Die Hermeneutik der Reform

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Welcher „Tradition“ ist das „II. Vatikanum“ verpflichtet?

„Der katholische Staat? Gott sei Dank: Den sind wir los!“ Unter diesem Titel erschien im „Vatican-Magazin“, 7. Jahrgang, Heft 11, November 2013, ein Gespräch des Magazin-Chefredakteurs Guido Horst mit Martin Rhonheimer, seines Zeichens Professor für Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom, der im vorigen Jahr ein Buch veröffentlicht hat mit dem Titel „Christentum und säkularer Staat“. „Der Islam muss sich ändern. Die katholische Kirche aber nicht. Mit dem Zweiten Vatikanum ist sie zum Gründungscharisma des Christentums und zur Tradition des Evangeliums, der Apostel und der Kirchenväter zurückgekehrt.“ So faßt die Überschrift über dem Artikel die Thesen des Philosophen kurz zusammen.

Die Hermeneutik der Reform: Diskontinuität und Kontinuität

Professor Rhonheimer charakterisiert zunächst den säkularen Staat in Abgrenzung zum konfessionellen oder auch dem antireligiösen Staat dadurch, „dass er selbst keine bestimmte religiöse Position bezieht, nicht aber dass er Religion bekämpft, auch nicht Äußerungen von Religion im öffentlichen Raum“. Dieser moderne, säkulare Staat, so „eine der Hauptthesen meines Buches“, sagt der Philosoph, ist „gerade auf dem Humus des Christentums gewachsen“. Denn nur dort sei die „klare Scheidung von Politik und Religion“ beheimatet, gemäß dem Wort des Heilands: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser, und Gott, was Gott gehört.“

Die „Idee des konfessionellen Staates“ sei eine „spezifisch moderne Idee“, eigentlich und ursprünglich eine „politische Friedensformel, mit der die konfessionellen Bürgerkriege des siebzehnten Jahrhunderts beendet werden konnten“. „Mit der Lehre des Zweiten Vatikanums über die religiöse Neutralität des Staates und das Recht auf Religionsfreiheit ist die katholische Kirche zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, zur Tradition des Evangeliums, der Apostel, der ersten Christen und der Väter“. Die „Konzeption des katholischen Staates“ finde hingegen „keine Grundlage in der Tradition der Schrift, der Apostel und der Väter“.

Der Herr Professor beruft sich ausdrücklich auf Benedikt XVI. und dessen denkwürdige „Weihnachtsansprache an die römische Kurie im Dezember 2005“ von der berühmten „Hermeneutik der Reform“ (meist falsch und unzutreffend als „Hermeneutik der Kontinuität“ bezeichnet) und faßt diese wie folgt zusammen: „Die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass sich die Kirche in ihrem Selbstverständnis geändert hat. Sie versteht sich immer noch als die gleiche eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, gegründet auf das Firmament der Apostel und mit einem göttlichen Auftrag. Was sich geändert hat, ist das Verständnis des Verhältnisses der Kirche zur Welt. Hier gibt es eine Diskontinuität bezüglich der Vergangenheit, betonte Benedikt. Das ist, was die Traditionalisten nicht anerkennen wollen. Benedikt sprach in diesem Zusammenhang von einer ‘Hermeneutik der Reform’, mit der das Konzil verstanden werden müsse. Reform sei das Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität, auf verschiedenen Ebenen, so hatte er betont: Kontinuität in den geoffenbarten und von der Kirche immer gelehrten Prinzipien des Glaubens und der Moral; Diskontinuität auf der Ebene der konkreten historischen Anwendungen und lehrmäßigen Ausgestaltung dieser Prinzipien.“

Die Kirche, so der Philosoph weiter, sei „im Laufe der Geschichte im Wesentlichen ihrem Auftrag treu geblieben“, habe aber „ihre Beziehungen zu den weltlichen Gewalten“ aufgrund „verschiedenster historischer Konstellationen“ oft in einer Weise geformt, „die sich vom Gründungscharisma des Christentums – Scheidung von Politik und Religion – oft in wesentlichen Punkten wegbewegte, was auch nicht ohne Einfluss auf die Theologie bleiben konnte“. „Mit der Erklärung über die Religionsfreiheit hat nun die Kirche ihren Willen bekundet, alten Ballast abzuwerfen und zur Tradition des Evangeliums, der Apostel und der Väter zurückzukehren. Auch das tat sie aber auf dem Konzil aufgrund derselben Prinzipien, denen sie im Laufe der Geschichte immer treu geblieben war: Scheidung von geistlicher und weltlicher Gewalt und die libertas Ecclesiae, die Freiheit der Kirche von allen weltlichen Mächten – und damit die ‘Entweltlichung der Kirche’, wie Benedikt dann formulierte“.

Soweit der Herr Professor, und uns scheint, daß er hiermit auch die Gedanken „Papst Ratzingers“ von dessen „Hermeneutik der Reform“ sehr gut wiedergegeben hat. Wir dürfen den Gedankengang noch einmal kurz zusammenfassen: Das Grundprinzip der Kirche ist die Scheidung von Politik und Religion. Sie hat darum vor allem immer um ihre „Freiheit von allen weltlichen Mächten“ zu kämpfen gehabt, die immer wieder versucht haben, die Kirche für sich zu vereinnahmen oder zu unterdrücken. Dies gelang mal mehr, mal weniger, führte je nach Konstellation auch einmal zu einem Wegbewegen der Kirche von ihrem „Gründungscharisma“ oder Grundprinzip. Im letzten jedoch blieb sich die Kirche treu und fand nach den ursprünglich als „Friedensformel“ im 17. Jahrhundert entstandenen konfessionellen Staatenbildungen auf dem II. Vatikanum endlich zu ihrer eigenen „Tradition des Evangeliums, der Apostel und der Väter“ zurück, nämlich der Religionsfreiheit und der Trennung von Kirche und Staat. Gerade im Bruch mit der historisch bedingten Fehlentwicklung des katholischen Staates zeigte sich ihre Kontinuität mit ihren überlieferten Wurzeln. Das ist das, „was die Traditionalisten nicht anerkennen wollen“.

Die Tatsache der Diskontinuität oder des Bruches

In der Tat hätte die Diskontinuität nicht deutlicher ausfallen können, als sie sich gerade auf dem II. Vatikanum zeigte. Denn unmittelbar bevor dieses mit „Dignitatis humanae“ die Religionsfreiheit und den religiös neutralen Staat auf seinen Schild hob, hatte man ein Dokument verworfen, welches von der Vorbereitenden Konzilskommission unter Kardinal Ottaviani als Schema über das Verhältnis von Kirche und Staat entworfen worden war, um dem Konzil zur Verabschiedung vorgelegt zu werden. Darin lesen sich die Dinge nun tatsächlich ganz anders.

Zunächst wird auch in diesem Dokument freilich festgestellt, daß Kirche und Staat klar unterschiedene, je eigenständige Gesellschaften sind. Jede von ihnen „besitzt die notwendigen Befugnisse, um ihre eigene Mission in gehöriger Weise zu erfüllen“, und „jede ist auch vollkommen, das heißt sie steht in ihrer Ordnung an der Spitze und ist also unabhängig von der anderen und Inhaberin der gesetzgebenden, gerichtlichen und exekutiven Gewalt“. „Diese Unterschiedenheit der beiden Gemeinwesen, wie eine ständige Tradition sie lehrt, beruht auf den Worten des Herrn: ‘Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist’“ (Mt. 22,21). Aha, also doch Kontinuität!

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