Wahrheit oder Ideologie?

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Das Werden der modernen Kirche

Der heutige Katholik kann nur noch mit einem gewissen Neid auf jene Zeiten zurückblicken, in denen der katholische Glaube für jeden unmittelbar greifbar und verstehbar war, weil er durch das tägliche Lehramt gesichert, d.h. Tag für Tag authentisch interpretiert wurde. Diese Zeiten gehören nun schon lange der Vergangenheit an. Das Verhältnis des sog. modernen Katholiken zum Lehramt hat sich grundlegend geändert. Die Modernisten haben schon zu Beginn ihres subversiven Treibens ganz gezielt das Vertrauensverhältnis des Katholiken zum Lehramt untergraben. Zunächst verführten sie einen Teil der katholischen Intellektuellen im Namen der Freiheit dazu, sich von der sog. Bevormundung durch das kirchliche Lehramt zu lösen. Der zunächst gar nicht wahrgenommene Preis für diese neu gewonnene „Freiheit“ war eine sich verstärkende Unsicherheit in entscheidenden Fragen des Glaubens, denn die modernistisch angehauchten Theologen, Professoren, Gelehrten kamen durchaus nicht zu einheitlichen Ergebnissen in ihren Interpretationen des Glaubens, mußte doch jeder mit seinen Einsichten vor den anderen brillieren. Je mehr darum die modernistischen Irrtümer zunahmen, desto mehr wurde der Glaube bis in seine Grundfesten hinein erschüttert.

Der hl. Papst Pius X. hatte sich ganz besonders bemüht, dieses System des Unglaubens aufzuarbeiten und die daraus folgenden Gefahren für den katholischen Glauben aufzuzeigen. Die dem katholischen Glauben entgegenstehenden modernistischen Irrtümer verurteilte er nochmals ausdrücklich, und er forderte von allen, die sich auf das Priestertum vorbereiteten, den Antimodernisteneid. Leider griff dieses Bemühen des heiligen Papstes nicht mehr in der gewünschten Weise ins Leben der Kirche ein. Der modernistisch denkende Teil der Gelehrten, Bischöfe und Priester zog sich zunächst zwar zurück, aber er bekehrte sich großteils nicht. Es folgte nach der römischen Verurteilung des Modernismus durchaus keine wirkliche Einsicht in die eigenen Irrtümer, sodaß im Untergrund die modernistischen Irrlehren weiterlebten und weiterwirkten. Dieser Zustand dauerte im Großen und Ganzen bis zum Tod Papst Pius’ XII. fort. Mit Johannes XXIII. zog gleichsam über Nacht ein ganz neuer Geist in die Kirche ein, mit dem Beginn des von ihm einberufenen „Zweiten Vatikanischen Konzils“ eroberten die modernistischen Ideen in Windeseile breite Teile der Kirche.

Für den nunmehr „altgläubigen“ Katholiken änderte sich schlagartig die Situation. Aus Verteidigern des katholischen Glaubens wurden Ewiggestrige, die allerhöchstens noch am Rande der neu entstandenen Konzilskirche geduldet wurden. Man hat zwar viel über diese Zeit der Revolution in der Kirche und ihre Folgen geschrieben, aber nur sehr wenige sind in ihrer Aufarbeitung des wirklich Geschehenen konsequent bis ans Ende gegangen.

Was ist denn eigentlich durch und nach dem Konzil mit der Kirche und in der Kirche für jeden Katholiken unmittelbar erfahrbar, oder besser gesagt erleidbar geschehen? Es ist doch irgendetwas zerbrochen – aber was genau war das? Es hat ein neuer Geist Einzug gehalten in die Institution Kirche, aber was war es genau, was sich durch diesen Geist verändert hat?

Eine Phänomenologie der modernen Kirche

Sobald man sich bemüht, die nachkonziliare Zeit richtig zu analysieren, stößt man auf ein Phänomen, das einen Katholiken doch eigentlich äußerst befremden müßte, weil es durch den Glauben ausgeschlossen scheint: Die kirchliche Einheit scheint zerbrochen. Es werden fortan völlig unterschiedliche, ja gegensätzliche Lehren, Gruppen, Gemeinschaften unter dem Namen „Kirche“ zusammengefaßt, sodaß es sehr schwer wird, dies mit dem Wesen der Kirche in Übereinstimmung zu bringen. Der in dieser Revolutionszeit aufkommende Begriff der „Konzilskirche“ bringt noch am ehrlichsten zum Ausdruck, daß durch das sog. Konzil etwas gänzlich Neues entstanden ist, das einen neuen Begriff nicht nur rechtfertigt, sondern fordert. Die Konzilskirche setzt sich ausdrücklich in Antithese zur vorkonziliaren „alten“ Kirche, wie sollte da die Wirklichkeit „Kirche“ nach dem Konzil noch mit einem einzigen Begriff benannt werden? Die neue, auf dem Konzil entstandene Kirche wollte ausdrücklich anders sein, anders denken, glauben, beten, Liturgie feiern usw. als die „alte“ Kirche.

Wer nun die alte und die neue „Kirche“ weiterhin als eine Einheit dachte, der wurde in das dialektische Spiel von These und Antithese hineingezogen und – ohne daß er es selbst merkte – veränderte er den Begriff „Kirche“ und die Wirklichkeit dessen, was Kirche unbedingt sein muß, wenn sie katholisch sein soll, grundlegend. Das läßt sich ganz einfach schon dadurch zeigen, daß der Begriff „Kirche“, der vor dem Konzil ausschließlich für die katholische Kirche verwandt wurde, mehr und mehr für alle möglichen oder besser gesagt unmöglichen „Kirchen“ herhalten mußte.

Das dialektische Spiel zwischen vor- und nachkonziliarer Kirche beherrschte bis zum Ende des zweiten Jahrtausends die Konzilskirche. Im weltlichen Bereich hatte sich jedoch inzwischen die geistesgeschichtliche Situation weiter verändert, aus dem dialektischen Modernismus ist der synkretistische, alle Gegensätze vereinende Postmodernismus geworden. Mit Benedikt XVI. zog auch ins kirchliche Denken und Leben diese neue, flexiblere Sicht der Dinge ein. Ein Hauptanliegen Benedikts XVI. war es, ganz im Sinne des postmodernen Denkens den Gegensatz zwischen vor- und nachkonziliarer Kirche einfach zu leugnen und aus beiden „Kirchen“ wieder systematisch eine neue Einheit zu konstruieren. Diese klar bekundete Absicht wurde seltsamer Weise nur von wenigen Eingeweihten wahrgenommen. Die meisten Vertreter der Konzilskirche und die allermeisten der sog. Traditionalisten dachten immer noch in ihren inzwischen veralteten modernistischen Kategorien, während Benedikt schon lange einen Schritt weiter gegangen war. Doch soll uns dieses Thema hier nicht beschäftigen. Wir wollen vielmehr einer ganz anderen Frage nachgehen und zwar: Ist die Konzilskirche die katholische Kirche? Und dann weiter gefragt: Welche theologischen Folgen hat es (also Folgen für den eigenen katholischen Glauben), wenn man dies einfach, ohne kritische Analyse des Sachverhaltes und die daraus sich notwendig ergebenden Unterscheidungen annimmt?

Wenn man die letzten Jahre, ja Jahrzehnte überblickt, so muß man sehr erstaunt feststellen, daß die allermeisten Traditionalisten mit dieser Frage äußerst naiv umgingen und immer noch umgehen. Ohne die da und dort benannten, tiefgreifenden Unterschiede theologisch aufzuarbeiten, übersehen sie einfach die doch ins Auge springenden kontradiktorischen Gegensätze und erkennen darum nicht mehr klar, welche tiefgreifende Auswirkung die Gleichsetzung der Konzilskirche mit der katholischen Kirche auf den eigenen katholischen Glauben hat.

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