Von Heiligen

image_pdfimage_print

Dem Autor wäre nun freilich die Gegenfrage zu stellen: Gilt das nun nur für die Heiligsprechungen oder auch für die dogmatischen Entscheidungen? Denn schließlich hat der Roncalli-Papst auch in den dogmatischen Entscheiden auf Verurteilungen und auf feierliche Urteile verzichtet! Man müßte also in gleicher Weise wie bei den Heiligsprechungen auch bei den dogmatischen Entscheidungen zurückschließen: Weil der Roncalli-Papst auf dem 2. Vatikanum auf jegliche Verurteilungen und zudem auf alle feierlichen Urteile verzichtete, haben auch die früheren Päpste niemals bei Konzilien Unfehlbarkeit beansprucht! Dabei kommt noch erschwerend dazu, daß der Verzicht auf Verurteilungen und auf feierliche Urteile auf dem Konzil ganz ausdrücklich gemacht worden ist, während bei den Heiligsprechungen dieser Verzicht nur stillschweigend gemacht wurde, wohingegen die feierlichen Urteile immer noch Praxis sind! Nochmals, wenn dieser Rückschluß nur nicht allzu verwegen (temerarius) geraten ist!

Die Lösung der Schwierigkeit scheint wohl doch ganz anders geartet zu sein, als es sich der Autor im Rom-Kurier wünscht. Schließlich haben der Roncalli-Papst und seine Nachfolger nicht nur bei den Heiligsprechungen, sondern auch in ganz anderen Bereichen der Disziplin und Lehre Dinge gewagt und gesagt und getan, welche niemals vor ihnen irgendein Papst gewagt und gesagt und getan hätte. Kein Mensch käme wegen dem neuen Kurs in Rom auf die Idee, zu behaupten, deswegen wären früher alle dem widersprechenden Akte nicht unfehlbar gewesen! Ich wüßte wenigstens außer den Modernisten wirklich keinen, der aus den Neuerungen der Konzilspäpste schlösse, die früheren Päpste hätten in all diesen Dingen nicht mit ihrer höchsten Lehrautorität entschieden. Vielmehr sind wir als Katholiken gezwungen, uns umso treuer an die Lehren und an die Disziplin der früheren Päpste zu halten, je mehr das moderne Rom von der kirchlichen Tradition abweicht, um nicht von dem modernen Rom vollkommen in die Irre geführt zu werden.
Der Weisheit letzter Schluß scheint daher ganz woanders zu liegen, als der ungekannte Autor des Artikels im Rom-Kurier wähnt?

3. Noch ein Wort zum hl. Thomas

Auch der hl. Thomas wird von dem Autor des Rom-Kuriers in einem gedanklichen Salto mortale als Zeuge der Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen ausgeschaltet. Dabei scheint der Autor erhebliche Mühe zu haben, die Aussageabsicht des Heiligen recht verstehen zu können, die doch bei der angeführten Stelle ganz eindeutig ist und schon im Rahmen unserer Arbeit vom Dogmatiker Heinrich dargelegt wurde (s. oben).

Unser Autor meint dagegen wieder einmal gegen alle Theologen aus dem Wortgebrauch des hl. Thomas schließen zu können: „Sooft nun der hl. Thomas den Ausdruck ‘man muß fromm glauben’ (pie credendum est) oder die ähnliche Formulierung: ‘pie creditur‘ (in frommer Weise glauben die Gläubigen) benutzt, gibt es tatsächlich keine, noch kann es eine unfehlbare Weisung der Kirche geben, denn die Grundlagen (dieser Worte) beruhen keinesfalls auf der Offenbarung (oder es geht nicht um die für das Heil notwendige Wirklichkeit); aber es sind doch mehr oder weniger entscheidende Gründe vorhanden zu denken, daß die Dinge auf eine bestimmte Weise feststehen“. „Die allgemeine Kenntnis, daß die Offenbarung uns die Art und Weise zeigt, wie Gott gewöhnlich handelt“ liefert uns diese Begründung. Demnach will jener bei der Heiligsprechung benutzte Ausdruck „pie credendum est“ (man muß fromm glauben) uns sagen, daß „es keine feste Grundlage in der Offenbarung hat und haben kann; deshalb darf niemand die Heiligsprechung als eine Tat betrachten, welche die Garantie besitzt, unfehlbar zu sein. Freilich ist die Heiligsprechung ein Glaubensakt, den wir durch die allgemeine Hilfe des Geistes in der Kirche vollziehen. Deshalb fordert die Kanonisation uns auf, sie als irrtumsfrei anzusehen.“

Zunächst muß wieder einmal festgestellt werden, ganz im Gegensatz zu unserem Autor, der behauptet, der vom hl. Thomas benützte Ausdruck „pie credendum est“ (man muß fromm glauben) zeige, daß die Heiligsprechung keine feste Grundlage in der Offenbarung habe, schreibt der Dogmatiker De Groot OP (FR. J.V. De Groot OP, Summa Apologetica de Ecclesia Catholica ad mentem S. Thomae Aquinatis. Ratisbonae 1892, S. 298ff): „Daß der Partikel pie (=fromm) nicht dazu angefügt wird, die Sicherheit zu vermindern, ersieht man aus dem Bedeutungszusammenhang des Artikels, aus welchem nicht eine Meinung sondern eine Sicherheit bewiesen wird, daß die Kirche bei der Heiligsprechung nicht irren könne. Also wird damit allgemein ein höchster Grad im frommen Glauben bezeichnet, wie aus Bened. XIV., o. c. lib. I. cap. XLIII. n. 13 ersichtlich wird.“

Sodann ist es kaum zu glauben, unser „Theologe“ scheint noch niemals etwas von einem direkten und indirekten Materialobjekt des Glaubens gehört zu haben und deswegen auch nichts von der Unterscheidung zwischen göttlichem und kirchlichem Glauben zu wissen. Aus diesem Grunde kommt er zu der doch recht merkwürdigen Ansicht, daß die Heiligsprechungen zwar nicht unfehlbar sind, aber dennoch die Kanonisation eines Heiligen uns auffordert, sie als irrtumsfrei anzusehen und zwar durch die allgemeine Hilfe des Geistes in der Kirche! Es steht wirklich so da, einerseits darf niemand die Heiligsprechung als eine Tat betrachten, welche die Garantie besitzt, unfehlbar zu sein, anderseits fordert die Kanonisation uns auf, sie als irrtumsfrei anzusehen! Wobei dann aber doch wieder die Heiligen in die Hölle kommen können – jedenfalls wissen wir (irrtumsfrei) nichts Gewisses!

Hinzu kommt noch: Das mit der allgemeinen Hilfe des Geistes in der Kirche hat für uns Katholiken so seine Probleme. Die Wahrheit über diese Frage ist doch vielmehr die: Wir vollziehen einen Glaubensakt durchaus nicht durch die allgemeine Hilfe des Geistes in der Kirche, sondern aufgrund der propositio ecclesiae, d.h. mittels der Kirche, welche uns durch den Beistand des Heiligen Geistes unfehlbar diese Lehre zu Glauben vorlegt, weshalb sie auch von allen Gläubigen als kirchlicher Glaube (= fides ecclesiastica) als irrtumsfrei festgehalten werden muß.

Ganz entsprechend dieser Lehre sagt auch der hl. Thomas: „Denn die Ehre, welche wir den Heiligen schulden, ist gewissermaßen ein Glaubensbekenntnis, mit welchem wir die Heiligen als in der Glorie seiend glauben“ (Quodl. 9, q. 7, a. 16. «honor enim, quem sanctis exhibemus, quaedam professio fidei est, qua sanctorum gloriam credimus»). Und Bennetis kommentiert: „Daß nämlich die Reinheit des Glaubens nicht durch einen abergläubischen Kult Schaden leide und die Kirche durch einen den Verstorbenen ungeschuldeten Kult in die Gefahr des Irrtums komme, muß dessen Heiligkeit und Ehrwürdigkeit vollkommen sicher sein.“ (Bennetis, Privil. Rom. Pont. Tom 4, 1c).

Der hl. Thomas sagt also ganz treffend „gewissermaßen ein Glaubensbekenntnis“ weil es sich nicht um ein direktes, sondern ein indirektes Objekt der Unfehlbarkeit handelt, wodurch aber dennoch, wenn auch indirekt, die Reinheit des Glaubens betroffen und gesichert wird. Wer hat da nun den hl. Thomas recht verstanden, De Groot und Bennetis oder der Autor vom Rom-Kurier?

Zur Entscheidungshilfe für den geneigten Leser soll nochmals der hl. Thomas selbst kurz zu Wort kommen:

Einwand 1: “Niemand kann über den (Seelen-)Zustand von jemand anderen sicher sein, so wie über seinen eigenen (Seelen-)Zustand, wie es in I Cor. II, 11 heißt. Ja, der Mensch kann nicht einmal sicher sein über sich selbst, ob er im Stand des Heiles sei, so heißt es nämlich in Eccle. IX, 1: Niemand weiß, ob er des Hasses oder der Liebe würdig sei. Folglich kann der Papst bei der Heiligsprechung irren. (Quodl. IX q. 8 arg. 1)
Antwort: „Der Papst, der die Heiligen kanonisiert, kann den (Seelen-)Zustand von jemandem feststellen durch die Untersuchung des Lebens und das Zeugnis der Wunder; und insbesondere durch die Eingebung des Heiligen Geistes, der alles erforscht, selbst die Tiefen Gottes.” (Quodl. IX, q. 8 ad 1)
Einwand 2: “jeder der sich beim Urteil auf fehlbare Mittel stützt, der kann irren. Nun aber stützt sich die Kirche bei der Heiligsprechung auf menschliche Zeugnisse, da sie durch Zeugen über das Leben und die Wunder Auskunft sucht. Da aber menschliche Zeugen fehlbar sind, scheint auch die Kirche bei der Heiligsprechung irren zu können. (Quodl. IX, q. 8 arg. 2)
Antwort 2: die göttliche Vorsehung bewahrt die Kirche davor, daß sie in diesem Fall durch das fehlbare Zeugnis der Menschen irrt.” (Quodl. IX, q. 8 ad 2)

Schlussfolgerung

„Daher ist es also unter den gegenwärtigen historischen Umständen von größter Nützlichkeit, klare Ideen von der Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen zu haben. Wir hoffen, daß die von uns oben dargelegte Studie in diesem Sinne eine zuverlässige Hilfe sein wird“, so heißt es im Rom-Kurier. Wir haben gesehen, daß der Artikel im Rom-Kurier leider diese Hoffnung nicht erfüllen konnte, doch hoffen wir nun unsererseits, den Weg dazuhin aufgezeigt zu haben, wirklich klare Ideen von der Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen gewinnen zu können, so daß die Heiligen wieder rechte Heilige sind, um als solche verehrt und angerufen zu werden – und nicht zweifelhafte Heilige, nicht existierende Heilige oder gar Heilige, die in der Hölle sind.

Im Rahmen dieser Arbeit war es leider nicht möglich, auf die Frage der „neuen“ Heiligsprechungen näher einzugehen, doch dürften diese Seiten genug Hinweise zu diesem Thema enthalten, die einen Lösungsweg zu einem gültigen Urteil zeigen können.

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.