Von Heiligen

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Billuart scheint also im Gegensatz zu Bartmann nichts von den Schwierigkeiten und den Schwächen der Argumente bezüglich der Heiligsprechung als unfehlbaren Akt des Lehramtes zu wissen, sondern im Gegenteil diese für eine begründetste Sache zu halten, dessen gegenteilige Meinung kein geeignetes Fundament hat. Und auch hierin sind alle großen Theologen mit Billuart einig und nicht mit dem Autor des Romkurier-Artikels. Aber folgen wir dem Gedankengang des Artikels im Romkurier noch weiter.

b) Direktes und indirektes Objekt der Unfehlbarkeit

Der Autor stellt zunächst fest, daß der Fall einer Heiligsprechung „nicht genau mit der Verurteilung eines Häretikers übereinstimmt. Im Fall der Verurteilung droht offensichtlich große Gefahr für den Glauben der Christen, so daß der genaue Hinweis auf eine solche Gefahr nötig ist, damit man diesen Glauben schützen kann.“ Hingegen gilt: „Im Falle einer Heiligsprechung jedoch finden wir keine derartigen Umstände (…).“

Die Schlußfolgerung daraus ist nun: „Ein Irrtum würde keinen moralischen Schaden für den Glauben bewirken, wenn auch die ganze Angelegenheit offenkundig recht unangenehm wäre. Mit anderen Worten ausgedrückt, daß die Gläubigen anfangen, Luther zu folgen, wäre ernst wie der Tod, daß sie widersinnigerweise einen Heiligen verehren, der in Wirklichkeit in der Hölle wäre, hätte nicht dasselbe Gewicht, denn selbst die verdammte Seele könnte noch dem christlichen Leben (indirekt) helfen, da die Verehrung nur insofern diese Person betrifft, wie die Christen glauben, sie sei heilig und ein Freund Gottes.“

Nach dem Autor des Artikels im Rom-Kurier ist somit die Sachlage folgende:

  1. Ein Irrtum bei der Heiligsprechung ist ganz anders als die Verurteilung eines Häretikers keine „große Gefahr für den Glauben der Christen“.
  2. Einen „Heiligen“ zu verehren, der in der Hölle ist, würde deshalb – anders als wenn die Gläubigen etwa anfingen, „Luther zu folgen“, was „ernst wäre wie der Tod“„keinen moralischen Schaden für den Glauben bewirken“, aber immerhin wäre „die ganze Angelegenheit offenkundig recht unangenehm“.
  3. Selbst wenn die verehrten „Heiligen“ in der Hölle sind, wäre das nicht so schlimm, weil „die Verehrung nur insofern diese Person betrifft, wie die Christen glauben, sie sei heilig und ein Freund Gottes.“

Gehen wir nun diese drei Punkte im einzelnen durch:

Zu 1: Keine „große Gefahr für den Glauben der Christen.“

Wenn wir die im Rom-Kurier Artikel gemachte Behauptung in eine theologische Sprache umsetzen, dann heißt die gestellte Frage: Ist die Heiligsprechung ein indirektes Objekt der Unfehlbarkeit oder nicht? Ist sie nämlich ein indirektes Objekt, dann entsteht natürlich bei deren Leugnung auch ein Schaden für den Glauben.

Matthias Joseph Scheeben erklärt in seiner Dogmatik allgemein zum indirekten Objekt der Unfehlbarkeit:

n. 127 „II… 2. Es wäre aber durchaus irrig, ja nach der Meinung vieler Theologen sogar häretisch, wenn man das Gebiet der kirchlichen Unfehlbarkeit auf die formell geoffenbarten Wahrheiten beschränken würde. Es muß vielmehr mindestens als theologisch sichere Lehre festgehalten werden, daß sekundäres (oder indirektes) Objekt der Unfehlbarkeit das ganze Gebiet jener Wahrheiten ist, welche als Glaubensdepositum im weitern Sinne bezeichnet werden können, welche zwar an sich und formell nicht geoffenbart sind, aber mit den geoffenbarten Wahrheiten so innig zusammenhängen, daß ohne sie die Offenbarung selbst entweder gar nicht oder doch nur ungenügend bewahrt und erklärt, geltend gemacht oder verteidigt werden könnte. Dazu gehören jene Wahrheiten, welche in der Offenbarung mittelbar und virtuell ausgesprochen sind und durch logische Schlußfolgerung aus derselben abgeleitet werden (die sog. conclusiones theologicae), ferner jene an sich natürlichen, nicht geoffenbarten Tatsachen und Wahrheiten, welche mit den geoffenbarten Glaubens- und Sittenlehren so enge zusammenhängen, daß die Reinheit und Unversehrtheit des kirchlichen Glaubens und Lebens durch sie bedingt ist (die sog. res ad integritatem dei pertinentes, vgl. § 5, n. 40-44 dieses Handbuches)….“ (M. J. Scheeben-L. Atzberger, Handbuch der kath. Dogmatik, Bd IV. Freiburg/ Br. 1933, § 336).

Sodann gibt er die einzelnen Bereichen dieses indirekten Objektes an:

n. 130 „III. Im einzelnen gehören zum sekundären und indirekten Objekte der kirchlichen Unfehlbarkeit besonders folgende Punkte: … 7. die Feststellung und Würdigung von Thatsachen, ohne deren richtige Kenntnis das religiöse Leben, besonders der Cultus, nicht würdig geordnet werden könnte, so namentlich die Canonisation der Heiligen…“ (ebd.).

In seiner „Theolog. Erkenntnislehre“ heißt es dazu im besonderen:

„707 Übrigens nehmen viele Theologen (so namentlich mit Nachdruck Muzzarelli, Opusc. 24) gar keinen Anstand, diese Wahrheiten auf Grund der göttlichen Verheißung schlechthin als Gegenstand des göttlichen Glaubens zu erklären. Namentlich geschieht das bei allen formell sittlichen Lehren, indem man die Wahrheit derselben nicht bloß auf die göttliche Verheißung der Unfehlbarkeit der Kirche, sondern speziell auch auf die offenbarte wesentliche Heiligkeit der Kirche, die durch einen Irrtum in jenen Lehren aufgehoben würde, gründet, obgleich man, strenggenommen, auch dadurch nicht über ein indirektes Verhältnis zum Glauben hinauskommt.“ (M. J. Scheeben – L. Atzberger, Handbuch der kath. Dogmatik, Bd I Freiburg/ Br 1933, S. 302).

Der zweite große deutsche Dogmatiker Heinrich schreibt zu unserem Thema (Dr. J.B. Heinrich, Dogmatische Theologie, Mainz 1882, zweiter Band, S. 627f):

„2. Die Heiligkeit und Seligkeit eines einzelnen Heiligen ist zwar nicht eine Wahrheit der Glaubens- oder Sittenlehre, aber auch nicht ein gewöhnliches partikuläres Factum, bezüglich dessen die Kirche ihrer Wahrheit und Heiligkeit unbeschadet irren kann; sondern es ist ein Factum, das zu den allgemeinen und höchsten Interessen der Religion, insbesondere zu der Verehrung der Heiligen überhaupt, in einem so wesentlichen Zusammenhange steht, daß ein Irrtum der höchsten kirchlichen Autorität in dieser Sache, wenn auch nicht die Reinheit des Glaubens- und Sittenlehre unmittelbar verletzen, doch mittelbar dieselben beeinträchtigen würde, wie es aus dem Folgenden näher sich ergeben wird. Man kann daher mit Recht mit dem heil. Thomas sagen, daß das Factum der Heiligkeit und Seligkeit eines canonisirten Heiligen zwischen gewöhnlichen particularen Thatsachen und der Glaubens- und Sittenlehre gewissermaßen in der Mitte stehe. Das ist denn wohl auch der Sinn jener Theologen, welche die Canonistaion mit der Entscheidung bezüglich eines factum dogmaticum vergleichen.
3. Es wird uns dieses einleuchten, wenn wir erwägen, daß nicht nur die Verehrung, Nachahmung und Anrufung der Heiligen im allgemeinen, sondern auch die bestimmter Heiligen und deshalb auch deren Canonisirung in der Absicht Gottes liegt und dem entsprechend, zwar nicht förmlich und unmittelbar, doch implicite und mittelbar in der göttlichen Offenbarung gegründet ist. …
Auch ist leicht einzusehen, daß eine so zu sagen abstracte Verehrung und Anrufung nur unbekannter Heiligen etwas gar Unlebendiges und zumal für die Nachahmung Unwirksames wäre. Soll die für den Glauben und Leben so wichtige Heiligenverehrung Kraft, Geist und Leben haben, so müssen uns die Heiligen nicht in verschwommener Allgemeinheit, sondern in concreter Lebendigkeit zur Verehrung und Nachahmung dargebracht werden. Unmöglich kann aber das Urtheil darüber, welche verklärte Glieder der Kirche es verdienen, öffentlich als Heilige von der ganzen Kirche verehrt und als Vorbilder in der Nachfolge Christi der ganzen Christenheit vorgestellt zu werden, dem Ermessen des Einzelnen oder der so manchen zufälligen und selbst verkehrten Einflüssen ausgesetzten Volksmeinung überlassen sein; nur das Kirchenamt, das Gott zur Verwaltung der geistlichen Güter, wozu auch die Heiligen gehören, und zur Leitung aller religiösen Angelegenheiten gesetzt hat, kann darüber das entscheidende Urtheil fällen.
Wenn aber die Canonistation der Heiligen zur Integrität der auf den katholischen Dogma beruhenden Heiligenverehrung gehört und durch die von Gott gesetzte kirchliche Ordnung gefordert ist, so können wir nicht bezweifeln, daß die Assistenz des Heiligen Geistes die Kirche auch bei der Canonisation von Heiligen vor einem Irrthume bewahren werde, der für das religiöse Leben, für die Heiligkeit und die Autorität der Kirche so nachtheilig wäre.“

Soweit die Darlegung Heinrichs. Seine und Scheebens Ausführungen dürften wohl in genügender Weise deutlich gemacht haben, warum die Heiligsprechungen durchaus mit der Glaubens- oder Sittenlehre der Kirche zu tun haben und in der göttlichen Offenbarung begründet sind, wenn auch nicht unmittelbar, sondern implicite und mittelbar. Darum sagt auch Bartmann: „Bei dem indirekten Gebiete behaupten die Theologen in ziemlich großer Einmütigkeit, daß sich die kirchliche Unfehlbarkeit beziehe auf die Kanonisation der Heiligen, die Approbation religiöser Orden und die allgemeinen kirchlichen Disziplinarvorschriften“ (Bernhard Bartmann, Lehrbuch der Dogmatik. Bd. I Freiburg/Br. 1932, S. 37).

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