nach dem Urteil der Kirche ihr ewiges Heil in Gefahr bringen.“

Freilich gilt es bei diesem Schutz des wahren Glaubens „nach den Erfordernissen der christlichen Liebe und Klugheit vorzugehen, damit die Dissidenten nicht von der Kirche abgeschreckt, sondern vielmehr von ihr angezogen werden und weder das Gemeinwesen noch die Kirche irgend einen Schaden erleidet“. Darum kann der bürgerlichen Gewalt unter Umständen „sogar durch Gesetze verbürgte Toleranz auferlegt sein“, und zwar „einmal, um größere Übel wie ein Ärgernis oder einen Bürgerkrieg, das Hindernis für die Bekehrung zum wahren Glauben, oder andere Übel dieser Art zu vermeiden, und weiter, um ein größeres Gut zu verschaffen wie etwa die bürgerliche Zusammenarbeit und friedliche Koexistenz der Bürger verschiedener Religionen, größere Freiheit für die Kirche und wirksamere Erfüllung ihrer übernatürlichen Sendung und andere Güter dieser Art“. Das eben ist die religiöse Toleranz, durch welche die katholische bürgerliche Gewalt das Beispiel der göttlichen Vorsehung nachahmt, „die Übel zuläßt, aus denen sie den Vorteil größerer Güter zieht“. „Diese Toleranz ist vor allem in den Ländern zu beobachten, wo seit Jahrhunderten nichtkatholische Gemeinschaften bestehen.“ Soviel zum katholischen Staat, mit dem es nun ja „Gott sei Dank“ vorbei ist.

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