Wahrheit oder Ideologie?

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Unsere These

Die Konsequenz dieser Gleichsetzung sei hier zunächst als These formuliert, die es dann im Folgenden zu erhärten gilt: Durch die Gleichsetzung der katholischen Kirche mit der Konzilskirche degeneriert die katholische Wahrheit notwendiger Weise zur Ideologie. Mit anderen Worten gesagt: die Katholiken verlieren ihren Glauben, ohne daß sie es merken, aus Katholiken werden Ideologen.

Damit wir die ganze Tragik dieses Geschehens und die daraus folgende große Gefahr für den katholischen Glauben recht beurteilen können, müssen wir vorerst einmal lernen, was eine Ideologie ist, um sodann ganz klar die Ideologie vom katholischen Glauben unterscheiden zu können.

Was ist eine Ideologie?

Eine Ideologie ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht zu durchschauen, weil auch sie vorgibt, Wahrheit zu sein. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, sie ist eine einseitig nuancierte oder eine verbogene Wahrheit. Im Gegensatz zur Wahrheit des katholischen Glaubens wird bei der Ideologie ein Teilaspekt der Wahrheit bzw. eine einzelne Lehre herausgegriffen und überhöht, d.h. für das Ganze gesetzt. Die Ideologie verliert letztlich immer die Gesamtwirklichkeit aus dem Auge, weil sie sich auf einen bestimmten Aspekt der Lehre fixiert. Sie konzentriert sich auf eine bestimmte Lehre, die womöglich gerade von brennendem Interesse ist, und möchte dafür unbedingt eine (schnelle) Lösung finden – bzw. sie gibt vor, eine, oder besser noch die Lösung des Problems gefunden zu haben. In Wirklichkeit greift aber die von der Ideologie angebotene Lösung zu kurz. Darum muß diese Lösung mit aller Gewalt – d.h. auch mit Hilfe von Irrtümern – verteidigt werden.

Eine sehr gefährliche Folge der Ideologie auf die betroffenen Menschen ist die damit einhergehende Verblendung des Geistes. Die Ideologie macht den betroffenen Menschen durch die Einengung und Fixierung des Blickes auf gewisse Bereiche der Wirklichkeit für andere Bereiche allmählich blind. Das Tragische dieser Entwicklung ist, daß diese Blindheit die Gefahr in sich birgt, zur Verblendung zu werden, d.h. sie wird unheilbar. Der verblendete Ideologe kann durch keine Art von Argumenten mehr überzeugt werden. Gebetsmühlenartig wiederholt er seine Thesen und schwört die eigene Mannschaft wieder und wieder auf die eigene Ideologie ein. Jeder, der die eigene Ideologie nicht teilt, wird zum Feind abgestempelt. Dabei wird dieser Feind in keiner Weise mehr sachlich beurteilt, sondern nur noch psychologistisch verteufelt. Dem ausgereiften Ideologen geht es letztlich nicht mehr um die Sache, also nicht mehr um die Wahrheit, sondern nur noch um die eigene Ideologie. Er urteilt darum nur noch nach Gruppenzugehörigkeit, es gibt nur noch Freund und Feind.

Zusammenfassend läßt sich also sagen: Eine ausgereifte Ideologie ist in ihren eigenen Ansichten vollkommen gefangen, sie lebt durchaus nicht mehr von der Wahrheit und für die Wahrheit, sondern vom Feindbild oder von Feindbildern.

Katholisch sein heute

Jedem Katholiken müßte aufgefallen sein, daß sich in seinem Leben spätestens mit dem Konzil etwas Grundlegendes geändert hat: Das Etikett „katholisch“ ist in der nachkonziliaren Zeit nicht mehr eindeutig bestimmt, es ist nicht mehr klar definiert, da sich die unterschiedlichsten Gruppen mit den unterschiedlichsten Ansichten und Glaubensüberzeugungen „katholisch“ nennen (dürfen!). Anders ausgedrückt: Das Wort „katholisch“ ist kein univoker Begriff mehr, sondern es ist zu einem äquivoken Begriff geworden. Während ein univoker Begriff immer genau eine Sache meint und benennt, werden bei einem äquivoken Begriff mehrere Sachen mit einem einzigen Begriff bezeichnet. So kann etwa ein Schloß ein Türschloß sein oder ein wunderschönes Haus, in dem ein König wohnt. Man muß deswegen bei einem äquivoken Begriff immer ganz genau hinhören, um zu verstehen, was gerade gemeint ist, sonst ist das Mißverständnis, die Täuschung vorprogrammiert.

Wir Katholiken müssen also lernen, mit diesem äquivoken Begriff „katholisch“ umzugehen. D.h. wir müssen aus den vielen, gleichbenannten, aber in ihrem Wesen verschiedenen „Kirchen“ die eine wahre Kirche Jesu Christi herausfinden. Dabei möchte ich nicht den üblichen Weg der sog. Kennzeichen der Kirche gehen, da dieser heute leicht mißverständlich sein kann. Ich möchte vielmehr eingehender der Frage nachgehen: Was muß die katholische Kirche notwendiger Weise leisten, damit sie die Kirche Jesu Christi sein kann? Jedes Wesen wird von dem ihm eigenen Werk her bestimmt. Mit Werk ist hier das gemeint, was ein Seiendes wesensgemäß wirken kann und muß. So ist etwa der Mensch ein mit Vernunft und freiem Willen begabtes Sinnenwesen.

Papst Leo XIII. erklärt uns in seiner Kirchenenzyklika “Satis cognitum” folgendes:

“Dazu (d.h. zum Zweck der Einheit im Glauben) hat Jesus Christus in der Kirche ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt eingesetzt, das er mit seiner eigenen Vollmacht bereicherte, mit dem Geist der Wahrheit ausstattete und durch Wunder bestätigte; und er wollte und befahl nachdrücklich, daß dessen Lehrvorschriften ebenso angenommen würden wie seine eigenen. – Sooft also durch das Wort dieses Lehramtes verkündet wird, daß dies oder jenes zum Bereich der von Gott überlieferten Lehre gehöre, muß jeder gewiß glauben, daß dies wahr ist: wenn es in irgendeiner Weise falsch sein könnte, würde daraus folgen – was offensichtlich widersinnig ist -, daß Gott selbst der Urheber des Irrtums im Menschen ist: „Herr, wenn es ein Irrtum ist, sind wir von dir getäuscht worden“ (Richard von St. Viktor, De trinitate I 2 (PL 196,891D). Wenn also so dem Zweifel jeder Grund entzogen ist, wie kann es dann noch jemandem erlaubt sein, auch nur einen Punkt von diesen Wahrheiten zurückzuweisen, ohne daß er ebendadurch in die Häresie stürzt, ohne daß er sich von der Kirche trennt und mit diesem einen Punkt die ganze christliche Lehre verwirft? Derart nämlich ist die Natur des Glaubens, daß ihm nichts so widerspricht als das eine anzunehmen und das andere zurückzuweisen. Denn wie die Kirche bekennt, ist der Glaube “eine übernatürliche Tugend, durch die wir mit Hilfe und der Gnade Gottes alles von Ihm Geoffenbarte für wahr halten, nicht weil wir die innere Wahrheit der Dinge mit dem natürlichen Licht der Vernunft durchschauten, sondern (allein) wegen der Autorität des sich offenbarenden Gottes, der weder betrügen noch betrogen werden kann”. (I. Vat. Konzil, sess. III, cap. 3) Wenn man also weiß, daß etwas von Gott geoffenbart ist, und es nicht glaubt, dann glaubt man überhaupt nichts mit göttlichem Glauben. Was der Apostel Jakobus von der Sünde auf dem Gebiet der Sittlichkeit sagt, das muß auch und noch viel mehr von dem Abirren in Sachen des Glaubens gesagt werden: ‚Wer … nur ein einziges Gebot übertritt, der ist in allen (Punkten) schuldig.‘ Man kann nun aber nur uneigentlich sagen, daß jemand, der bloß eine Sünde begeht, sich der Übertretung des ganzen Gesetzes schuldig gemacht habe, die gesetzgeberische Autorität Gottes überhaupt verachtet zu haben scheint, es sei denn daß man seinen Willen so deutet. Im Gegensatz dazu aber legt derjenige, der auch nur in einem Punkt von den von Gott empfangenen Wahrheiten abweicht, in voller Wahrheit den Glauben von Grund auf ab, da er ja Gott, insofern er der die höchste Wahrheit und der eigentliche Beweggrund des Glaubens ist, zu respektieren sich weigert. ‚In vielem sind sie mit mir, in wenigem sind sie nicht mit mir; aber bei diesem wenigen, in dem sie nicht mit mir sind, nützt ihnen das viele, in dem sie mit mir sind, nichts.‘ (St. Augustin, In Ps 54, n.10) Und das mit Recht; denn wer aus der christlichen Lehre eben nur das herausnimmt, was ihm beliebt, der stützt sich auf sein eigenes Urteil, nicht auf den Glauben; und ebendiese sind weit entfernt, ‚den ganzen Verstand gefangen zu nehmen zum Gehorsam Christi‘ (2 Kor 10, 5) und gehorchen eher sich selbst als Gott. ‚Die ihr im Evangelium bloß glaubet oder nicht glaubet, was ihr wollt, ihr glaubet eigentlich nicht dem Evangelium, sondern vielmehr euch.‘ (St. Augustin, Contra Faustum Man. Lib. XVII, cap. 3). Daher haben die Väter auf dem (I.) Vatikanischen Konzil nichts Neues aufgestellt…, wenn sie folgendes beschlossen: ‚Mit göttlichem und katholischem Glauben muß alles geglaubt werden, was im schriftlichen oder überlieferten Wort Gottes enthalten ist und von der Kirche als von Gott geoffenbart – sei es durch feierliches Urteil sei es durch das ordentliche und allgemeine Lehramt – zu glauben vorgelegt wird.‘ (sess. III, Dogmatische Konstitution “Dei Filius” cap. 3 = DS 3011).”

Man muß diesen etwas längeren Text Leos XIII. genau lesen, damit man ihn nicht verkürzt interpretiert. Denn gerade das werden all jene Traditionalisten machen, die sich aus der Not der Zeit heraus angewöhnt haben, das Lehramt der Kirche auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Leo XIII. erklärt uns, die Einheit im Glauben wird uns Katholiken durch „ein lebendiges, authentisches und ebenso immerwährendes Lehramt“ verbürgt, das Jesus Christus in Seiner Kirche eingesetzt hat. Dieses Lehramt hat der Herr mit seiner eigenen Vollmacht bereichert, mit dem Geist der Wahrheit ausstattet und durch Wunder bestätigt – und „er wollte und befahl nachdrücklich, daß dessen Lehrvorschriften ebenso angenommen würden wie seine eigenen.“ Darum müssen auch alle Katholiken diesem Lehramt Glaubensgehorsam leisten, d.h. sie müssen ihr persönliches Urteil dem Urteil des Lehramts unterordnen – „denn wer aus der christlichen Lehre eben nur das herausnimmt, was ihm beliebt, der stützt sich auf sein eigenes Urteil, nicht auf den Glauben; und ebendiese sind weit entfernt, ‚den ganzen Verstand gefangen zu nehmen zum Gehorsam Christi‘“.

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