Von Heiligen

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Die konzilskirchlichen Selig- und Heiligsprechungen stellen den Katholiken heute vor ein nicht geringes Problem. Nicht nur, daß die Zahl der Beatifikationen – wohl im Sinne der „Allerlösung“ – in den letzten Jahrzehnten so inflationär angewachsen ist, daß man völlig den Überblick verloren hat (vielleicht wäre es allmählich einfacher und übersichtlicher, nicht zu erklären, wer heilig oder selig ist, sondern wer es nicht ist…), es ergibt sich auch die Schwierigkeit, daß sich unter den solcherart „Kanonisierten“ auch etlliche befinden, die der katholische Instinkt (und wir reden hier nicht vom sentimentalen Gefühl charismatisch verbildeter Konzilskatholiken) schlechterdings ablehnen muß. Gerade stehen wieder zwei neue „Heilige“ ins Haus, die nun offensichtlich zur Ehre der Altäre erhoben werden sollen, obwohl oder gerade weil sie unermeßlichen Schaden über die Kirche Gottes gebracht haben, nämlich der „selige“ Konzilspapst Roncalli, gennant „Giovanni der Gute“, und der gleichfalls „selige“ Assisi-Papst Wojtyla, alias „Johannes Paul der Große“.

Besonders dramatisch wirkt sich das aus für jene unter den „Traditionalisten“, die eisern daran festhalten wollen, daß es sich bei den „konziliaren“ Päpsten um wahre, legitime Päpste handelt, ihnen aber gleichwohl den Gehorsam verweigern und diesen Widerspruch dadurch zu lösen meinen, daß sie sagen, außerhalb seiner Unfehlbarkeit könne der Papst irren wie jeder andere Mensch. Man müsse also nur folgen, wo er unfehlbar sei – und dies sei ja zum großen Glück nicht eben allzu oft, so etwa alle 100 Jahre einmal, wenn er feierlich ein Dogma verkünde – und sonst könne man getrost ungehorsam sein und Widerstand leisten. Da ist es nun sehr peinlich, daß nach Einschätzung so ziemlich aller früheren Theologen die Kanonisation von Heiligen durch den Papst unter seine unfehlbaren Akte fällt und somit an diesem heiklen Punkt das ganze schöne Gebäude vom legitimen Ungehorsam gegen den legitimen Papst zusammenzubrechen droht. Kein Wunder also, daß man mit größter Findigkeit versucht, diesen Stein des Anstoßes aus dem Weg zu schaffen.

Da war freilich nichts willkommener als die These, daß Heiligsprechungen gar nicht wirklich unfehlbar seien. Wurde diese Theorie auch von einem offensichtlich modernistischen Theologen vertreten, was tat’s, sie wurde sogleich vor nunmehr gut zehn Jahren von dem in „traditionalistischen“ Kreisen vielgelesenen „Rom-Kurier“ („Si Si No No“) verbreitet und hat sich in besagten Kreisen trotz ihrer offenkundigen Unhaltbarkeit nicht nur bis heute erhalten, sondern sogar so sehr verfestigt, daß sie in „traditionellen“ Priesterseminaren inzwischen als die probate gängige Lehre gilt. Es ist daher sicher mehr als angebracht, eine Arbeit erneut zu publizieren, die sich damals mit dem Artikel aus dem „Rom-Kurier“ beschäftigte und heute aktueller denn je erscheint. Im folgenden wollen wir sie – ein klein wenig gekürzt und angepaßt – dem interessierten Leser wiedergeben.

Von Heiligen –
zweifelhaften Heiligen, nicht existierenden Heiligen, und Heiligen, die in der Hölle sind

Der Katholik muß heute immer wieder zu seinem Erstaunen, oder auch zu seinem Entsetzen, feststellen, daß nichts mehr so ist wie früher. Und zwar betrifft dieses Nicht-mehr-sein-wie-früher nicht nur unbedeutende Nebensächlichkeiten des kirchlichen Lebens, sondern mehr und mehr dessen Wesen. Früher etwa waren die Heiligen heilig und darum, weil sie heilig waren, waren sie der Verehrung würdig, waren unsere Vorbilder und Fürsprecher im Himmel. Heute ist das alles viel schwieriger geworden, die Heiligen sind nicht mehr einfach heilig, sondern es gibt Heilige – zweifelhafte Heilige, nicht existierende Heilige, und Heilige, die in der Hölle sind. Zumindest wissen wir nichts Genaues über den Verbleib des Heiligen nach dem Tod. Wer das nicht glaubt, der sollte einmal einen Artikel des „Rom-Kuriers“ zur Hand nehmen mit dem an sich hoffnungsvollen Titel: „Klare Ideen von der Heiligsprechung“ (Rom-Kurier N° 124 Januar 2004, S. 1ff).

Leider wird der Leser, wenn er sich wirklich die Mühe macht, den Artikel aufmerksam durchzulesen und schließlich das Blatt zur Seite gelegt hat, feststellen müssen, daß das einzig Klare an diesen Ideen zur Heiligsprechung die Überschrift war, wohingegen alles andere schon eher merkwürdig unklar ist. So ganz verwunderlich ist das jedoch auch wieder nicht, wenn man bedenkt, daß die Hauptquelle für den Artikel „der Dominikanerpater Daniele Öls, Professor am Angelicum und ‘Referent’ der Kongregation für die Heiligsprechungsprozesse“ ist, also offensichtlich ein Modernist.

Die folgenden Zeilen wollen nun ihrerseits versuchen, den durch den Artikel verbreiteten Nebel zu lichten, um wirklich klare Ideen von der Heiligsprechung zu geben, damit wieder, so wie früher, Heilige einfach heilig sein können, wie es der Katholik auch selbstverständlich immer erwartet und geglaubt hat.

1. „Sententia communis“

Der Artikel beginnt mit der theologischen Qualifikation der These, d.h. mit der Angabe des theologischen Gewißheitsgrades der vertretenen Sache. In der „Katholischen Dogmatik“ von Franz Diekamp heißt es dazu erklärend: „Die theologischen Gewißheitsgrade richten sich nach dem Maße der Klarheit und Sicherheit, mit dem eine Wahrheit in der Offenbarung ausgesprochen und vom kirchlichem Lehramte vorgelegt ist.“ Je klarer und sicherer also eine Lehre in der Offenbarung ausgesprochen und vom kirchlichem Lehramt vorgelegt ist, desto höher ist die theologische Qualifikation.

Der höchste Gewißheitsgrad ist „de fide“. Diese Lehren sind mit Unfehlbarkeit von der Kirche verkündet worden. „Sententia fidei proxima“ heißt eine Lehre, für deren Offenbarungscharakter fast die Gesamtheit der Theologen und auch die Kirche eintritt, ohne daß sie jedoch von der Kirche mit voller Deutlichkeit als unfehlbare Wahrheit verkündigt ist. „Ad fidem pertinens, theologice certa“ ist eine Lehre, die durch ihren zweifellosen inneren Zusammenhang mit dem Dogma als sicher verbürgt wird. „Sententia communis“ ist ein Satz, der an sich zu dem Gebiete der freien Meinung gehört, dem man aber wegen der allgemeinen Zustimmung der Theologen nur auf die triftigsten Gründe hin widersprechen darf. Theologische Meinungen von geringerer Gewißheit bezeichnet man als „sententia probabilis“ bzw. „probabilior“ und mit Rücksicht auf ihre Übereinstimmung mit dem Gesamtgeiste der Kirche als „opinio pia“. Auf der untersten Stufe steht die „opinio tolerata“.

Der Artikel im Rom-Kurier sagt nun: „Vor mehr als neun Jahrhunderten hat der Heilige Stuhl damit begonnen, die Heiligsprechung als seine Sache zu betrachten. Seit dieser Zeit diskutierten die Theologen und Rechtsgelehrten darüber, ob der Papst unfehlbar sei, wenn er eine Person heilig spricht. Es traten dabei Befürworter (Infallibilisten) und Gegner der Unfehlbarkeit des Papstes in diesem Bereich auf (Anti-Infallibilisten). Doch erst seit 1800 begann die These der Befürworter sich durchzusetzen, so daß sie heute unter den Theologen die allgemeine Meinung (sententia communis) ist. Aber welche Bedeutung hat diese Ansicht? Welche Haltung muß ein Katholik gegenüber einer allgemeinen Sentenz haben?“

Sodann wird ausgeführt: „,Die allgemeine Sentenz ist eine Lehre, die ihrer Natur nach in den Bereich der freien Meinungen gehört. Ihre Vertreter aber sind meistens Theologen’. Was die Einstellung dazu betrifft, so wäre es unbesonnen (temerarius), wenn ein Theologe ohne jede Begründung (seiner Behauptung) der allgemeinen Meinung widerspräche oder ohne Grund von der allgemeinen Lehre abwiche. Aber wenn ein gutes Motiv oder eine feste Grundlage besteht, d.h. wenn rechte Beweisgründe vorhanden sind, um von der allgemeinen Sentenz abzuweichen, dann ist keiner verpflichtet, ‘im Chor zu singen’“.

Hierauf wird diese Erkenntnis auf die Heiligsprechung angewandt:

„Was die Unfehlbarkeit bei den Heiligsprechungen betrifft, so wollen gewisse Theologen nicht von der allgemeinen Meinung abrücken; daher verhehlen sie nicht, daß ‚die Schwierigkeit des Problems darin besteht, den wirklich befriedigenden Beweis für diese Unfehlbarkeit zu finden, wenn sie auch deren Existenz bejahen’. Diese Meinung vertritt der deutsche Theologe Scheid. Professor Bartmann zitiert ihn und bemerkt seinerseits, daß die These der Befürworter der Unfehlbarkeit nicht so sehr auf ,’einzelnen zwingenden Beweisen’, sondern auf einem ‚Bündelargument’ beruhe, ‚als ob in gewisser Weise die Zahl der Beweisgründe die Schwäche eines jeden Argumentes für sich ergänzen müsse’“

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