Von Heiligen

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Das Gefühl hat Professor Öls also nicht getäuscht, daß „die ganze Angelegenheit offenkundig recht unangenehm“ ist, weil nämlich die theologische Sachlage, wie wir schon gehört haben, so ist: „Die Heiligkeit und Seligkeit eines einzelnen Heiligen ist zwar nicht eine Wahrheit der Glaubens- oder Sittenlehre, aber auch nicht ein gewöhnliches partikuläres Factum, bezüglich dessen die Kirche ihrer Wahrheit und Heiligkeit unbeschadet irren kann; sondern es ist ein Factum, das zu den allgemeinen und höchsten Interessen der Religion, insbesondere zu der Verehrung der Heiligen überhaupt, in einem so wesentlichen Zusammenhange steht.“

Zu 2: Einen „Heiligen“ zu verehren, der in der Hölle ist, würde deshalb „keinen moralischen Schaden für den Glauben bewirken“, es wäre nicht „ernst wie der Tod“, so wie wenn etwa „die Gläubigen anfangen, Luther zu folgen“, aber immerhin wäre „die ganze Angelegenheit offenkundig recht unangenehm“.

Wenn wir den Ausführungen von Scheeben und Heinrich folgen, so wird nicht ganz verständlich, warum hier behauptet wird, daß die Verehrung eines unheiligen, ja verdammten „Heiligen“ offensichtlich etwas unangenehm, aber keineswegs ernstzunehmen ist. Immerhin würde dies laut Heinrich die kirchliche Ordnung gefährden, wäre „für das religiöse Leben, für die Heiligkeit und die Autorität der Kirche so nachtheilig“. Es würde sich laut Scheeben gegen die Heiligkeit der Kirche – immerhin ein Glaubensartikel – richten und „die Reinheit und Unversehrtheit des kirchlichen Glaubens und Lebens“ in Gefahr bringen. Wenn also die Gläubigen anfingen, Heilige zu verehren, die in Wahrheit Verdammte sind, so würde dies indirekt und mittelbar den Glauben ebenso schädigen wie wenn sie direkt und unmittelbar anfingen, „Luther zu folgen“. Warum das eine nur „unangenehm“ sein soll, das andere hingegen „ernst wie der Tod“, ist nicht leicht einzusehen.

Zu 3: Selbst wenn die verehrten „Heiligen“ in der Hölle sind, wäre das nicht so schlimm, weil „die Verehrung nur insofern diese Person betrifft, wie die Christen glauben, sie sei heilig und ein Freund Gottes.“

Also etwas anders ausgedrückt: Hauptsache wir Katholiken glauben, der „Heilige“ ist im Himmel und ein Freund Gottes, ob er dann wirklich im Himmel und ein Freund Gottes ist oder in der Hölle und ein Feind Gottes, das ist nicht so bedeutsam, sondern nur zweitrangig.

Ich möchte hierzu einmal einfach in obigen Satz ein anderes Wort anstatt des „Heiligen“ einsetzen, um zu zeigen, was hier genau gesagt ist – nehmen wir einmal „Auferstehung Christi“. Also: Hauptsache wir Katholiken glauben an die Auferstehung Christi, ob Christus dann wirklich auferstanden ist oder nicht, das ist nicht so wichtig, das ist nur zweitrangig! Die historische Grundlage des Glaubens ist nur nebensächlich, wichtig ist allein der Glaube, daß es so ist. Pius X. erklärt in der Enzyklika „Pascendi Dominici Gregis“:

„Auf die weitere Frage, ob Christus wirkliche Wunder gewirkt wirklich Zukünftiges vorausgeschaut, ob Er wirklich auferstanden und in den Himmel aufgefahren sei, hat also die agnostische (= auf die Phänomene beschränkte) Wissenschaft eine ablehnende, der Glaube eine zustimmende Antwort bereit: ohne daß deshalb zwischen beiden Streit entstehen würde. Denn der eine lehnt es als Philosoph (Wissenschaftler), wenn er zu Philosophen (Wissenschaftlern) redet, ab: weil er Christus nur nach der geschichtlichen Wirklichkeit betrachtet; der andere als Glaubender im Gespräch mit Glaubenden stimmt zu: weil er auf das Leben Christi blickt, so wie es dagegen vom Glauben und im Glauben erlebt wird“ (Pius X., Enzyklika „Pascendi Dominici Gregis“; aus “Freude an der Wahrheit” Nr. 20, S 19). Oder in unserem Fall gesagt: Weil „die Verehrung nur insofern diese Person betrifft, wie die Christen glauben, sie sei heilig und ein Freund Gottes.“

In dieser Formulierung zeigt sich nun deutlich der modernistische Glaubensbegriff, der hier unversehens über den modernistischen Dominikaner Öls in den Artikel hereingeschwappt ist – und bedenkenlos zur Begründung der eigenen Ansicht herangezogen wurde! Vielleicht ist deswegen „die ganze Angelegenheit offenkundig recht unangenehm“? Hängen die Heiligsprechungen in Wirklichkeit doch mehr mit dem Glauben zusammen, als es der Autor aus rein pragmatischen Gründen wahr haben möchte? Dieser geht schließlich sogar soweit, zur Begründung seiner Ansicht auf die zweifelhaften oder sogar nicht existierenden Heiligen zu verweisen. Wen der Autor des Artikels wohl am 23. April als Tagesheiligen nennt? Vielleicht den nicht existierenden hl. Georg?

Es ist durchaus nicht so nebensächlich und für die Kirche gleichgültig, wenn jemand als „Heiliger“ verehrt wird, der in Wirklichkeit verdammt ist, wie unser Autor es darstellt. Vielmehr gilt, so erklärt wiederum Heinrich (Dr. J.B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Mainz 1882, zweiter Band, S. 626f): „Die Meisten (Theologen) führen die Unfehlbarkeit der Kirche in der Heiligsprechung auf die Unfehlbarkeit in Sachen der Moral zurück; nicht sowohl deshalb, weil das heilige Leben und der heilige Tod eines Menschen, was sich von selbst versteht, nach den Grundsätzen der christlichen Moral zu beurteilen ist und von der Kirche beurtheilt wird, sondern weil die Heiligkeit der Kirche erfordert, daß die Kirche nicht einen Unheiligen, ja einen Verdammten den Gläubigen als Vorbild der Heiligkeit, als Gegenstand der Verehrung und als Fürbitter im Himmel, vorstelle.“ Billuart geht sogar soweit zu sagen: „Wenn die Kirche in der Canonisation von Heiligen irren würde, dann würde sie das in eine schwere Verachtung und Verunehrung führen, weil sie nämlich die Dämonen verlachen würden, da sie sähen, daß sie jemand als Gefährten ihrer Verdammnis haben, der von den Gläubigen wie ein Freund Gottes und an dessen Glorie anteilnehmend verehrt und angerufen wird.“

Und nochmals Scheeben: „Wäre die Kirche hierbei nicht unfehlbar, so bliebe die Möglichkeit offen, daß sie durch Canonisation eines in Wirklichkeit Unheiligen die Sittlichkeit schädigte, die Integrität des innern kirchlichen Lebens und ihres Cultes verletzte und zugleich die ganze Verehrung der Heiligen und ihrer Bilder und Reliquien in der tiefsten Wurzel zerstörte. Darum gebrauchen auch die Päpste bei den Canonisationen Ausdrücke wie „Decernimus, declaramus, definimus“, sie rufen hierbei feierlich den Hl. Geist an und berufen sich ausdrücklich auf die Assistenz des Hl. Geistes“ (M. J. Scheeben – L. Atzberger, Handbuch der kath. Dogmatik, Bd IV Freiburg/ Br 1933, S 371f).

Als Abschluß der Gedanken soll noch Christian Pesch zu Wort kommen, der als Vernunftgrund für die Unfehlbarkeit des Papstes bei der Heiligsprechung kurz und bündig anführt: „Der Vernunftgrund wird darin gefunden, daß der religiöse Kult befleckt wird, wenn ein Verdammter vom Papst in einer solch feierlichen Weise der ganzen Kirche als zu verehren und als Vorbild der rechten Lebens vorgestellt wird. Deshalb ist die Kirche in diesen Fällen unfehlbar, da sie die Lehrmeisterin des wahren Glaubens in den Dingen der Religion und den Sitten ist. Also ist die Kirche bei den Heiligsprechungen unfehlbar“ (Christian Pesch, Compendium Theologiae dogmaticae Vol. I (?) Pars III. De fontibus theologicis. Articulus III De objecto magisterii ecclesiastici Propositio XLII -XLII, nn. 448 – 357, S. 256-261).

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