Wahrheit oder Ideologie?

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Ist jedoch ein derartiger Amtsmißbrauch einer legitimen kirchlichen Autorität überhaupt denkbar? Ja, noch mehr: Ist ein derartiger Amtsmißbrauch überhaupt mit dem Wesen der Kirche, die doch „Säule und Grundfeste der Wahrheit“ ist, vereinbar?

Es sei hierzu ein längerer Auszug aus der Zeitschrift „Der Katholik“ („Der Katholik. Zeitschrift für katholische Wissenschaft und kirchliches Leben“ (Mainz, Jg. 50,1870, Bd. I, S. 689 ff und Bd. II S. 38 ff), herausgegeben und redigiert von C.H. Moufang und dem Dogmatiker J. B. Heinrich – zitiert in Kyrie eleison 11(1982) 23 – 28) aus dem Jahre 1870 angeführt. In diesem Auszug ist die katholische Lehre, noch ohne durch die Anti-Vaticanum-II-Probleme voreingenommen oder verunsichert zu sein, in aller Klarheit und Deutlichkeit formuliert. Dabei ist noch mitzubedenken, daß diese Theologen durchaus nicht naiv und blauäugig über das Thema der Unfehlbarkeit schreiben konnten, da damals von den sog. Altkatholiken alle nur denkbaren Einwände gegen die Unfehlbarkeit erhoben wurden, weil sie das Dogma von der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes ablehnten. In dem Text wird nun die Möglichkeit eines solchen Mißbrauchs der kirchlichen Hirten- und Lehrvollmacht durch Kompetenz-Überschreitung folgendermaßen beurteilt:

„…in Glaubenssachen kann die Kirche ihre Kompetenz nicht überschreiten; sie ist dagegen durch ihre Unfehlbarkeit gesichert. Wollte der Einzelne sich anmaßen, über die Lehrentscheidungen der Kirche zu urteilen, ob die Kirche nicht die Grenzen des depositum fidei überschritten (habe, d.Verf.), so hätte er bereits aufgehört, Katholik zu sein, indem er sein Privaturteil über das Urteil der Kirche setzte.
Da das depositum in der hl. Schrift und der Tradition enthalten ist, so ist die Kirche verpflichtet, ihre Entscheidungen aus diesen beiden Quellen des Glaubens, der hl. Schrift und Überlieferung, zu schöpfen. Daß sie dieses wirklich tut, und niemals eine Glaubensentscheidung erläßt, die nicht in den Quellen des Glaubens und der Überlieferung begründet wäre, dafür bürgt gleichfalls ihre Unfehlbarkeit und kann die autoritative Entscheidung darüber, ob eine Lehre in der Schrift und Tradition begründet sei, nur der Kirche selbst zustehen.
Diese Entscheidung dem Einzelnen anheimstellen, heißt das katholische Autoritätsprinzip zerstören. Ob die Heilige Schrift oder die Tradition und ihre Quellen dem Privaturteil unterworfen werden, ist eines und dasselbe.
Es wäre daher ein die Kirche und den Glauben umstürzendes Prinzip, wenn man die letzte Entscheidung darüber, ob die Lehrentscheidungen der Kirche gültig, weil der Überlieferung gemäß seien, der Wissenschaft zusprechen wollte…“
(a.a.O S. 692 f).

Für die allermeisten Traditionalisten ist es ganz und gar selbstverständlich geworden, alle Lehrentscheidungen der Kirche im Nachhinein auf ihre Traditionsgemäßheit zu überprüfen und diese sodann gemäß ihrem privaten Urteil anzunehmen oder zurückzuweisen. Keiner von ihnen kommt auch nur im Geringsten auf den Gedanken, daß dies ein die Kirche und den Glauben umstürzendes Prinzip sein könnte, weil er damit nichts anderes mit der Tradition macht als das, was die Protestanten aufgrund ihres „sola scriptura“-Prinzips mit der Heiligen Schrift gemacht haben. Die Theologen unseres Artikels haben noch gewußt: Ob die Heilige Schrift oder die Tradition und ihre Quellen dem Privaturteil unterworfen werden, ist eines und dasselbe. Nach der traditionellen katholischen Lehre ist also hier allein die höchste Autorität der Kirche kompetent.

Zur maßgeblichen Bedeutung der kirchlichen Lehrautorität als Glaubensregel, und zwar als jederzeit zugänglicher Glaubensregel, erklärt „Der Katholik“ völlig klar und eindeutig:

„Die Kirche besitzt also in ihrem Apostolat [d.h. in heutiger Sprechweise: das mit apostolischer Sendung und Vollmacht ausgestattete Lehramt] ein allezeit unfehlbares Lehr- und Richteramt, bei dem allezeit jeder Einzelne unfehlbare Belehrung in Glaubenssachen findet… Niemand hat das kirchliche Lehr- und Richteramt und ist unfehlbar in seinen dogmatischen Entscheidungen, als nur der von Christus eingesetzte Apostolat – und auch der größte Gelehrte, der größte Heilige, der wunderbar Erleuchtete ist es nicht, sondern muß sich, um nicht dem Irrtum anheimzufallen, den Lehraussprüchen der lehrenden Kirche unterwerfen. Davon gilt das Wort des hl. Paulus: Und wenn auch ein Engel vom Himmel käme und euch anders lehrte, als ich euch verkündet habe, so sei er Anathema.
Wir haben gesagt, dieses kirchliche Lehramt sei immer und allezeit unfehlbar und jederzeit könne man bei ihm die Wahrheit finden. Es ist also nicht möglich, daß diese Unfehlbarkeit je eine Unterbrechung erleide und daß die lehrende Kirche irgendeinmal, wenn auch nur vorübergehend, Falsches lehre und falsche Lehrentscheidungen gebe.
Wenn es demnach, wie oben angeführt, eine Häresie ist, zu sagen, es könne in der Kirche je eine allgemeine Verdunkelung bezüglich irgendwelcher Wahrheiten der katholischen Glaubens- oder Sittenlehre eintreten [Hier wird auf die erste in der Bulle „Auctorem fidei“ vom 28. August 1794 durch Pius VI. als häretisch verurteilte These der Synode von Pistoja angespielt, wonach eine solche Verdunkelung de facto stattgefunden habe (DS 2601)], so ist es ebenso eine Häresie, zu meinen, es könne das kirchliche Lehramt jemals, wenn auch vorübergehend, in Sachen des Glaubens und der Moral in einen Irrtum fallen…“ („Der Katholik“ Bd. I S. 694 f).
„…Es versteht sich von selbst, daß die Unfehlbarkeit nur jener Lehrentscheidungen durch die assistentia spiritus sancti (den Beistand des hl. Geistes; d. Verf.) gesichert sind, welche von der höchsten Lehrautorität in formell gültiger Weise als verpflichtende Glaubensentscheidungen erlassen sind.
Ob solches der Fall sei, kann definitiv und unfehlbar selbstverständlich nur die Kirche selbst entscheiden, und ist der Einzelne in dieser Beziehung an die Entscheidungen der Kirche gebunden: denn wäre dieses nicht der Fall, so wäre wieder das Privaturteil der höchste Richter in Glaubenssachen, und jeder Häretiker könnte sich der Autorität der Kirche dadurch entziehen, daß er die ihn betreffenden Entscheidungen als formell ungültig erklärte…“ (a.a.O. S. 697 f).
„Es ist… offenbar häretisch und die Grundverfassung der Kirche und das Fundament des Glaubens zerstörend, wenn man behauptet: … Es stehe, sei es den Einzelnen oder der Gesamtheit, oder den Gelehrten zu, zu entscheiden, ob eine kirchliche Lehrentscheidung mit der Überlieferung im Einklang sei oder nicht. Das heißt nichts anderes, als das protestantische Schriftprinzip auf die Tradition anwenden…“ („Der Katholik“ Bd. II S. 38 f).

Man muß diesen Text schon aufmerksam lesen, damit die Einsicht in das Gesagte wachsen kann. Wenn man sich jedoch dieser Mühe unterwirft, begreift man allmählich wieder, was eigentlich damit gesagt ist, wenn es heißt: Das lebendige Lehramt ist die nächste Norm unseres Glaubens. Die meisten sog. Traditionalisten leugnen diese Grundlehre ihres Glaubens „de facto“, also durch ihren praktischen Umgang mit dem Lehramt. Sie haben sich inzwischen so daran gewöhnt, die entfernte Norm des Glaubens (die sog. Tradition) über das lebendige Lehramt zu stellen und als alleinige letzte Norm ihres Glaubens gelten zu lassen, daß es ihnen gar nichts mehr ausmacht, in ständigem Widerspruch mit dem Lehramt zu leben, bzw. dieses ständig ihrem privatem Urteil unterzuordnen. Die Autoren des Textes aus dem Jahre 1870 urteilen darüber so: Es ist… offenbar häretisch und die Grundverfassung der Kirche und das Fundament des Glaubens zerstörend.

Dieser habituelle Ungehorsam der sog. Traditionalisten gegenüber dem lebendigen Lehramt wird jeweils durch die vermeintliche Verpflichtung, den wahren Glauben bewahren zu müssen, gerechtfertigt. Daß sie mit ihrem eigenen Verhalten selber in Widerspruch zur Lehre der Kirche geraten, ist den allermeisten von ihnen (vor allem den Gläubigen aus der FSSPX) nicht mehr zu vermitteln. Damit zeigt sich die inzwischen erfolgte Ideologisierung des eigenen Glaubens. Nicht mehr die Lehre der Kirche ist die letzte Richtschnur, sondern die Lehre der Gemeinschaft, der man sich zugehörig fühlt. Auf der einen Seite will man die kirchliche Autorität retten – man anerkennt den Papst in Rom als Oberhaupt der Kirche – auf der anderen Seite erhebt man sich über diesen „Papst“ und erkennt sein authentisches ordentliches Lehramt in keiner Weise mehr an. Und selbst in den zweifellos unfehlbaren Akten seines Lehramtes gehorcht man ihm auch nicht mehr, weil man irgendwelche Ausreden meint gefunden zu haben, die diese Weigerung wiederum rechtfertigen sollen – siehe die Heiligsprechungen.

Überblickt man die derzeitige amtskirchliche Situation, so kann man nur zu einem Schluß kommen: Das eigentliche Drama dieser Kirchenkrise ist für uns Katholiken das Fehlen des ordentlichen Lehramtes. Und der entscheidende Schritt zum Verständnis der Krise ist das Anerkennen dieser Tatsache. Nur dann, wenn die Autorität in Rom ihre Legitimität verloren hat, bin ich berechtigt, einen Ungehorsam in einem solchen Umfang zu leisten, wie es heute zur Bewahrung des katholischen Glaubens notwendig scheint.
Wer diesen Schritt nicht macht – man muß wohl besser sagen: nicht wagt – ist notwendiger Weise gezwungen, eine neue Lehre vom kirchlichen Lehramt zu erfinden, um seine Position rechtfertigen zu können. Er muß zumindest implizit die Unfehlbarkeit des ordentlichen Lehramts leugnen und sodann die unfehlbaren Akte des außerordentlichen Lehramts auf ein absolutes Minimum reduzieren. Dabei leitet ihn freilich nunmehr nicht mehr die Lehre der Kirche, sondern die eigene Vorentscheidung. D.h. er erkauft diese Weigerung wahrlich durch einen teuren Preis, denn er degeneriert damit die katholische Wahrheit zur Ideologie.

Ein solcherart traditionalistisch ideologisierter Priester hat einmal in einem öffentlichen Vortrag einen Bauern zitiert mit den Worten: „Der Papst kann sagen, was er will, i bleib katholisch.“ Und der Priester korrigierte diese zwar menschlich verständliche, aber theologisch völlig abwegige Behauptung in keiner Weise, sondern erklärte allen Ernstes: „Das ist der gesunde Menschenverstand.“ Der Satz des Bauern formuliert offensichtlich genau die Ideologie dieses traditionellen Priesters, daß man problemlos ohne den Papst, also ohne sein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt in irgendeiner Weise zu beachten, katholisch bleiben kann. Wobei man sogar noch etwas präzisieren muß: gegen den Papst. Nun, das ist ganz einfach unmöglich, ohne oder gegen den legitimen Papst katholisch zu sein. Der erwähnte ob der Krise der Kirche völlig ratlose Bauer hat leider nicht mehr begriffen, was der Papst für einen Katholiken wesentlich, notwendiger Weise ist – und die traditionalistischen Ideologen haben es ihm leider auch nicht mehr sagen können.

Als zur Zeit des (ersten) Vatikanischen Konzils heftig über das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes gestritten wurde, soll ein Kardinal zu Papst Pius IX. gegangen sein, um mit ihm über das Thema zu sprechen. In dem Disput für und wider das Dogma hat der Kardinal schließlich sein Bedenken gegen das Dogma durch den Ausruf Luft gemacht: „Eure Heiligkeit, was ist dann mit der Tradition!“ Darauf hat Pius IX. geantwortet: „Ich bin die Tradition!“ Das ist zwar eine pointiert zugespitzte Aussage, die aber durchaus richtig ist in dem Sinn: Als Inhaber des Petrusamtes, in meinem Amt als oberster Lehrer der Kirche, als Papst bin ich in allen meinen unfehlbaren Akten die Tradition. Mit Tradition ist hier natürlich die Glaubenstradition gemeint, die Glaubensüberlieferung, über die das unfehlbare, lebendige Lehramt des Papstes in letzter Instanz wacht.

Am Ende dieser Überlegungen kann man sicher mit gutem Recht sagen: Jeder Katholik muß heute ganz besonders aufpassen, daß er dadurch, daß er den „Papst“ retten möchte, nicht seine eigentliche, das Papstamt konstituierende Autorität vollkommen zerstört.

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