Von Heiligen

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Es ist wirklich bemerkenswert, wie in diesem Dreischritt, in typisch modernistischer Manier, die wirkliche Sachlage verdreht und einfach ins Gegenteil verkehrt wird. Indem man zunächst die theologische Qualifikation als „sententia communis“ völlig verharmlost – die Überschrift über diesen Abschnitt geht sogar soweit zu behaupten: „Eine ‘allgemeine’ Meinung, aber trotzdem keine begründete Lehre“, man beachte die Anführungszeichen bei allgemein und die nur noch kurios zu nennende Schlußfolgerung: trotzdem keine begründete Lehre! Das haben offensichtlich so große Theologen wie Suarez, der hl. Robert Bellarmin, Billuart, Scheeben usw. noch nicht bemerkt, erst der modernistische Professor Daniele Öls kam zu dieser neuen Einsicht! –, wird sodann die allerunterste Ebene aller Möglichkeiten der Darstellung des Sachverhalts angezielt, indem man gerade einen in dieser Sachfrage umstrittenen Theologen zitiert, um schließlich dessen umstrittene Position zur Grundlage für die eigene Beurteilung zu machen und als die geltende Meinung zu verkaufen.

Um die Tragweite dieser Verdrehungen abschätzen zu können, muß man sich klar machen, wie die Sachlage wirklich ist, um diese sodann mit dem im Artikel Dargestellten zu vergleichen.

a) Die historische Darstellung der Entwicklung

Der Autor des Artikels erzeugt durch seine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Beurteilung unserer Frage den Eindruck, als wäre zunächst die Mehrheit der Theologen gegen die Unfehlbarkeit bei der Heiligsprechung gewesen (diese werden mit dem Etikett versehen: Anti-Infallibilisten), bis sich schließlich erst (!, also erst sehr spät?) seit 1800 die Befürworter (die mit dem Etikett „Infallibilisten“ versehen werden) durchzusetzen begannen.

Entspricht diese Darstellung der Tatsache? Zum Vergleich sei hier ein Text aus „The Catholic Encyclopedia“ von 1908 wiedergegeben: „Ist der Papst bei der Heiligsprechung unfehlbar? Die meisten Theologen antworten in dieser Frage bejahend. Es ist die Ansicht von St. Antoninus, Melchior Cano, Suarez, Bellarmin, Bañez, Vasquez, und unter den Kanonisten, von Gonzales Tellez, Fagnanus, Schmalzgrüber, Barbosa, Reiffenstül, Covarruvias (Variar. resol., I, x, no 13), Albitius (De Inconstantiâ in fide, xi, no 205), Petra (Comm. in Const. Apost., I, in notes to Const. I, Alex., III, no 17 sqq.), Joannes a S. Thomâ (on II-II, Q. I, disp. 9, a. 2), Silvester (Summa, s. v. Canonizatio), Del Bene (De Officio Inquisit. II, dub. 253), und vielen anderen.“ Hierauf folgt noch als Beweis ein Zitat des hl. Thomas von Aquin.

Nimmt man zu den hier genannten Namen noch diejenigen hinzu, die in den verschiedenen anderen Dogmatiken genannt werden, wie der hl. Bonaventura, Cajetan, Gregor von Valentia usw., dann wird die Zahl der Befürworter der Unfehlbarkeit nach Zahl und Gewicht ihrer Autorität einfach erdrückend. Abgesehen davon, daß auch schon vor 1800 die größten Theologen für die Unfehlbarkeit der Heiligsprechungen eintraten, weshalb die Darstellung des Artikels, „erst seit 1800 begann die These der Befürworter sich durchzusetzen, so daß sie heute unter den Theologen die allgemeine Meinung (sententia communis) ist“, wohl mit Recht bezweifelt werden muß. So schreibt etwa Franz Suarez S.J., nach dem Lexikon für Theologie und Kirche von Dr. Michael Buchberger, einer der führenden Theologen der spanischen Scholastik und wohl der bedeutendste Theologe des Jesuitenordens (1548 – 1617; also 200 Jahre vor 1800!): „Wenn es auch nicht de fide ist, so beurteile ich es wenigstens als certam, und das Gegenteil als unfromm und verwegen“ (Suarez, De Fide d. 5. s.8 n.8).

Während Scheeben noch etwas feiner unterscheidend schreibt: „Daß diese Urtheil unfehlbar sei, ist zwar von einigen wenigen ältern Theologen in Abrede gestellt worden, muß aber gleichwohl, wenn nicht als Glaubenssatz, so doch als theologisch sichere Lehre gelten“ (M. J. Scheeben-L. Atzberger, Handbuch der kath. Dogmatik, Bd IV. Freiburg/ Br. 1933, S 371), heißt es im Lexikon für Theologie und Kirche von 1932 nur noch ganz einfach den theologischen Sachverhalt zusammenfassend: „Nach Ansicht aller Theologen ist die Kirche unfehlbar in ihrem Urteil über die Heiligkeit und himmlische Glorie des betreffenden Dieners Gottes.“

b) Eine allgemeine Lehre – ohne Anführungszeichen

Eine allgemeine Lehre zu leugnen ist temerär, was nicht nur „unbesonnen“ heißen kann, wie es in dem Artikel des deutschen Rom-Kuriers übersetzt wird, sondern zudem „verwegen“. Wobei wohl mit dem lateinischen „temerarius“ in unserem Zusammenhang eher Letzteres gemeint sein dürfte, da es für eine Lehre, welche von der Mehrheit der Theologen, also allgemein für sicher gehalten wird, nur noch schwer gewichtige und triftige Gegengründe geben kann. (Bezüglich unserer Frage werden wir dies noch gesondert untersuchen müssen.) Diese Übersetzung als „verwegen“ legen auch die mit temerarius oft zusätzlich gebrauchten Zensuren nahe. So heißt es etwa bei dem Dogmatiker Hervé (Manuale Theologiae Dogmaticae, Vol. I, Paris 1952; S. 5010ff.), der unsere Lehre als „Doctrina communis et certa“, also als „allgemeine und sichere“ Lehre beurteilt: „Aus der fast einmütigen Meinung der Theologen, die lehren, daß die Unfehlbarkeit der Kirche in der Kanonisierung der Heiligen nicht verneint werden könne, wenigstens nicht ohne ‘temeritate, scandalo et impietate‘, also Verwegenheit, Skandal und Ruchlosigkeit.“ Das ist doch wohl etwas mehr als nur „unbesonnen“ zu sein. Benedictus XIV. (1. c. l, 45, 28) urteilt folgendermaßen über diejenigen, die die Unfehlbarkeit bei der Heiligsprechung leugnen: „Wenn auch nicht häretisch, so nenne ich doch verwegen, der ganzen Kirche Skandal bereitend, ungerecht gegenüber den Heiligen, jene Häretiker begünstigend, welche die Autorität der Kirche in der Kanonisierung von Heiligen leugnen, nach Häresie schmeckend, ja den Weg öffnend für die Ungläubigen zum Spott über die Gläubigen, Vertreter einer falschen Behauptung und schwerster Strafen schuldig denjenigen, welcher wagen würde zu behaupten, daß der Papst in dieser oder jener Heiligsprechung geirrt habe, daß dieser oder jener Heilige, der von ihm kanonisiert wurde, nicht mit dem Heiligenkult zu verehren sei.“ Aber offensichtlich meint unser Autor dennoch, mit Rückgriff auf den modernistischen Herrn Professor aus Rom, ohne weiteres Gegengründe finden zu können, die selbst den größten Theologen der Kirche noch niemals in den Sinn gekommen sind. – Aber sehen wir selbst.

2. Gründe und Gegengründe

a) Die Schwäche der einzelnen Argumente

Der Autor des Artikels im Romkurier spricht unter Berufung auf den deutschen Theologen Scheid davon, daß „die Schwierigkeit des Problems darin besteht, den wirklich befriedigenden Beweis für diese Unfehlbarkeit zu finden, wenn sie auch deren Existenz bejahen“. Und unter Bezugnahme auf den Dogmatiker Bartmann meint er, daß die These der Befürworter der Unfehlbarkeit nicht so sehr auf „einzelnen zwingenden Beweisen“, sondern auf einem ‘Bündelargument’“ beruhe, „als ob in gewisser Weise die Zahl der Beweisgründe die Schwäche eines jeden Argumentes für sich ergänzen müsse.“

Diese Ansicht ist aber nun durchaus nicht die Ansicht der Theologen, sondern vielmehr ihrerseits eine eher unbesonnene Meinung von Scheid und Bartmann, welche darum auch damals von anderen Theologen sofort zurückgewiesen wurde (vgl. etwa l’Ami du clergé, 1937, p. 317 sq.). Zudem kommen weder Scheid noch Bartmann zu der Schlußfolgerung, welche der Autor im Rom-Kurier aus diesen Einwänden zieht. Vielmehr betont Bartmann trotzt der vorgebrachten Schwierigkeiten: „Dennoch besitzt das kirchliche Urteil über die Heiligkeit eines Verstorbenen zweifellos ein großes Ansehen, sowohl wegen der unfehlbaren Autorität als wegen der Akribie, womit die Gründe dafür geprüft wurden“ (Hervorhebungen von mir!).

Bezüglich der theologischen Gründe für die Heiligsprechung urteilt etwa Billuart ganz anders als Bartmann und Scheid: „All diese (oben genannten Theologen) sagen, daß wer leugnet, ein von der Kirche kanonisierter Heiliger sei heilig und in der Glorie, sei nicht Häretiker, sondern er sei 1. verwegen, weil er der allgemeinen Lehre der Kirche in einer begründetsten Sache widerspricht und weil dessen gegenteilige Meinung kein geeignetes Fundament hat…“ (Hervorhebungen von mir!). Und er fährt weiter: „2. Er gäbe ein Ärgernis, weil er die Gläubigen von der Verehrung der Heiligen abbrächte. 3. Er wäre gottlos, weil der der Kirche und den Heiligen selbst Unrecht täte. 4. Er würde nach der Häresie der Sekten schmecken, welche die Heiligsprechungen der Kirche verlachen und den Kult und die Anrufung der Heiligen leugnen.“

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