Wahrheit oder Ideologie?

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Mit diesem, von Leo XIII. beschriebenen Lehramt ist offensichtlich nicht allein das außerordentliche Lehramt gemeint, das doch nur eher selten tätig wird, sondern hauptsächlich das sog. ordentliche Lehramt, das „ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt“ ist. In anderen Texten heißt es auch das tägliche Lehramt, weil es jeden Tag seine Aufgabe erfüllt. Dieses lebendige, authentische und ebenso immerwährende Lehramt ist für jeden Katholiken „die oberste und unerschütterliche Richtschnur der Rechtgläubigkeit“, wie der hl. Pius X in einer Ansprache an Studenten betont: „Das erste und bedeutsamste Kriterium des Glaubens, die oberste und unerschütterliche Richtschnur der Rechtgläubigkeit ist der Gehorsam gegenüber dem immerzu lebendigen und unfehlbaren Lehramt der Kirche, die von Christus als ‚columna et firmamentum veritatis‘, als ‚Säule und Grundfeste der Wahrheit‘ eingerichtet wurde“ (Ansprache Pius X. „Con vera soddisfazione“ an Studenten, am 10. Mai 1909, EPS/E n.716). Die Kirche Jesu Christi ist also nur deshalb immerwährende „Säule und Grundfeste der Wahrheit“, weil sie ein immerzu lebendiges und unfehlbares Lehramt besitzt, das sie vor dem Irrtum in Glauben und Sitten bewahrt.

Dementsprechend schärft Papst Pius XII. in seiner Enzyklika Humani generis gegenüber den damaligen liberalisierenden Neo-Modernisten nochmals ein, daß „das Lehramt der Kirche in Dingen des Glaubens und der Sitten… die nächste und allgemeine Richtschnur sein muß – denn ihm (dem Lehramt) wurde von Christus dem Herrn die Aufgabe anvertraut, die gesamte Glaubenshinterlage, die Hl. Schrift und die göttliche Überlieferung zu bewahren, zu beschützen und zu erklären.“ (DS 3884)

Und es heißt zusammenfassend im Lexikon für Theologie und Kirche: „Die nächste (proxima) und unmittelbare Glaubensregel ist das kirchliche Lehramt, da Christus die Kirche als die authentische Verkünderin des Wortes Gottes ermächtigt und verpflichtet hat. Schrift und Tradition gelten als entfernte (remota) und mittelbare Glaubensregel, da sie der Gewährleistung und Auslegung durch das kirchliche Lehramt bedürfen“ (J.Quasten, LThK² Bd.8 (Freiburg/Br. 1963) s.v Regula fidei, Sp. 1103).

Der Katholik ist somit vollkommen in seinem Glauben vom lebendigen Lehramt abhängig. Sein Glauben kommt vom diesem Lehramt, das die nächste und unmittelbare Regel seines Glaubens ist. Dieses Lehramt ist der Wesensgrund für die Einheit im Glauben. Diese Einheit im Glauben ist für den Katholiken sozusagen nicht statisch, sondern dynamisch, d.h. sie wird ganz lebendig durch die täglich lehrende Kirche gewirkt. Schrift und Tradition dagegen sind nur entfernte Glaubensregeln, die ihrerseits wiederum durch das Lehramt authentisch interpretiert werden müssen.

Wenn man diese Grundlage unseres katholischen Glaubens verstanden hat und dann auf die heutige Situation blickt, so stellt sich einem spontan die Frage: Ist nicht der entscheidende Grund dafür, daß aus dem Wort „katholisch“ ein äquivoker Begriff geworden ist, der: diese nächste Norm des Glaubens, der Formalgrund für die Einheit des Glaubens – also das eine lebendige, authentische und ebenso immerwährende Lehramt – fällt spätestens seit dem „Zweiten Vatikanischen Konzil“ ganz einfach aus! Die Einheit des Glaubens unter den Katholiken zerfällt, weil sie durch die zuständigen Autoritäten nicht mehr lebendig gewirkt wird. Man sagt, sie wären liberal geworden, aber ein liberales Lehramt ist ein Widerspruch in sich.

Für die Modernisten ist das Fehlen des Lehramtes nicht besonders tragisch, da sie sowieso an kein letztverbindlich unfehlbares Lehramt mehr glauben. Die traditionellen Katholiken hingegen machen – ohne daß sie sich darüber irgendeine Rechenschaft geben – ganz einfach aus der Not eine Tugend, sie ersetzen das lebendige Lehramt, also die nächste Norm ihres Glaubens, ganz einfach durch die sog. Tradition, also die entfernte Norm des Glaubens – ohne weiterhin auch nur im Geringsten zu beachten, daß Schrift und Tradition wiederum „der Gewährleistung und Auslegung durch das kirchliche Lehramt bedürfen“.

Als Folge dieser Verkehrung von entfernter Norm und nächster Norm des Glaubens ändert sich das Verhalten zum Lehramt grundlegend. Die Traditionalisten gehorchen nämlich nun, wenn es um ihren katholischen Glauben geht, nicht mehr dem lebendigen, authentischen und ebenso immerwährenden Lehramt, sondern genauso wie die Modernisten nur noch ihrem eigenen privaten Urteil. Sie selbst bestimmen nämlich mit einem Mal, was Tradition der Kirche ist und was nicht, was katholisch ist oder nicht. Gleichgültig, ob es die Modernisten, die Halbkonservativen oder die Traditionalisten sind, alle haben sich daran gewöhnt, sämtliche Akte des ordentlichen Lehramtes zu hinterfragen, zu kritisieren, anzunehmen oder zurückzuweisen wie sie wollen. Die Traditionalisten (und hier ist das Wort inzwischen ganz treffend) fügen nur noch hinzu: außer wenn es sich um Akte des außerordentlichen Lehramtes handeln sollte. Und sie denken dabei stillschweigend: Gott sei Dank kommen diese nur einmal alle hundert Jahre vor. Doch selbst dann, wenn solche Akte des außerordentlichen Lehramtes vorkommen sollten, werden im Nachhinein die Grenzen für eine solchermaßen außerordentliche Unfehlbarkeit nach Belieben so eng gesteckt, daß ein unfehlbarer Akt dieses sehr außerordentlichen Lehramts auch wirklich nur noch außerordentlich selten vorkommen kann, womit man im Grunde fast immer machen kann, was man will. Das unfehlbare Lehramt der Kirche kommt einem nicht mehr so schnell die die Quere. Man kann sich beim Lesen mancher Texte solcher Traditionalisten des Eindrucks nicht erwehren, als wäre die Unfehlbarkeit das Schlimmste, was passieren kann, und der unfehlbare Papst der gefährlichste Feind des eigenen Systems!

Diese Beschränkung der Unfehlbarkeit auf die außerordentlichen Akte des Lehramtes war übrigens schon kennzeichnend für die Modernisten zur Zeit Pius’ X. Hier treffen sich also die Interessen der Modernisten und mancher ideologisierter Traditionalisten. Es heißt nicht umsonst: Die Extreme ziehen sich an! Bereits 1911 sah sich deswegen der Dogmatiker Reginald M. Schultes O.P. in seinem Buch über den Anti-Modernisteneid zu folgender Klarstellung veranlaßt bzw. gezwungen: „Von katholischer Seite wird vielfach der dem Papst resp. der Kirche verheißene Beistand des Hl. Geistes als nur in außergewöhnlichen, seltenen Fällen eintretend gedeutet, während er doch ein dauernder, mit dem Amt gegebener ist. Außergewöhnlich sind nur die Formen, in denen sich die Unfehlbarkeit des Papstes zuweilen äußert“ (R.M. Schultes, Was beschwören wir im Antimodernisteneid? Mainz 1911, S. 5).

Der Dogmatiker Anton Straub S.J. legt dasselbe noch etwas ausführlicher so dar: „Man muß beachten, daß dem kirchlichen Lehramt nicht eine zweifach geartete Unfehlbarkeit verheißen ist, eine für seine feierlichen Entscheidungen, eine andere für seine gewöhnliche, alltägliche Betätigung. Eine solche Unterscheidung ist in der Offenbarung nicht begründet; vielmehr wird durch sie die Unfehlbarkeit einfach zugesagt für ‚alle Tage bis ans Ende der Welt‘ (Matth 28,20). Und in der Tat, wesentlich ist der Kirche das unfehlbare Lehren, nichtwesentlich ist ihr eine gewisse Feierlichkeit des Lehrens; die Konzilien, von denen die feierlichen Lehrdekrete des Gesamtepiskopates herrühren, sind der Kirche überhaupt nicht schlechtweg notwendig, geschweige denn wesentlich, und auch das sonstige Lehren ist in keinem Fall an eine feierliche Form gebunden. Erfordert zum unfehlbaren Lehren ist nur das selbstverständlich Eine, daß etwas zu glauben, d.h. nicht zu einem vorläufigen und bedingten, sondern einem unwiderruflichen und unbedingten Fürwahrhalten vorgelegt werde, und darauf weist das Vaticanum (I) hin…“ (Anton Straub, a.a.O., S. 290).

Überblickt man das kirchliche Leben heute, so kann man nur erstaunt feststellen: Das früher selbstverständliche Vertrauen des Katholiken in das kirchliche Lehramt wurde durch diese völlig neuartige Haltung des grundsätzlichen Mißtrauens nachhaltig zerstört. Alles, was nicht unter die außerordentliche Unfehlbarkeit fällt, wird heutzutage von allen Katholiken als zweifelhaft, mit Fehlern behaftet, kritisierbar und im Glauben nicht bindend betrachtet. Dem legitimen kirchlichen Lehramt wird ganz selbstverständlich auf weitesten Gebieten der Lehre, der Disziplin und der Liturgie zugetraut, die ganze Kirche in die Irre führen zu können. Als Rechtfertigung der eigenen Haltung wird gesagt, die höchste Autorität hätte, als sie traditionsfremde Lehren und Reformen beschlossen hat, ihre Kompetenz überschritten und somit ihre Amtsautorität mißbraucht.

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