Der Restaurator

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Nach dem Rücktritt Benedikts XVI. haben die folgenden Gedanken aus dem Jahr 2007 sicherlich in dem Sinne keine aktuelle Bedeutung mehr, als sein Nachfolger ganz andere Wege zu gehen beliebt und darum eine Reform der Reform in der Liturgie momentan eher unwahrscheinlich scheint. Sie bleiben jedoch insofern durchaus noch bedenkenswert, als die schon beginnende Glorifizierung Ratzingers zum Märtyrer, der die „alte Messe“ wieder zugelassen hat, vor allem unter den sog. Traditionalisten schnell wird vergessen lassen, daß Joseph Ratzinger immer ein Modernist, wenn auch ganz eigener Art, war – und daß ihm letztlich an der wahren hl. Messe niemals etwas gelegen ist. Das mag vielleicht für die Zukunft ganz lehrreich sein, wenn im Zuge der Abwechslung und im Sinne der Pendelbewegung dereinst nach Franziskus wieder ein anderer Wind aus Neu-Rom weht.

Der Restaurator

„Er sagt´s so schön und angenehm,
was erstens, zweitens, drittens käm.“

Dieser Satz Willhelm Buschs paßt nicht nur zu einem rechten Pädagogen, er paßt durchaus auch zu Benedikt XVI. Der Mann aus Bayern ist sicherlich alles andere als ein Rätsel. Denn für jeden, der es nur hören will, sagt er ganz deutlich, was er meint und was er vorhat. Trotzdem trifft man zur Zeit auf eine recht merkwürdige Erscheinung im kirchlichen Raum. Während die halbkonservativen Vertreter der Amtskirche ihren Papst so ernst nehmen, wie er wirklich ist, wird von den Konservativen im traditionalistischen Lager dem Mann in Rom immer häufiger eine Absicht untergeschoben, die seinen Worten und Taten genau entgegengesetzt ist. Es kommt einem langsam schon so vor, als würde man bei einem Großteil der Traditionalisten nach dem Motto leben: Der Mann in Rom kann sagen und tun, was er will, wir wissen jeweils viel besser, was er eigentlich sagen und tun wollte. (Dies ist übrigens ganz im Sinne der Erkenntnistheorie eines Mgr. Fellay, Generaloberer der „Piusbruderschaft“, welcher unlängst geäußert haben soll, niemand könne – all seinen Aussagen, Vorträgen, Predigten und unzähligen Interviews zum Trotz – wissen, was er meine und denke, der nicht in seinem Kopf sei.)

Als Beispiel ist hier besonders das Motu proprio “Summorum Pontificum” anzuführen. Dazu hört man von der FSSPX, und zwar von oberster Stelle, das römische Schreiben, bzw. manche Aussagen desselben seien „nur“ politisch gemeint, um den Bischöfen entgegenzukommen. Mgr. Fellay glaubt jedenfalls nicht, daß vor allem der Begleitbrief an die Bischöfe insgesamt die Gedanken des Papstes wiedergebe. Warum er das glaubt, verrät der Generalobere zwar nicht, anderseits muß er natürlich so reden, weil er immerhin das römische Schreiben für „ein sehr bedeutsames historisches Ereignis“ in der Kirchenhistorie und in der nachkonziliaren Geschichte hält, wobei er sich dann doch wieder darüber beschwert, daß zumindest in dem beigegebenen Brief an die Bischöfe der Kreis zum Quadrat gemacht würde. Vielleicht sollte sich die Führungsspitze der FSSPX einfach einmal entscheiden, was man dort für das Richtige hält, um nicht ständig auf beiden Seiten Wasser tragen zu müssen. (Heute kann man nur verwundert feststellen, daß die Verantwortlichen der FSSPX sich nicht entschieden haben, sondern weiterhin auf beiden Seiten Wasser trugen, was dazu führte, daß sie nunmehr, nach dem Rücktritt Benedikts XVI., vollkommen im Regen stehen und zudem sich ein Teil der Gemeinschaft entschlossen hat, eine eigene Bruderschaft zu gründen.)

Wir dagegen wollen uns nicht in irgendwelchen irrationalen Vermutungen verlieren – was Benedikt XVI. vielleicht hätte meinen können, wenn er gekonnt hätte, wie er vielleicht wollte und wir Traditionalisten dachten, daß er hätte wollen sollen – nein, wir wollen sehen, wie Ratzinger in Wirklichkeit denkt.

Und wenn man sich nur ein wenig Mühe gibt, dann stellt man sehr schnell, wie schon anfangs angesprochen, fest: „Er sagt´s so schön und angenehm, was erstens, zweitens, drittens käm.“ Wenn man es nur wahrhaben will, dann ist Ratzinger in seinen Aussagen glasklar – glasklar trotz seiner dialektischen Denk- und Vorgehensweise. Man muß sich nur in seine Eigenart hineindenken und bei ihm selber nachlesen. Dieser Mühe wollen wir uns ein klein wenig unterziehen.

Vorneweg noch ein kleiner Hinweis auf die grundsätzliche Art des Vorgehens Joseph Ratzingers. In dem Buch „Die ‚Neue Theologie’“ bringt es Mgr. Francesco Spadafora in dem Artikel über „Ratzinger, ein Theologe ohne Glaube“ unter der Überschrift „Der Mythos des ‚Restaurators’” auf dem Punkt: „Ratzinger ist immer derselbe: Den Auswüchsen, von denen er sich (oft durch glücklicherweise beißende Entgegnungen) distanziert hält, setzt er nie die katholische Wahrheit entgegen, sondern einen offensichtlich gemäßigteren Irrtum, der aber in der Logik des Irrtums zu den gleichen zerstörerischen Schlußfolgerungen führt.“

Diese Eigenart des Vorgehens muß ständig bedacht werden, um Ratzinger recht verstehen zu können: Ratzinger war immer und bleibt all die Jahre hindurch ein gemäßigter Modernist, der zwar in „Kampf“ gegen die progressiven Modernisten steht, ohne freilich jemals den Modernismus als solchen in Frage zu stellen. Er will den Modernismus durchaus nicht überwinden, sondern ihn nur in eine gemäßigtere Gangart bringen, damit er sich nicht totläuft. Insofern gilt Ratzinger für die Kurzsichtigen als konservativ und als Restaurator.

Aber nun zum Thema. Uns interessiert im Zusammenhang mit dem 2007 erschienen Motu proprio vor allem die Frage der Liturgie. Was will Ratzinger erreichen, wenn er die „alte“ Messe wieder zuläßt? Was hat er darüber schon alles gesagt?

1. Ratzinger und die Liturgie

Joseph Ratzinger wird ein besonderes Gespür für die Liturgie zugeschrieben. Er ist kein liturgisch Bewegter, der jeden Sonntag eine neue Messe erfinden muß, um interessant zu bleiben, sondern er hat sich eine gewisse bayerisch barocke Art bewahrt, einen liturgischen Stil, der zumindest gegenüber der modernistischen Stillosigkeit auffällt. Schon hier sei jedoch kurz angemerkt, daß ihn das durchaus nicht hindert, auch einen Gottesdienst wie etwa beim Weltjugendtag in Köln zu leiten, bei dem all jene liturgischen Zumutungen zum Programm gehören, die er sonst so scharf geißeln kann.

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