Von Heiligen

image_pdfimage_print

Also, zweifelhafte oder nicht existierende Heilige oder Verdammte „Heilige“ im Meßbuch der hl. Kirche, das wäre durchaus gegen die göttliche Verheißung an die Kirche, weil dadurch der religiöse Kult befleckt und zugleich die ganze Verehrung der Heiligen und ihrer Bilder und Reliquien in der tiefsten Wurzel zerstört wird und dies zudem zur Heiligkeit der Kirche im direkten Widerspruch steht. Dennoch würde das alles nach dem Autor des Rom-Kuriers keinen moralischen Schaden für den Glauben bewirken.

c) Die Absicht zu definieren

Wir haben schon gehört daß Scheeben aus der Tatsache, daß ein Irrtum in der Heiligsprechung „die Sittlichkeit schädigte, die Integrität des innern kirchlichen Lebens und ihres Cultes verletzte und zugleich die ganze Verehrung der Heiligen und ihrer Bilder und Reliquien in der tiefsten Wurzel zerstörte“, schließt: „Darum gebrauchen auch die Päpste bei den Canonisationen Ausdrücke wie ‘Decernimus, declaramus, definimus‘, sie rufen hierbei feierlich den Hl. Geist an und berufen sich ausdrücklich auf die Assistenz des Hl. Geistes“. Scheeben leitet somit, ganz anders als der Autor im Rom-Kurier, aus diesem Wortgebrauch der Päpste ihre Absicht ab, bei der Heiligsprechung ein definitives und somit unfehlbares Urteil fällen zu wollen. Dagegen meint der Rom-Kurier: „Die Formel der Heiligsprechung ist unbestimmter (als bei dogmatischen Definitionen), weil ihr Definitionsbereich kleiner ist, denn sie bestimmt nicht, es sei zu glauben, daß dieser oder jener Mensch heilig sei, sondern nur, daß dieser oder jener ein Heiliger sei“. Und nachdem er einige Beispiele dogmatischer Definitionen angeführt hat, heißt es nochmals: „Weit unbestimmter und allgemeiner klingen die entsprechenden Aussagen der Bullen oder genauer die Dekretalschreiben der Heiligsprechungen“.

Dagegen lesen wir bei Christian Pesch, genauso wie wir es schon bei Scheeben gesehen haben:

„353. Beweis, Teil III. Die Kirche ist bei der Heiligsprechung unfehlbar.
a) Da die Päpste als unfehlbare Lehrer handeln, wenn sie der ganzen Kirche etwas als zu Glauben vorschreiben. Nun aber geschieht dies bei der Heiligsprechung. Also handelt der Papst in der Canonisation als unfehlbarer Lehrer.“

Hierauf führt der Dogmatiker jene Stellen als Beweis an, die dem Autor im Rom-Kurier offensichtlich nicht nur nicht genügen, sondern das Gegenteil beweisen sollen. Bei diesem Urteil steht der Autor des Rom-Kurier jedoch wieder einmal ganz allein auf weiter Flut, denn alle (ich habe 14 Dogmatiken durchgeschaut) Dogmatiken stimmen hier mit Pesch überein und nicht mit dem Rom-Kurier!

Nehmen wir noch die interessante Beweisführung Joaquin Salaverri (Patres SJ, SThS, Vol I (BAC 61; La Editorial Catolica Madrid 1962) pp.714-737, Tr. III: Joaquin SALAVERRI, DE ECCLESIA CHRISTI. Liber II: De Ecclesiae Magisterio eiusque fontibus Caput III: De obiecto Magisterii infalibilis) zu dem von Pesch Gesagten hinzu:

„724. 4) Bezüglich der feierlichen Dekrete Heiligsprechungen. Aus dem Ziel des unfehlbaren Lehramtes bestimmt sich die Unfehlbarkeit bezüglich derartigen Dekreten. Denn das Ziel des unfehlbaren Lehramtes bestimmt sich aus dem, was zum irrtumslosen Leiten der Gläubigen zum Heile durch den rechten Kult und die Nachahmung der Tugendbeispiele der Christen notwendig ist. Nun aber ist zu solch einem Ziel die Unfehlbarkeit der Heiligsprechungsdekrete notwendig. Also bestimmt das Ziel des Unfehlbaren Lehramtes die Unfehlbarkeit bei den feierlichen Dekreten der Heiligsprechung.
Der Obersatz ergibt sich aus der zugrundeliegenden Vollmacht der Kirche zu heiligen, zu welcher andere derartigen Vollmachten unmittelbar hingeordnet sind.
Der Untersatz steht fest, weil die feierlichen Dekrete der Heiligsprechungen die Kirche nicht nur toleriert und zuläßt, sondern sogar der ganzen Herde der Gläubigen empfiehlt und vorschreibt, daß einige bestimmte Heilige zu verehren seinen, welche sie kanonisiert und dieselben stellt sie vor als nachahmenswerte Tugendbeispiele. Nun aber zerstört ein bloßer Irrtum in solch einem feierlichem Urteil, das alle Gläubige verpflichtet, das Fundament des Vertrauens und des allgemeinen Kults der Heiligen. Weil es dadurch geschehen könnte, daß die Kirche allen feierlich vorlegt und für immer vorschreibt, verdammte und schlechte Menschen zu verehren und nachzuahmen. Also ist die Unfehlbarkeit bei den feierlichen Dekreten der Heiligsprechung zur irrtumfreien Führung der Gläubigen zum Heil durch den rechten Kult und die Nachahmung der Tugendbeispiele der Christen notwenig.
725. B. Die Kirche beansprucht die Unfehlbarkeit bei den feierlichen Dekreten der Canonisation der Heiligen. Denn die Kirche beansprucht beständig die Unfehlbarkeit bei denjenigen Dekreten, in welchen sie ein feierliches Urteil fällt. Nun aber definiert die Kirche im feierlichem Urteil die Canonisation der Heiligen. Also beansprucht die Kirche bei den Heiligsprechungsdekreten die Unfehlbarkeit.
Der Obersatz ergibt sich daraus, daß das feierliche Urteil die geeignetste Form der unfehlbaren Definition ist, wie wir aus dem (I.) Vatikanum wissen: D 1792 und CIC 1323 § 2.
Der Untersatz kann bewiesen werden aus den Formeln, mit denen die Heiligsprechungen ausgedrückt werden.“

Hierauf folgen wieder mehrere Beispiele solcher Formeln, etwa von Benedikt XIII., Pius XI., Pius XII. Es ist in unserem Zusammenhang noch ganz besonders hervorzuheben, daß Joaquin Salaverri gerade durch die von den Päpsten Pius XI. und Pius XII. verwandten verstärkten Ausdrücken bei der Heiligsprechung, ganz in Gegensatz zu dem Autor im Rom-Kurier, zu folgender Schlußfolgerung bezüglich des theologischen Gewißheitsgrades kommt: „Nun aber halten alle diese Lehre wenigstens für theologice certa. Jedoch, gemäß dem offensichtlichen Willen von Pius XI. und Pius XII., kann es als implicite definita eingestuft werden.“ Salaverri erhöht also den theologischen Gewißheitsgrad aufgrund derjenigen Formeln zur Heiligsprechung, welche der Rom-Kurier als Beleg dafür anführen zu können meint, daß diese Formeln überhaupt keine Unfehlbarkeit beanspruchen! Wenn das nicht kurios ist! Wobei wir im weiteren noch sehen werden, daß der Rom-Kurier nicht ganz ohne innere Widersprüche über die Runden kommt.

d) Das Fehlen des Bannes und Entwicklung der Heiligsprechungsbullen

Der Autor im Rom-Kurier meint zudem aus dem Fehlen eines Bannes und in der Entwicklung der Heiligsprechungsbullen einen wichtigen Einwand gegen die Unfehlbarkeit konstruieren zu können. Er schreibt: „Trotz einer bestimmten, in die Augen fallenden Gleichheit besteht der grundsätzliche Unterschied zu den dogmatischen Bullen darin, daß der Bann, welcher am Ende der dogmatischen Verlautbarung steht, fehlt und in der Tatsache, daß die herkömmlichen Abschlußklauseln der Heiligsprechungsbullen eine Entwicklung mitgemacht haben.“

Auch zu dieser Behauptung habe ich 14 Dogmatiken durchstudiert, von denen keine einzige dieses Fehlen eines Bannes anspricht oder als Grund gegen die Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen erwähnt. Also wieder einmal scheint allein unser Autor in diesem Fehlen eines Bannspruches einen grundsätzlichen Unterschied zu den dogmatischen Bullen sehen zu können, trotz der ins Auge fallenden Gleichheit (!). Wahrlich ein besonderes gedankliches Kunststück. Abgesehen davon, daß es auch unfehlbare dogmatische Urteile ohne Bannspruch geben kann und gibt!

Aber folgen wir der Argumentation noch etwas weiter, es wird nämlich noch interessanter, da noch die Tatsache näher dargelegt wird, „daß die herkömmlichen Abschlußklauseln der Heiligsprechungsbullen eine Entwicklung mitgemacht haben.“

„Diese Klausel drohte all denen, welche der päpstlichen Bulle entgegenzuhandeln wagten (‘contra-ire‘), mit dem ‘Unwillen des allmächtigen Gottes und der heilige Apostel Petrus und Paulus.’ Anschließend machte diese Klausel (welche noch in den ersten beiden Heiligsprechungsbullen des Roncalli-Papstes gestanden ist) immer sanfteren Formulierungen Platz. Diese Ausdrücke erinnern nur daran, welche Strafen das Recht für die Ungehorsamen vorsieht, sind aber in der letzten Heiligsprechung von Papst Johannes XXIII. und in allen Kanonisierungsdekreten von Papst Paul VI. und Johannes Paul II. vollständig verschwunden. Dieses Verschwinden beweist, wie die überlieferte Klausel die Autorität des Papstes hervorgehoben hatte, zeigt aber auch, daß der Bischof von Rom nie den Anspruch erhob, sie sei unfehlbar.“

Man muß schon sagen, nun wird das Ganze einigermaßen verwirrend! Erstens scheinen die Päpste nun auf einmal doch zumindest Drohungen auszusprechen, indem sie den Zuwiderhandelnden den „Unwillen des allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus“ androhen, was jedoch unseren Theologen offensichtlich nicht besonders zu beeindrucken scheint. So eine Androhung des Unwillens des allmächtigen Gottes und der heiligen Apostel Petrus und Paulus ist ja offensichtlich kein Bannspruch – wenn auch die überlieferte Klausel die Autorität des Papstes hervorgehoben hatte! Und zweitens folgert er in ganz und gar kühner, um nicht zu sagen verwegener (temerärer) Weise aus der Tatsache, daß „diese Klausel (welche noch in den ersten beiden Heiligsprechungsbullen des Roncalli-Papstes gestanden ist (!)) immer sanfteren Formulierungen Platz“ gemacht hat, daß „der Bischof von Rom nie den Anspruch erhob, sie sei unfehlbar“.

Abgesehen davon, daß es somit plötzlich doch in den früheren Texten bis zum Roncalli-Papst eine Klausel zu geben scheint, die zumindest Unfehlbarkeit beansprucht haben könnte, während vorher noch breit erklärt worden ist, in der Formel der Heiligsprechungen sei die Unfehlbarkeit nicht klar genug zum Ausdruck gebracht und das Fehlen eine Bannspruches beweise daß keine Unfehlbarkeit beansprucht werde, wird nun gesagt, diese Formel sei seit dem Roncalli-Papst (glücklicher Weise?) verschwunden, was nun aber beweist, daß „der Bischof von Rom nie den Anspruch erhob, sie sei unfehlbar“!

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.