Der Restaurator

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Wie sieht nun Ratzinger sein eigenes Verhältnis zur Liturgie? In seiner Autobiographie „Aus meinem Leben“ schreibt er: „Natürlich habe ich das (den ganzen Reichtum der Liturgie) als Kind nicht im einzelnen erfaßt, aber mein Weg mit der Liturgie war doch ein kontinuierlicher Prozeß eines Hineinwachsens in eine alle Individualitäten und Generationen übersteigende große Realität, die zu immer neuem Staunen und Entdecken Anlaß wurde. Die unerschöpflichen Realitäten der katholischen Liturgie haben mich durch alle Lebensphasen begleitet, so wird auch immer wieder die Rede davon sein müssen“ (Aus meinem Leben, 23).

Die Liturgie gehört unlösbar zu einem katholischen Leben hinzu, denn unser Glaube lebt großteils aus dem Geheimnis der hl. Liturgie, in welcher uns die unerschöpflichen Realitäten Gottes und unsers Heiles in Jesus Christus erschlossen werden. Etwas später erklärt er in demselben Buch: „So wie ich das Neue Testament als die Seele aller Theologie verstehen lernte, so begriff ich Liturgie als ihren Lebensgrund, ohne den sie verdorren muß. Deswegen habe ich zu Beginn des Konzils den Entwurf der Liturgie-Konstitution, der alle wesentlichen Erkenntnisse der Liturgischen Bewegung aufnahm, als einen großartigen Ausgangspunkt für die Kirchenversammlung angesehen. … Kirche war für uns vor allem lebendig in der Liturgie und im großen Reichtum der theologischen Überlieferung“ (Aus meinem Leben, 64).

Wenn man solche Aussagen liest, so fragt man sich etwas verwundert: Denkt also Ratzinger ganz katholisch? Ist er vielleicht sogar ein geheimer Anhänger der trid. Messe? Wie immer, wenn der Theologe Ratzinger „ganz katholische“ Aussagen macht, darf man nicht einfach bei diesen Aussagen stehen bleiben, sondern man muß weiterlesen. Nur dann wird man sein wahres Denken verstehen lernen, wenn man das Ganze – d.h. beide Seiten der ratzingerschen Dialektik – im Blick behält.

2. Ratzinger und die „alte“ Liturgie

Wie also steht Ratzinger zur alten Liturgie? Hierzu ein sehr aufschlußreicher Text aus seinem Buch „Der Geist der Liturgie“: „Man könnte sagen, daß die Liturgie damals – 1918 – in mancher Hinsicht einem Fresko glich, das zwar unversehrt bewahrt, aber von einer späteren Übertünchung fast verdeckt war: Im Meßbuch, nach dem der Priester sie feierte, war ihre von den Ursprüngen her gewachsene Gestalt ganz gegenwärtig, aber für die Gläubigen war sie weithin unter privaten Gebetsanleitungen und -formen verborgen. Durch die Liturgische Bewegung und durch das Zweite Vatikanische Konzil wurde das Fresko freigelegt, und einen Augenblick waren wir fasziniert von der Schönheit seiner Farben und Figuren“ (Der Geist der Liturgie, 7 f).

Sehen Sie, das haben Sie sicher noch nicht gewußt: „durch das Zweite Vatikanische Konzil wurde das Fresko freigelegt“, durch die Liturgische Bewegung und durch das glorreichste aller Konzilien ist die wahre Gestalt der Messe wieder sichtbar geworden, so daß wir einen Augenblick „fasziniert von der Schönheit seiner Farben und Figuren“ waren. Ist es Ihnen bei Betrachtung des Konzils und seiner Liturgie auch schon einmal so gegangen? Wenn ich ehrlich bin, ich war noch nie fasziniert von der Schönheit seiner Farben und Figuren, wenn ich den Greuel der Verwüstung an heiliger Stätte betrachtet habe, wie wir ihn seit dem glorreichsten aller Konzilien in fast allen Kirchen des ganzen katholischen Erdkreises Tag für Tag erleben. Es wäre jedoch interessant, diesen Augenblick, von dem Ratzinger hier spricht, geschichtlich genauer zu fassen. Meint er damit vielleicht die Übergangsmesse zur sog. Neuen Messe von 1964? Mag es sein wie immer, jedenfalls dürfte jedem in dieser Sicht der liturgischen Entwicklung vor und während des Konzils klar geworden sein, daß Ratzinger nicht einfach ein Anhänger der sog. alten Messe ist.

Wir wollen also festhalten:

Er sagt´s so schön und angenehm, was erstens käm:

Die ursprüngliche Gestalt der hl. Messe ist wie ein altes Fresco übertüncht worden. Das Konzil wollte darum ganz zu Recht den alten Ritus revidieren, d.h. von den vielen „Übertünchungen“ befreien und so den ursprünglichen Glanz und die strahlende Schönheit der Liturgie wieder zum Leuchten bringen. Und weiter:

Er sagt´s so schön und angenehm, was zweitens käm:

„Aber inzwischen ist es durch klimatische Bedingungen wie auch durch mancherlei Restaurationen oder Rekonstruktionen gefährdet und droht zerstört zu werden, wenn nicht schnell das Nötige getan wird, um diesen schädlichen Einflüssen Einhalt zu gebieten. Natürlich darf es nicht wieder übertüncht werden, aber eine neue Ehrfurcht im Umgang damit, ein neues Verstehen seiner Aussage und seiner Wirklichkeit ist geboten, damit nicht die Wiederentdeckung zur ersten Stufe des definitiven Verlustes wird“ (Der Geist der Liturgie, 8). Die Erneuerung des Ritus durch Paul VI. ist leider etwas über das Ziel hinausgeschossen. Zudem haben die vielen Übertreibungen der liturgisch allzu Bewegten den neuen Ritus so sehr in Verruf gebracht, daß er nicht mehr den gewünschten Erfolg gebracht hat. Darum wünscht Ratzinger zwar im Sinne der Vorgaben der Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils eine Rückkehr des alten tridentinischen Meßritus, doch geht es ihm durchaus nicht darum, den nachkonziliaren Meßritus durch den alten tridentinischen Ritus zu ersetzen, sondern:

Er sagt´s so schön und angenehm, was drittens käm:

Es geht vielmehr um eine Erneuerung der Liturgie in der Weise, daß sie keinen Bruch mehr darstellt, sondern „organisch“ (so wie Ratzinger das versteht) aus dem Alten herausgewachsen erscheint. Das heißt, der tridentinische Ritus soll nur der Ausgangspunkt für einen neuen Ritus sein, also für die von Ratzinger schon oft herbeigeredete „Reform der Reform“ (Dag Tessore, Introduzione a Ratzinger, 86). Einerseits soll darum der tridentinische Ritus als eigener Ritus wieder einen festen Platz in der Kirche haben, weil er nicht hätte verboten werden dürfen und weil eine legitime Pluralität von Riten in der Kirche vom Zweiten Vatikanischen Konzil ausdrücklich gewünscht worden ist; andererseits erfüllt der tridentinische Ritus eine Vorbildfunktion für eine „Reform der Reform“ der nachkonziliaren Liturgie. Oder wie es im Begleitbrief zum Motu proprio heißt: „Im übrigen können sich beide Formen des Usus des Ritus Romanus gegenseitig befruchten: Das alte Meßbuch kann und soll neue Heilige und einige der neuen Präfationen aufnehmen.“ Der tridentinische Ritus ist somit für Ratzinger durchaus nicht unantastbar. Er soll sich, genauso wie sein modernistischer Gegenpart, einer Weiterentwicklung öffnen, damit sie sich gegenseitig beeinflussen und verändern können. Am Ende einer solchen „Reform der Reform“ könnte es sodann in der katholischen Kirche wieder einen offiziellen Meßritus geben, nämlich den im Rückspiegel des tridentinischen Ritus restaurierten Meßritus Papst Pauls VI.

Hierzu noch eine Anmerkung Ratzingers, damit wir das alles auch richtig verstehen: „Um nicht mißverstanden zu werden, möchte ich sagen, daß ich inhaltlich (von einzelnen Kritiken abgesehen) sehr dankbar bin für das neue Missale, für die Ausweitung des Schatzes der Orationen, der Präfationen, für die neuen Kanongebete, für die Vermehrung der Meßformulare an Werktagen und so weiter, ganz zu schweigen von der Möglichkeit der Muttersprache. Aber ich halte es für ein Unglück, daß man dabei die Vorstellung eines neuen Buches erweckt hat, anstatt das Ganze in der Einheit der Liturgiegeschichte zu präsentieren. Ich glaube daher, daß eine neue Auflage deutlich wird zeigen und sagen müssen, daß das so genannte Missale Pauls VI. nichts anderes als eine erneuerte Fassung desselben Missale ist, an dem schon Pius X., Urban VIII., Pius V. und deren Vorgänger bis zurück in die Zeit der werdenden Kirche gewirkt haben. Das Bewußtsein der ungebrochenen inneren Einheit der Geschichte des Glaubens, die sich in der stets gegenwärtigen Einheit des aus dieser Geschichte kommenden Betens darstellt, ist für die Kirche wesentlich. … Es geht darum, ob der Glaube durch Verordnung und gelehrte Forschungen entsteht oder in der lebendigen Geschichte der durch die Jahrhunderte identischen Kirche auf uns zukommt“ (Das Fest des Glaubens, 78).

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