Der Restaurator

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Wir sehen, das große Anliegen, um das es Ratzinger immer wieder geht, ist die Versöhnung der nachkonziliaren liturgischen Entwicklung mit der Tradition. Er möchte den Eindruck des Bruches, der durch die allzu abrupte und gewaltsame Einführung der Neue Messe entstanden ist, wieder beseitigen. Ratzinger unterscheidet darum stets zwischen der vom Zweiten Vatikanischen Konzil intendierten Erneuerung der Liturgie, wie sie in der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium angeregt worden ist, und der tatsächlichen Umsetzung der Konstitution in den kirchlichen Dokumenten und der liturgischen Praxis in den Jahren nach dem Konzil. Trotz der Schwachpunkte in der nachkonziliaren Liturgiepraxis sind nach Ratzinger die Schätze der Liturgiereform des Konzils noch keineswegs ausgeschöpft. Die Liturgie muß sich demgemäß weiter entwickeln in einer Reform der Reform, die in einer neuen Synthese aus alt und neu ihren Abschluß finden wird.

3. Ein Beispiel für die Reform der Reform

Es wird Sie sicherlich interessieren, wie sich Ratzinger eine solche Reform der Reform konkret denkt. Wir sind auch hierbei durchaus nicht auf Vermutungen angewiesen, sondern können auf Aussagen Ratzingers in seinen Schriften zurückgreifen.

a) Ratzinger beklagt einerseits:

In der nachkonziliaren Liturgie rückt der Priester in das eigentliche Zentrum der Feier. Alles hängt darum von ihm ab, und je kreativer der Priester ist, desto besser erlebt man die Liturgie. Da nun der Priester nicht jeden Tag auf gute Ideen für eine neue Meßgestaltung kommen kann, sind Liturgiegruppen entstanden, die ihrerseits zur kreativen Gestaltung der Liturgie beitrugen. So war aber Gott nicht mehr wichtig, sondern das, was Menschen machen, einbringen und schaffen. Das Ergebnis solcher Priesterzentrierung ist nach Ratzinger eine neue Form der Klerikalisierung der Liturgie: „In Wahrheit ist damit eine Klerikalisierung eingetreten, wie sie vorher nie existiert hatte. Nun wird der Priester – der Vorsteher, wie man ihn jetzt lieber nennt – zum eigentlichen Bezugspunkt des Ganzen. Alles kommt auf ihn an. … Die Wendung des Priesters zum Volk formt nun die Gemeinde zu einem in sich geschlossenen Kreis. Sie ist – von der Gestalt her – nicht mehr nach vorne und oben aufgebrochen, sondern schließt sich in sich selber“ (Der Geist der Liturgie, 70).

Anders verhalte es sich bei der Feier „versus Deum“, „zu Gott hin gewendet“. Es ist die alte Form der Zelebration zum Osten hin, dorthin also, von wo man seit alters her den Herrn bei seiner Wiederkunft erwartete. Im Osten geht die Sonne auf, das Symbol des auferstandenen Christus. Es ist die Zelebration, bei der die Gläubigen „conversi ad Dominum“ sind, „zum Herrn hin gekehrt“. Darum ist nach Ratzinger die Rede von einer Zelebration „mit dem Rücken zum Volk“ falsch. Sie suggeriert nämlich, daß der Priester getrennt von den Gläubigen in der Kirche die Liturgie feiere. „Es handelte sich – wie es einer der Väter der Litugiekonstitution des II. Vaticanums, J.A. Jungmann, ausdrückte – vielmehr um Gleichrichtung von Priester und Volk, die sich gemeinsam in der Prozession zum Herrn hin wußten. Sie schließen sich nicht zum Kreis, schauen sich nicht gegenseitig an, sondern sind als wanderndes Gottesvolk im Aufbruch zum Oriens, zum kommenden Christus, der uns entgegengeht“ (Der Geist der Liturgie, 70).

Für Ratzinger ist die Hinwendung von Priester und Gläubigen zum Osten, auf Christus, die aufgehende Sonne, ein wesentliches Element der Meßfeier. Dabei handelt es sich um eine bereits auf apostolische Zeit zurückzuführende Zelebration: „Vor allem aber ist über alle Variationen hinaus bis tief ins 2. Jahrtausend hinein für die ganze Christenheit eines klar geblieben: Die Gebetsrichtung nach Osten ist Tradition vom Anfang her und grundlegender Ausdruck der christlichen Synthese von Kosmos und Geschichte, von Verankerung im Einmaligen der Heilsgeschichte und von Zugehen auf den kommenden Herrn“ (Der Geist der Liturgie, 65 f).

b) Wie Ratzinger das Problem löst

Ratzinger schlägt nun vor, daß die Zelebration gegen Osten (wieder?) mit dem Zeichen des Menschensohnes in Verbindung gebracht werden sollte. Dieses Zeichen ist das Kreuz, das den wiederkommenden Christus ankündigt. Er schlägt darum vor, daß da, wo aus architektonischen oder praktischen Gründen eine Zelebration zum Osten nicht möglich ist, ein überall sichtbares Kreuz auf den Altar gestellt werden soll. Dieses Altarkreuz ist dann gleichsam der „innere Osten des Glaubens“ (ebenda, 73). „Es soll in der Mitte des Altares stehen und der gemeinsame Blickpunkt für den Priester und für die betende Gemeinde sein. So schauen wir auf den, dessen Tod den Tempelvorhang aufgerissen hat – auf den, der für uns vor dem Vater steht und uns in seine Arme schließt, uns zum lebendigen neuen Tempel macht“ (Der Geist der Liturgie, 73).

So wird also die Reform der Reform unserer Altäre aussehen: Das Zeichen des Menschensohnes soll in der Mitte des Altares stehen und der gemeinsame Blickpunkt für den Priester und für die betende Gemeinde sein.

Sie werden doch nicht etwa enttäuscht sein von diesem genialen Einfall Ratzingers, ein Kreuz in die Mitte des Altares (damit ist wohlbemerkt der Luther- oder Freimaurertisch gemeint!) zu stellen? Sie meinen, früher – genauer gesagt nachtridentinisch – sei der Mittelpunkt der Tabernakel gewesen, auf dem dann selbstverständlich auch ein Kreuz stand? Aber Sie müssen doch verstehen, so extrem darf dann eine Reform der Reform dann doch auch wieder nicht ausfallen. Wenn schon eine Reform der Reform, dann natürlich auf der Basis der Liturgie der Urkirche, da hat man doch noch viel mehr Möglichkeiten als nach dem Tridentinum. Die Liturgie der Urkirche natürlich in der ratzingerschen Kontinuität einer äußerst lebendigen Tradition verstanden. Und, wir sollten das nicht vergessen, beide Riten sollen sich gegenseitig befruchten – wobei die Norm natürlich die Neue Messe ist und bleibt, der “ordentliche Ritus” nach dem Sprachgebrauch des Motu proprio “Summorum Pontificum”. Da hat der Tabernakel und der eucharistische Herr selbstverständlich keinen Platz mehr auf den Altären dieser Kirche. …

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Und wie ist es heute? Während Benedikt XVI. noch eine gewisse theologische Systematik zeigte und darum auch berechenbar war, scheint sein Nachfolger keinerlei Theologie mehr zu besitzen, Theologie im eigentlichen Sinn des Wortes. Darum ist er auch im Grunde unberechenbar. Das einzige Kontinuum seiner Amtszeit ist seine absolute Stillosigkeit, die eine gewisse Lust zu haben scheint, jegliche Ordnung zu zerstören, was sodann als Armut kaschiert oder besser gesagt karikiert wird. Daß ihm deswegen an der traditionellen Liturgie nicht nur nichts liegt, sondern er diese als einen längst überwundenen Anachronismus ansieht, ist jedem denkenden Menschen sofort einleuchtend. Ein sich noch verstärkender liturgischer Wildwuchs ist somit vorprogrammiert – also auf zum liturgischen Dschungelcamp!

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