Wahrheit oder Ideologie?

Das Werden der modernen Kirche

Der heutige Katholik kann nur noch mit einem gewissen Neid auf jene Zeiten zurückblicken, in denen der katholische Glaube für jeden unmittelbar greifbar und verstehbar war, weil er durch das tägliche Lehramt gesichert, d.h. Tag für Tag authentisch interpretiert wurde. Diese Zeiten gehören nun schon lange der Vergangenheit an. Das Verhältnis des sog. modernen Katholiken zum Lehramt hat sich grundlegend geändert. Die Modernisten haben schon zu Beginn ihres subversiven Treibens ganz gezielt das Vertrauensverhältnis des Katholiken zum Lehramt untergraben. Zunächst verführten sie einen Teil der katholischen Intellektuellen im Namen der Freiheit dazu, sich von der sog. Bevormundung durch das kirchliche Lehramt zu lösen. Der zunächst gar nicht wahrgenommene Preis für diese neu gewonnene „Freiheit“ war eine sich verstärkende Unsicherheit in entscheidenden Fragen des Glaubens, denn die modernistisch angehauchten Theologen, Professoren, Gelehrten kamen durchaus nicht zu einheitlichen Ergebnissen in ihren Interpretationen des Glaubens, mußte doch jeder mit seinen Einsichten vor den anderen brillieren. Je mehr darum die modernistischen Irrtümer zunahmen, desto mehr wurde der Glaube bis in seine Grundfesten hinein erschüttert.

Der hl. Papst Pius X. hatte sich ganz besonders bemüht, dieses System des Unglaubens aufzuarbeiten und die daraus folgenden Gefahren für den katholischen Glauben aufzuzeigen. Die dem katholischen Glauben entgegenstehenden modernistischen Irrtümer verurteilte er nochmals ausdrücklich, und er forderte von allen, die sich auf das Priestertum vorbereiteten, den Antimodernisteneid. Leider griff dieses Bemühen des heiligen Papstes nicht mehr in der gewünschten Weise ins Leben der Kirche ein. Der modernistisch denkende Teil der Gelehrten, Bischöfe und Priester zog sich zunächst zwar zurück, aber er bekehrte sich großteils nicht. Es folgte nach der römischen Verurteilung des Modernismus durchaus keine wirkliche Einsicht in die eigenen Irrtümer, sodaß im Untergrund die modernistischen Irrlehren weiterlebten und weiterwirkten. Dieser Zustand dauerte im Großen und Ganzen bis zum Tod Papst Pius’ XII. fort. Mit Johannes XXIII. zog gleichsam über Nacht ein ganz neuer Geist in die Kirche ein, mit dem Beginn des von ihm einberufenen „Zweiten Vatikanischen Konzils“ eroberten die modernistischen Ideen in Windeseile breite Teile der Kirche.

Für den nunmehr „altgläubigen“ Katholiken änderte sich schlagartig die Situation. Aus Verteidigern des katholischen Glaubens wurden Ewiggestrige, die allerhöchstens noch am Rande der neu entstandenen Konzilskirche geduldet wurden. Man hat zwar viel über diese Zeit der Revolution in der Kirche und ihre Folgen geschrieben, aber nur sehr wenige sind in ihrer Aufarbeitung des wirklich Geschehenen konsequent bis ans Ende gegangen.

Was ist denn eigentlich durch und nach dem Konzil mit der Kirche und in der Kirche für jeden Katholiken unmittelbar erfahrbar, oder besser gesagt erleidbar geschehen? Es ist doch irgendetwas zerbrochen – aber was genau war das? Es hat ein neuer Geist Einzug gehalten in die Institution Kirche, aber was war es genau, was sich durch diesen Geist verändert hat?

Eine Phänomenologie der modernen Kirche

Sobald man sich bemüht, die nachkonziliare Zeit richtig zu analysieren, stößt man auf ein Phänomen, das einen Katholiken doch eigentlich äußerst befremden müßte, weil es durch den Glauben ausgeschlossen scheint: Die kirchliche Einheit scheint zerbrochen. Es werden fortan völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Lehren, Gruppen, Gemeinschaften unter dem Namen „Kirche“ zusammengefaßt, sodaß es sehr schwer wird, dies mit dem Wesen der Kirche in Übereinstimmung zu bringen. Der in dieser Revolutionszeit aufkommende Begriff der „Konzilskirche“ bringt noch am ehrlichsten zum Ausdruck, daß durch das sog. Konzil etwas gänzlich Neues entstanden ist, das einen neuen Begriff nicht nur rechtfertigt, sondern fordert. Die Konzilskirche setzt sich ausdrücklich in Antithese zur vorkonziliaren „alten“ Kirche, wie sollte da die Wirklichkeit „Kirche“ nach dem Konzil noch mit einem einzigen Begriff benannt werden? Die neue, auf dem Konzil entstandene Kirche wollte ausdrücklich anders sein, anders denken, glauben, beten, Liturgie feiern usw. als die „alte“ Kirche.

Wer nun die alte und die neue „Kirche“ weiterhin als eine Einheit dachte, der wurde in das dialektische Spiel von These und Antithese hineingezogen und – ohne daß er es selbst merkte – veränderte er den Begriff „Kirche“ und die Wirklichkeit dessen, was Kirche unbedingt sein muß, wenn sie katholisch sein soll, grundlegend. Das läßt sich ganz einfach schon dadurch zeigen, daß der Begriff „Kirche“, der vor dem Konzil ausschließlich für die katholische Kirche verwandt wurde, mehr und mehr für alle möglichen oder besser gesagt unmöglichen „Kirchen“ herhalten mußte.

Das dialektische Spiel zwischen vor- und nachkonziliarer Kirche beherrschte bis zum Ende des zweiten Jahrtausends die Konzilskirche. Im weltlichen Bereich hatte sich jedoch inzwischen die geistesgeschichtliche Situation weiter verändert, aus dem dialektischen Modernismus ist der synkretistische, alle Gegensätze vereinende Postmodernismus geworden. Mit Benedikt XVI. zog auch ins kirchliche Denken und Leben diese neue, flexiblere Sicht der Dinge ein. Ein Hauptanliegen Benedikts XVI. war es, ganz im Sinne des postmodernen Denkens den Gegensatz zwischen vor- und nachkonziliarer Kirche einfach zu leugnen und aus beiden „Kirchen“ wieder systematisch eine neue Einheit zu konstruieren. Diese klar bekundete Absicht wurde seltsamer Weise nur von wenigen Eingeweihten wahrgenommen. Die meisten Vertreter der Konzilskirche und die allermeisten der sog. Traditionalisten dachten immer noch in ihren inzwischen veralteten modernistischen Kategorien, während Benedikt schon lange einen Schritt weiter gegangen war. Doch soll uns dieses Thema hier nicht beschäftigen. Wir wollen vielmehr einer ganz anderen Frage nachgehen und zwar: Ist die Konzilskirche die katholische Kirche? Und dann weiter gefragt: Welche theologischen Folgen hat es (also Folgen für den eigenen katholischen Glauben), wenn man dies einfach, ohne kritische Analyse des Sachverhaltes und die daraus sich notwendig ergebenden Unterscheidungen annimmt?

Wenn man die letzten Jahre, ja Jahrzehnte überblickt, so muß man sehr erstaunt feststellen, daß die allermeisten Traditionalisten mit dieser Frage äußerst naiv umgingen und immer noch umgehen. Ohne die da und dort benannten, tiefgreifenden Unterschiede theologisch aufzuarbeiten, übersehen sie einfach die doch ins Auge springenden kontradiktorischen Gegensätze und erkennen darum nicht mehr klar, welche tiefgreifende Auswirkung die Gleichsetzung der Konzilskirche mit der katholischen Kirche auf den eigenen katholischen Glauben hat.

Unsere These

Die Konsequenz dieser Gleichsetzung sei hier zunächst als These formuliert, die es dann im Folgenden zu erhärten gilt: Durch die Gleichsetzung der katholischen Kirche mit der Konzilskirche degeneriert die katholische Wahrheit notwendiger Weise zur Ideologie. Mit anderen Worten gesagt: die Katholiken verlieren ihren Glauben, ohne daß sie es merken, aus Katholiken werden Ideologen.

Damit wir die ganze Tragik dieses Geschehens und die daraus folgende große Gefahr für den katholischen Glauben recht beurteilen können, müssen wir vorerst einmal lernen, was eine Ideologie ist, um sodann ganz klar die Ideologie vom katholischen Glauben unterscheiden zu können.

Was ist eine Ideologie?

Eine Ideologie ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu durchschauen, weil auch sie vorgibt, Wahrheit zu sein. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, sie ist eine einseitig nuancierte oder eine verbogene Wahrheit. Im Gegensatz zur Wahrheit des katholischen Glaubens wird bei der Ideologie ein Teilaspekt der Wahrheit bzw. eine einzelne Lehre herausgegriffen und überhöht, d.h. für das Ganze gesetzt. Die Ideologie verliert letztlich immer die Gesamtwirklichkeit aus dem Auge, weil sie sich auf einen bestimmten Aspekt der Lehre fixiert. Sie konzentriert sich auf eine bestimmte Lehre, die womöglich gerade von brennendem Interesse ist, und möchte dafür unbedingt eine (schnelle) Lösung finden – bzw. sie gibt vor, eine, oder besser noch die Lösung des Problems gefunden zu haben. In Wirklichkeit greift aber die von der Ideologie angebotene Lösung zu kurz. Darum muß diese Lösung mit aller Gewalt – d.h. auch mit Hilfe von Irrtümern – verteidigt werden.

Eine sehr gefährliche Folge der Ideologie auf die betroffenen Menschen ist die damit einhergehende Verblendung des Geistes. Die Ideologie macht den betroffenen Menschen durch die Einengung und Fixierung des Blickes auf gewisse Bereiche der Wirklichkeit für andere Bereiche allmählich blind. Das Tragische dieser Entwicklung ist, daß diese Blindheit die Gefahr in sich birgt, zur Verblendung zu werden, d.h. sie wird unheilbar. Der verblendete Ideologe kann durch keine Art von Argumenten mehr überzeugt werden. Gebetsmühlenartig wiederholt er seine Thesen und schwört die eigene Mannschaft wieder und wieder auf die eigene Ideologie ein. Jeder, der die eigene Ideologie nicht teilt, wird zum Feind abgestempelt. Dabei wird dieser Feind in keiner Weise mehr sachlich beurteilt, sondern nur noch psychologistisch verteufelt. Dem ausgereiften Ideologen geht es letztlich nicht mehr um die Sache, also nicht mehr um die Wahrheit, sondern nur noch um die eigene Ideologie. Er urteilt darum nur noch nach Gruppenzugehörigkeit, es gibt nur noch Freund und Feind.

Zusammenfassend läßt sich also sagen: Eine ausgereifte Ideologie ist in ihren eigenen Ansichten vollkommen gefangen, sie lebt durchaus nicht mehr von der Wahrheit und für die Wahrheit, sondern vom Feindbild oder von Feindbildern.

Katholisch sein heute

Jedem Katholiken müßte aufgefallen sein, daß sich in seinem Leben spätestens mit dem Konzil etwas Grundlegendes geändert hat: Das Etikett „katholisch“ ist in der nachkonziliaren Zeit nicht mehr eindeutig bestimmt, es ist nicht mehr klar definiert, da sich die unterschiedlichsten Gruppen mit den unterschiedlichsten Ansichten und Glaubensüberzeugungen „katholisch“ nennen (dürfen!). Anders ausgedrückt: Das Wort „katholisch“ ist kein univoker Begriff mehr, sondern es ist zu einem äquivoken Begriff geworden. Während ein univoker Begriff immer genau eine Sache meint und benennt, werden bei einem äquivoken Begriff mehrere Sachen mit einem einzigen Begriff bezeichnet. So kann etwa ein Schloß ein Türschloß sein oder ein wunderschönes Haus, in dem ein König wohnt. Man muß deswegen bei einem äquivoken Begriff immer ganz genau hinhören, um zu verstehen, was gerade gemeint ist, sonst ist das Mißverständnis, die Täuschung vorprogrammiert.

Wir Katholiken müssen also lernen, mit diesem äquivoken Begriff „katholisch“ umzugehen. D.h. wir müssen aus den vielen, gleichbenannten, aber in ihrem Wesen verschiedenen „Kirchen“ die eine wahre Kirche Jesu Christi herausfinden. Dabei möchte ich nicht den üblichen Weg der sog. Kennzeichen der Kirche gehen, da dieser heute leicht mißverständlich sein kann. Ich möchte vielmehr eingehender der Frage nachgehen: Was muß die katholische Kirche notwendiger Weise leisten, damit sie die Kirche Jesu Christi sein kann? Jedes Wesen wird von dem ihm eigenen Werk her bestimmt. Mit Werk ist hier das gemeint, was ein Seiendes wesensgemäß wirken kann und muß. So ist etwa der Mensch ein mit Vernunft und freiem Willen begabtes Sinnenwesen.

Papst Leo XIII. erklärt uns in seiner Kirchenenzyklika “Satis cognitum” folgendes:

“Dazu (d.h. zum Zweck der Einheit im Glauben) hat Jesus Christus in der Kirche ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt eingesetzt, das er mit seiner eigenen Vollmacht bereicherte, mit dem Geist der Wahrheit ausstattete und durch Wunder bestätigte; und er wollte und befahl nachdrücklich, daß dessen Lehrvorschriften ebenso angenommen würden wie seine eigenen. – Sooft also durch das Wort dieses Lehramtes verkündet wird, daß dies oder jenes zum Bereich der von Gott überlieferten Lehre gehöre, muß jeder gewiß glauben, daß dies wahr ist: wenn es in irgendeiner Weise falsch sein könnte, würde daraus folgen – was offensichtlich widersinnig ist -, daß Gott selbst der Urheber des Irrtums im Menschen ist: „Herr, wenn es ein Irrtum ist, sind wir von dir getäuscht worden“ (Richard von St. Viktor, De trinitate I 2 (PL 196,891D). Wenn also so dem Zweifel jeder Grund entzogen ist, wie kann es dann noch jemandem erlaubt sein, auch nur einen Punkt von diesen Wahrheiten zurückzuweisen, ohne daß er ebendadurch in die Häresie stürzt, ohne daß er sich von der Kirche trennt und mit diesem einen Punkt die ganze christliche Lehre verwirft? Derart nämlich ist die Natur des Glaubens, daß ihm nichts so widerspricht als das eine anzunehmen und das andere zurückzuweisen. Denn wie die Kirche bekennt, ist der Glaube “eine übernatürliche Tugend, durch die wir mit Hilfe und der Gnade Gottes alles von Ihm Geoffenbarte für wahr halten, nicht weil wir die innere Wahrheit der Dinge mit dem natürlichen Licht der Vernunft durchschauten, sondern (allein) wegen der Autorität des sich offenbarenden Gottes, der weder betrügen noch betrogen werden kann”. (I. Vat. Konzil, sess. III, cap. 3) Wenn man also weiß, daß etwas von Gott geoffenbart ist, und es nicht glaubt, dann glaubt man überhaupt nichts mit göttlichem Glauben. Was der Apostel Jakobus von der Sünde auf dem Gebiet der Sittlichkeit sagt, das muß auch und noch viel mehr von dem Abirren in Sachen des Glaubens gesagt werden: ‚Wer … nur ein einziges Gebot übertritt, der ist in allen (Punkten) schuldig.‘ Man kann nun aber nur uneigentlich sagen, daß jemand, der bloß eine Sünde begeht, sich der Übertretung des ganzen Gesetzes schuldig gemacht habe, die gesetzgeberische Autorität Gottes überhaupt verachtet zu haben scheint, es sei denn daß man seinen Willen so deutet. Im Gegensatz dazu aber legt derjenige, der auch nur in einem Punkt von den von Gott empfangenen Wahrheiten abweicht, in voller Wahrheit den Glauben von Grund auf ab, da er ja Gott, insofern er der die höchste Wahrheit und der eigentliche Beweggrund des Glaubens ist, zu respektieren sich weigert. ‚In vielem sind sie mit mir, in wenigem sind sie nicht mit mir; aber bei diesem wenigen, in dem sie nicht mit mir sind, nützt ihnen das viele, in dem sie mit mir sind, nichts.‘ (St. Augustin, In Ps 54, n.10) Und das mit Recht; denn wer aus der christlichen Lehre eben nur das herausnimmt, was ihm beliebt, der stützt sich auf sein eigenes Urteil, nicht auf den Glauben; und ebendiese sind weit entfernt, ‚den ganzen Verstand gefangen zu nehmen zum Gehorsam Christi‘ (2 Kor 10, 5) und gehorchen eher sich selbst als Gott. ‚Die ihr im Evangelium bloß glaubet oder nicht glaubet, was ihr wollt, ihr glaubet eigentlich nicht dem Evangelium, sondern vielmehr euch.‘ (St. Augustin, Contra Faustum Man. Lib. XVII, cap. 3). Daher haben die Väter auf dem (I.) Vatikanischen Konzil nichts Neues aufgestellt…, wenn sie folgendes beschlossen: ‚Mit göttlichem und katholischem Glauben muß alles geglaubt werden, was im schriftlichen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche als von Gott geoffenbart – sei es durch feierliches Urteil sei es durch das ordentliche und allgemeine Lehramt – zu glauben vorgelegt wird.‘ (sess. III, Dogmatische Konstitution “Dei Filius” cap. 3 = DS 3011).”

Man muß diesen etwas längeren Text Leos XIII. genau lesen, damit man ihn nicht verkürzt interpretiert. Denn gerade das werden all jene Traditionalisten machen, die sich aus der Not der Zeit heraus angewöhnt haben, das Lehramt der Kirche auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Leo XIII. erklärt uns, die Einheit im Glauben wird uns Katholiken durch „ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt“ verbürgt, das Jesus Christus in Seiner Kirche eingesetzt hat. Dieses Lehramt hat der Herr mit seiner eigenen Vollmacht bereichert, mit dem Geist der Wahrheit ausstattet und durch Wunder bestätigt – und „er wollte und befahl nachdrücklich, daß dessen Lehrvorschriften ebenso angenommen würden wie seine eigenen.“ Darum müssen auch alle Katholiken diesem Lehramt Glaubensgehorsam leisten, d.h. sie müssen ihr persönliches Urteil dem Urteil des Lehramts unterordnen – „denn wer aus der christlichen Lehre eben nur das herausnimmt, was ihm beliebt, der stützt sich auf sein eigenes Urteil, nicht auf den Glauben; und ebendiese sind weit entfernt, ‚den ganzen Verstand gefangen zu nehmen zum Gehorsam Christi‘“.

Mit diesem, von Leo XIII. beschriebenen Lehramt ist offensichtlich nicht allein das außerordentliche Lehramt gemeint, das doch nur eher selten tätig wird, sondern hauptsächlich das sog. ordentliche Lehramt, das „ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt“ ist. In anderen Texten heißt es auch das tägliche Lehramt, weil es jeden Tag seine Aufgabe erfüllt. Dieses lebendige, authentische und ebenso immerwährende Lehramt ist für jeden Katholiken „die oberste und unerschütterliche Richtschnur der Rechtgläubigkeit“, wie der hl. Pius X in einer Ansprache an Studenten betont: „Das erste und bedeutsamste Kriterium des Glaubens, die oberste und unerschütterliche Richtschnur der Rechtgläubigkeit ist der Gehorsam gegenüber dem immerzu lebendigen und unfehlbaren Lehramt der Kirche, die von Christus als ‚columna et firmamentum veritatis‘, als ‚Säule und Grundfeste der Wahrheit‘ eingerichtet wurde“ (Ansprache Pius X. „Con vera soddisfazione“ an Studenten, am 10. Mai 1909, EPS/E n.716). Die Kirche Jesu Christi ist also nur deshalb immerwährende „Säule und Grundfeste der Wahrheit“, weil sie ein immerzu lebendiges und unfehlbares Lehramt besitzt, das sie vor dem Irrtum in Glauben und Sitten bewahrt.

Dementsprechend schärft Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Humani generis gegenüber den damaligen liberalisierenden Neo-Modernisten nochmals ein, daß „das Lehramt der Kirche in Dingen des Glaubens und der Sitten… die nächste und allgemeine Richtschnur sein muß – denn ihm (dem Lehramt) wurde von Christus dem Herrn die Aufgabe anvertraut, die gesamte Glaubenshinterlage, die Hl. Schrift und die göttliche Überlieferung zu bewahren, zu beschützen und zu erklären.“ (DS 3884)

Und es heißt zusammenfassend im Lexikon für Theologie und Kirche: „Die nächste (proxima) und unmittelbare Glaubensregel ist das kirchliche Lehramt, da Christus die Kirche als die authentische Verkünderin des Wortes Gottes ermächtigt und verpflichtet hat. Schrift und Tradition gelten als entfernte (remota) und mittelbare Glaubensregel, da sie der Gewährleistung und Auslegung durch das kirchliche Lehramt bedürfen“ (J.Quasten, LThK² Bd.8 (Freiburg/Br. 1963) s.v Regula fidei, Sp. 1103).

Der Katholik ist somit vollkommen in seinem Glauben vom lebendigen Lehramt abhängig. Sein Glauben kommt vom diesem Lehramt, das die nächste und unmittelbare Regel seines Glaubens ist. Dieses Lehramt ist der Wesensgrund für die Einheit im Glauben. Diese Einheit im Glauben ist für den Katholiken sozusagen nicht statisch, sondern dynamisch, d.h. sie wird ganz lebendig durch die täglich lehrende Kirche gewirkt. Schrift und Tradition dagegen sind nur entfernte Glaubensregeln, die ihrerseits wiederum durch das Lehramt authentisch interpretiert werden müssen.

Wenn man diese Grundlage unseres katholischen Glaubens verstanden hat und dann auf die heutige Situation blickt, so stellt sich einem spontan die Frage: Ist nicht der entscheidende Grund dafür, daß aus dem Wort „katholisch“ ein äquivoker Begriff geworden ist, der: diese nächste Norm des Glaubens, der Formalgrund für die Einheit des Glaubens – also das eine lebendige, authentische und ebenso immerwährende Lehramt – fällt spätestens seit dem „Zweiten Vatikanischen Konzil“ ganz einfach aus! Die Einheit des Glaubens unter den Katholiken zerfällt, weil sie durch die zuständigen Autoritäten nicht mehr lebendig gewirkt wird. Man sagt, sie wären liberal geworden, aber ein liberales Lehramt ist ein Widerspruch in sich.

Für die Modernisten ist das Fehlen des Lehramtes nicht besonders tragisch, da sie sowieso an kein letztverbindlich unfehlbares Lehramt mehr glauben. Die traditionellen Katholiken hingegen machen – ohne daß sie sich darüber irgendeine Rechenschaft geben – ganz einfach aus der Not eine Tugend, sie ersetzen das lebendige Lehramt, also die nächste Norm ihres Glaubens, ganz einfach durch die sog. Tradition, also die entfernte Norm des Glaubens – ohne weiterhin auch nur im Geringsten zu beachten, daß Schrift und Tradition wiederum „der Gewährleistung und Auslegung durch das kirchliche Lehramt bedürfen“.

Als Folge dieser Verkehrung von entfernter Norm und nächster Norm des Glaubens ändert sich das Verhalten zum Lehramt grundlegend. Die Traditionalisten gehorchen nämlich nun, wenn es um ihren katholischen Glauben geht, nicht mehr dem lebendigen, authentischen und ebenso immerwährenden Lehramt, sondern genauso wie die Modernisten nur noch ihrem eigenen privaten Urteil. Sie selbst bestimmen nämlich mit einem Mal, was Tradition der Kirche ist und was nicht, was katholisch ist oder nicht. Gleichgültig, ob es die Modernisten, die Halbkonservativen oder die Traditionalisten sind, alle haben sich daran gewöhnt, sämtliche Akte des ordentlichen Lehramtes zu hinterfragen, zu kritisieren, anzunehmen oder zurückzuweisen wie sie wollen. Die Traditionalisten (und hier ist das Wort inzwischen ganz treffend) fügen nur noch hinzu: außer wenn es sich um Akte des außerordentlichen Lehramtes handeln sollte. Und sie denken dabei stillschweigend: Gott sei Dank kommen diese nur einmal alle hundert Jahre vor. Doch selbst dann, wenn solche Akte des außerordentlichen Lehramtes vorkommen sollten, werden im Nachhinein die Grenzen für eine solchermaßen außerordentliche Unfehlbarkeit nach Belieben so eng gesteckt, daß ein unfehlbarer Akt dieses sehr außerordentlichen Lehramts auch wirklich nur noch außerordentlich selten vorkommen kann, womit man im Grunde fast immer machen kann, was man will. Das unfehlbare Lehramt der Kirche kommt einem nicht mehr so schnell die die Quere. Man kann sich beim Lesen mancher Texte solcher Traditionalisten des Eindrucks nicht erwehren, als wäre die Unfehlbarkeit das Schlimmste, was passieren kann, und der unfehlbare Papst der gefährlichste Feind des eigenen Systems!

Diese Beschränkung der Unfehlbarkeit auf die außerordentlichen Akte des Lehramtes war übrigens schon kennzeichnend für die Modernisten zur Zeit Pius’ X. Hier treffen sich also die Interessen der Modernisten und mancher ideologisierter Traditionalisten. Es heißt nicht umsonst: Die Extreme ziehen sich an! Bereits 1911 sah sich deswegen der Dogmatiker Reginald M. Schultes O.P. in seinem Buch über den Anti-Modernisteneid zu folgender Klarstellung veranlaßt bzw. gezwungen: „Von katholischer Seite wird vielfach der dem Papst resp. der Kirche verheißene Beistand des Hl. Geistes als nur in außergewöhnlichen, seltenen Fällen eintretend gedeutet, während er doch ein dauernder, mit dem Amt gegebener ist. Außergewöhnlich sind nur die Formen, in denen sich die Unfehlbarkeit des Papstes zuweilen äußert“ (R.M. Schultes, Was beschwören wir im Antimodernisteneid? Mainz 1911, S. 5).

Der Dogmatiker Anton Straub S.J. legt dasselbe noch etwas ausführlicher so dar: „Man muß beachten, daß dem kirchlichen Lehramt nicht eine zweifach geartete Unfehlbarkeit verheißen ist, eine für seine feierlichen Entscheidungen, eine andere für seine gewöhnliche, alltägliche Betätigung. Eine solche Unterscheidung ist in der Offenbarung nicht begründet; vielmehr wird durch sie die Unfehlbarkeit einfach zugesagt für ‚alle Tage bis ans Ende der Welt‘ (Matth 28,20). Und in der Tat, wesentlich ist der Kirche das unfehlbare Lehren, nichtwesentlich ist ihr eine gewisse Feierlichkeit des Lehrens; die Konzilien, von denen die feierlichen Lehrdekrete des Gesamtepiskopates herrühren, sind der Kirche überhaupt nicht schlechtweg notwendig, geschweige denn wesentlich, und auch das sonstige Lehren ist in keinem Fall an eine feierliche Form gebunden. Erfordert zum unfehlbaren Lehren ist nur das selbstverständlich Eine, daß etwas zu glauben, d.h. nicht zu einem vorläufigen und bedingten, sondern einem unwiderruflichen und unbedingten Fürwahrhalten vorgelegt werde, und darauf weist das Vaticanum (I) hin…“ (Anton Straub, a.a.O., S. 290).

Überblickt man das kirchliche Leben heute, so kann man nur erstaunt feststellen: Das früher selbstverständliche Vertrauen des Katholiken in das kirchliche Lehramt wurde durch diese völlig neuartige Haltung des grundsätzlichen Mißtrauens nachhaltig zerstört. Alles, was nicht unter die außerordentliche Unfehlbarkeit fällt, wird heutzutage von allen Katholiken als zweifelhaft, mit Fehlern behaftet, kritisierbar und im Glauben nicht bindend betrachtet. Dem legitimen kirchlichen Lehramt wird ganz selbstverständlich auf weitesten Gebieten der Lehre, der Disziplin und der Liturgie zugetraut, die ganze Kirche in die Irre führen zu können. Als Rechtfertigung der eigenen Haltung wird gesagt, die höchste Autorität hätte, als sie traditionsfremde Lehren und Reformen beschlossen hat, ihre Kompetenz überschritten und somit ihre Amtsautorität mißbraucht.

Ist jedoch ein derartiger Amtsmißbrauch einer legitimen kirchlichen Autorität überhaupt denkbar? Ja, noch mehr: Ist ein derartiger Amtsmißbrauch überhaupt mit dem Wesen der Kirche, die doch „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ ist, vereinbar?

Es sei hierzu ein längerer Auszug aus der Zeitschrift „Der Katholik“ („Der Katholik. Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben“ (Mainz, Jg. 50,1870, Bd. I, S. 689 ff und Bd. II S. 38 ff), herausgegeben und redigiert von C.H. Moufang und dem Dogmatiker J. B. Heinrich – zitiert in Kyrie eleison 11(1982) 23 – 28) aus dem Jahre 1870 angeführt. In diesem Auszug ist die katholische Lehre, noch ohne durch die Anti-Vaticanum-II-Probleme voreingenommen oder verunsichert zu sein, in aller Klarheit und Deutlichkeit formuliert. Dabei ist noch mitzubedenken, daß diese Theologen durchaus nicht naiv und blauäugig über das Thema der Unfehlbarkeit schreiben konnten, da damals von den sog. Altkatholiken alle nur denkbaren Einwände gegen die Unfehlbarkeit erhoben wurden, weil sie das Dogma von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes ablehnten. In dem Text wird nun die Möglichkeit eines solchen Mißbrauchs der kirchlichen Hirten- und Lehrvollmacht durch Kompetenz-Überschreitung folgendermaßen beurteilt:

„…in Glaubenssachen kann die Kirche ihre Kompetenz nicht überschreiten; sie ist dagegen durch ihre Unfehlbarkeit gesichert. Wollte der Einzelne sich anmaßen, über die Lehrentscheidungen der Kirche zu urteilen, ob die Kirche nicht die Grenzen des depositum fidei überschritten (habe, d.Verf.), so hätte er bereits aufgehört, Katholik zu sein, indem er sein Privaturteil über das Urteil der Kirche setzte.
Da das depositum in der hl. Schrift und der Tradition enthalten ist, so ist die Kirche verpflichtet, ihre Entscheidungen aus diesen beiden Quellen des Glaubens, der hl. Schrift und Überlieferung, zu schöpfen. Daß sie dieses wirklich tut, und niemals eine Glaubensentscheidung erläßt, die nicht in den Quellen des Glaubens und der Überlieferung begründet wäre, dafür bürgt gleichfalls ihre Unfehlbarkeit und kann die autoritative Entscheidung darüber, ob eine Lehre in der Schrift und Tradition begründet sei, nur der Kirche selbst zustehen.
Diese Entscheidung dem Einzelnen anheimstellen, heißt das katholische Autoritätsprinzip zerstören. Ob die Heilige Schrift oder die Tradition und ihre Quellen dem Privaturteil unterworfen werden, ist eines und dasselbe.
Es wäre daher ein die Kirche und den Glauben umstürzendes Prinzip, wenn man die letzte Entscheidung darüber, ob die Lehrentscheidungen der Kirche gültig, weil der Überlieferung gemäß seien, der Wissenschaft zusprechen wollte…“
(a.a.O S. 692 f).

Für die allermeisten Traditionalisten ist es ganz und gar selbstverständlich geworden, alle Lehrentscheidungen der Kirche im Nachhinein auf ihre Traditionsgemäßheit zu überprüfen und diese sodann gemäß ihrem privaten Urteil anzunehmen oder zurückzuweisen. Keiner von ihnen kommt auch nur im Geringsten auf den Gedanken, daß dies ein die Kirche und den Glauben umstürzendes Prinzip sein könnte, weil er damit nichts anderes mit der Tradition macht als das, was die Protestanten aufgrund ihres „sola scriptura“-Prinzips mit der Heiligen Schrift gemacht haben. Die Theologen unseres Artikels haben noch gewußt: Ob die Heilige Schrift oder die Tradition und ihre Quellen dem Privaturteil unterworfen werden, ist eines und dasselbe. Nach der traditionellen katholischen Lehre ist also hier allein die höchste Autorität der Kirche kompetent.

Zur maßgeblichen Bedeutung der kirchlichen Lehrautorität als Glaubensregel, und zwar als jederzeit zugänglicher Glaubensregel, erklärt „Der Katholik“ völlig klar und eindeutig:

„Die Kirche besitzt also in ihrem Apostolat [d.h. in heutiger Sprechweise: das mit apostolischer Sendung und Vollmacht ausgestattete Lehramt] ein allezeit unfehlbares Lehr- und Richteramt, bei dem allezeit jeder Einzelne unfehlbare Belehrung in Glaubenssachen findet… Niemand hat das kirchliche Lehr- und Richteramt und ist unfehlbar in seinen dogmatischen Entscheidungen, als nur der von Christus eingesetzte Apostolat – und auch der größte Gelehrte, der größte Heilige, der wunderbar Erleuchtete ist es nicht, sondern muß sich, um nicht dem Irrtum anheimzufallen, den Lehraussprüchen der lehrenden Kirche unterwerfen. Davon gilt das Wort des hl. Paulus: Und wenn auch ein Engel vom Himmel käme und euch anders lehrte, als ich euch verkündet habe, so sei er Anathema.
Wir haben gesagt, dieses kirchliche Lehramt sei immer und allezeit unfehlbar und jederzeit könne man bei ihm die Wahrheit finden. Es ist also nicht möglich, daß diese Unfehlbarkeit je eine Unterbrechung erleide und daß die lehrende Kirche irgendeinmal, wenn auch nur vorübergehend, Falsches lehre und falsche Lehrentscheidungen gebe.
Wenn es demnach, wie oben angeführt, eine Häresie ist, zu sagen, es könne in der Kirche je eine allgemeine Verdunkelung bezüglich irgendwelcher Wahrheiten der katholischen Glaubens- oder Sittenlehre eintreten [Hier wird auf die erste in der Bulle „Auctorem fidei“ vom 28. August 1794 durch Pius VI. als häretisch verurteilte These der Synode von Pistoja angespielt, wonach eine solche Verdunkelung de facto stattgefunden habe (DS 2601)], so ist es ebenso eine Häresie, zu meinen, es könne das kirchliche Lehramt jemals, wenn auch vorübergehend, in Sachen des Glaubens und der Moral in einen Irrtum fallen…“ („Der Katholik“ Bd. I S. 694 f).
„…Es versteht sich von selbst, daß die Unfehlbarkeit nur jener Lehrentscheidungen durch die assistentia spiritus sancti (den Beistand des hl. Geistes; d. Verf.) gesichert sind, welche von der höchsten Lehrautorität in formell gültiger Weise als verpflichtende Glaubensentscheidungen erlassen sind.
Ob solches der Fall sei, kann definitiv und unfehlbar selbstverständlich nur die Kirche selbst entscheiden, und ist der Einzelne in dieser Beziehung an die Entscheidungen der Kirche gebunden: denn wäre dieses nicht der Fall, so wäre wieder das Privaturteil der höchste Richter in Glaubenssachen, und jeder Häretiker könnte sich der Autorität der Kirche dadurch entziehen, daß er die ihn betreffenden Entscheidungen als formell ungültig erklärte…“ (a.a.O. S. 697 f).
„Es ist… offenbar häretisch und die Grundverfassung der Kirche und das Fundament des Glaubens zerstörend, wenn man behauptet: … Es stehe, sei es den Einzelnen oder der Gesamtheit, oder den Gelehrten zu, zu entscheiden, ob eine kirchliche Lehrentscheidung mit der Überlieferung im Einklang sei oder nicht. Das heißt nichts anderes, als das protestantische Schriftprinzip auf die Tradition anwenden…“ („Der Katholik“ Bd. II S. 38 f).

Man muß diesen Text schon aufmerksam lesen, damit die Einsicht in das Gesagte wachsen kann. Wenn man sich jedoch dieser Mühe unterwirft, begreift man allmählich wieder, was eigentlich damit gesagt ist, wenn es heißt: Das lebendige Lehramt ist die nächste Norm unseres Glaubens. Die meisten sog. Traditionalisten leugnen diese Grundlehre ihres Glaubens „de facto“, also durch ihren praktischen Umgang mit dem Lehramt. Sie haben sich inzwischen so daran gewöhnt, die entfernte Norm des Glaubens (die sog. Tradition) über das lebendige Lehramt zu stellen und als alleinige letzte Norm ihres Glaubens gelten zu lassen, daß es ihnen gar nichts mehr ausmacht, in ständigem Widerspruch mit dem Lehramt zu leben, bzw. dieses ständig ihrem privatem Urteil unterzuordnen. Die Autoren des Textes aus dem Jahre 1870 urteilen darüber so: Es ist… offenbar häretisch und die Grundverfassung der Kirche und das Fundament des Glaubens zerstörend.

Dieser habituelle Ungehorsam der sog. Traditionalisten gegenüber dem lebendigen Lehramt wird jeweils durch die vermeintliche Verpflichtung, den wahren Glauben bewahren zu müssen, gerechtfertigt. Daß sie mit ihrem eigenen Verhalten selber in Widerspruch zur Lehre der Kirche geraten, ist den allermeisten von ihnen (vor allem den Gläubigen aus der FSSPX) nicht mehr zu vermitteln. Damit zeigt sich die inzwischen erfolgte Ideologisierung des eigenen Glaubens. Nicht mehr die Lehre der Kirche ist die letzte Richtschnur, sondern die Lehre der Gemeinschaft, der man sich zugehörig fühlt. Auf der einen Seite will man die kirchliche Autorität retten – man anerkennt den Papst in Rom als Oberhaupt der Kirche – auf der anderen Seite erhebt man sich über diesen „Papst“ und erkennt sein authentisches ordentliches Lehramt in keiner Weise mehr an. Und selbst in den zweifellos unfehlbaren Akten seines Lehramtes gehorcht man ihm auch nicht mehr, weil man irgendwelche Ausreden meint gefunden zu haben, die diese Weigerung wiederum rechtfertigen sollen – siehe die Heiligsprechungen.

Überblickt man die derzeitige amtskirchliche Situation, so kann man nur zu einem Schluß kommen: Das eigentliche Drama dieser Kirchenkrise ist für uns Katholiken das Fehlen des ordentlichen Lehramtes. Und der entscheidende Schritt zum Verständnis der Krise ist das Anerkennen dieser Tatsache. Nur dann, wenn die Autorität in Rom ihre Legitimität verloren hat, bin ich berechtigt, einen Ungehorsam in einem solchen Umfang zu leisten, wie es heute zur Bewahrung des katholischen Glaubens notwendig scheint.
Wer diesen Schritt nicht macht – man muß wohl besser sagen: nicht wagt – ist notwendiger Weise gezwungen, eine neue Lehre vom kirchlichen Lehramt zu erfinden, um seine Position rechtfertigen zu können. Er muß zumindest implizit die Unfehlbarkeit des ordentlichen Lehramts leugnen und sodann die unfehlbaren Akte des außerordentlichen Lehramts auf ein absolutes Minimum reduzieren. Dabei leitet ihn freilich nunmehr nicht mehr die Lehre der Kirche, sondern die eigene Vorentscheidung. D.h. er erkauft diese Weigerung wahrlich durch einen teuren Preis, denn er degeneriert damit die katholische Wahrheit zur Ideologie.

Ein solcherart traditionalistisch ideologisierter Priester hat einmal in einem öffentlichen Vortrag einen Bauern zitiert mit den Worten: „Der Papst kann sagen, was er will, i bleib katholisch.“ Und der Priester korrigierte diese zwar menschlich verständliche, aber theologisch völlig abwegige Behauptung in keiner Weise, sondern erklärte allen Ernstes: „Das ist der gesunde Menschenverstand.“ Der Satz des Bauern formuliert offensichtlich genau die Ideologie dieses traditionellen Priesters, daß man problemlos ohne den Papst, also ohne sein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt in irgendeiner Weise zu beachten, katholisch bleiben kann. Wobei man sogar noch etwas präzisieren muß: gegen den Papst. Nun, das ist ganz einfach unmöglich, ohne oder gegen den legitimen Papst katholisch zu sein. Der erwähnte ob der Krise der Kirche völlig ratlose Bauer hat leider nicht mehr begriffen, was der Papst für einen Katholiken wesentlich, notwendiger Weise ist – und die traditionalistischen Ideologen haben es ihm leider auch nicht mehr sagen können.

Als zur Zeit des (ersten) Vatikanischen Konzils heftig über das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes gestritten wurde, soll ein Kardinal zu Papst Pius IX. gegangen sein, um mit ihm über das Thema zu sprechen. In dem Disput für und wider das Dogma hat der Kardinal schließlich sein Bedenken gegen das Dogma durch den Ausruf Luft gemacht: „Eure Heiligkeit, was ist dann mit der Tradition!“ Darauf hat Pius IX. geantwortet: „Ich bin die Tradition!“ Das ist zwar eine pointiert zugespitzte Aussage, die aber durchaus richtig ist in dem Sinn: Als Inhaber des Petrusamtes, in meinem Amt als oberster Lehrer der Kirche, als Papst bin ich in allen meinen unfehlbaren Akten die Tradition. Mit Tradition ist hier natürlich die Glaubenstradition gemeint, die Glaubensüberlieferung, über die das unfehlbare, lebendige Lehramt des Papstes in letzter Instanz wacht.

Am Ende dieser Überlegungen kann man sicher mit gutem Recht sagen: Jeder Katholik muß heute ganz besonders aufpassen, daß er dadurch, daß er den „Papst“ retten möchte, nicht seine eigentliche, das Papstamt konstituierende Autorität vollkommen zerstört.