Dilexit Ecclesiam

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Jedem aufmerksamen Beobachter des kirchlichen Lebens müßte eigentlich eines besonders auffallen: daß über die Kirche – und hier ist eine, heilige, apostolische und katholische Kirche gemeint – seltsam ungenau, zuweilen recht widersprüchlich oder sogar mit allerlei Irrtümern vermischt geredet wird. Das, was „Kirche“ eigentlich, wesentlich, unaufgebbar immer ist, scheint völlig aus dem Blick geraten zu sein. Im Rahmen der modernistischen Theologie ist das nicht verwunderlich, da in dieser der Schritt von der einen wahren Kirche Jesu Christi hin zu den vielen Kirchen schon längst gemacht worden ist. Wenn die Kirche Jesu Christi nicht mehr einfachhin die katholische Kirche ist, sondern nur noch in ihr besteht oder verwirklicht ist, wie es auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil formuliert wurde, so ist es natürlich nicht ausgeschlossen, daß es neben dieser katholischen Kirche auch noch etliche andere Kirchen gibt, die ebenfalls Kirchen Jesu Christi sind. Herr Dr. Wolfgang Schüler hat zu diesem Thema Grundlegendes geschrieben. Aber nicht nur im Rahmen der modernistischen Theologie gibt es solche das Wesen der Kirche mißverstehende oder gar zerstörende Meinungen, auch bei den sog. Traditionalisten findet man immer mehr recht befremdliche Aussagen über das, was Kirche alles sein soll oder auch nicht sein soll.

Als Katholik sollte man ob der allgemeinen Verwirrung umso mehr bemüht sein, sich ein klares Wissen darüber anzueignen, was denn die von Gott gegründete Kirche eigentlich ist und immer sein muß, denn nur dann wird man sich in dem ausbreitenden Durcheinander einigermaßen zurechtfinden. Es ist deswegen sicher keine vergebliche Mühe, die Grundlehren der Kirche über die Kirche in Erinnerung zu rufen und womöglich das Verständnis für das Wesen der Kirche sogar noch zu vertiefen und den Blick angesichts der vielen Irrtümer zu schärfen. Das nun soll in den folgenden Seiten versucht werden.

„Dilexit Ecclesiam!“ (Er liebte die Kirche.)

Dieses Wort entstammt dem Brief des hl. Paulus an die Epheser, in dem er im fünften Kapitel ab Vers 22 über die Ehe spricht. Ab Vers 25 heißt es: „Männer liebt eure Frauen, wie auch Christus liebte die Kirche und sich hingab für sie, um sie zu heiligen nach der Reinigung im Bade des Wassers durch das Wort, um so für sich herrlich zu gestalten die Kirche, ohne Flecken oder Falten oder etwas dergleichen, sondern daß sie sei heilig und ohne Fehl.“ (Eph 5, 25-27)

Für den heiligen Paulus ist die Ehe ein Abbild der Liebe zwischen Christus und seiner Kirche. Die Männer sollen daher dem Beispiel Jesu Christi folgen und ihre Frauen so lieben, wie Christus Seine Kirche geliebt hat. Die geheimnisvolle Verbindung zwischen Christus und Seiner Kirche ist also das Urbild der Ehe. Unser göttlicher Herr hat sich die Kirche als Seine Braut erwählt, die Er in seinem kostbaren Blut von allen Sünden gereinigt und geheiligt hat, so daß sie nunmehr Seiner würdig sei. Die Kirche ist seine Immakulata, seine reinste, vollkommenste, heiligste Braut, für die Er Sein Leben eingesetzt und hingegeben hat. In dem Begriff der makellosen Braut Jesu Christi ist das Wesen der Kirche wunderbar beschrieben. Dieser Begriff verweist unmittelbar auf eine andere Wahrheit: die Kirche wird am vollkommensten in der Jungfraumutter Maria dargestellt, ja die Kirche und Maria deuten sich gegenseitig. Dafür bürgt vor allem die hl. Liturgie, die das Hohelied und mehrere Psalmen gleichermaßen für die Gottesmutter und die Kirche verwendet. Jede von ihnen ist nach diesen Texten die Braut Gottes, fleckenlos und rein. Beide sind im Hohenlied sogar ineinander gewoben, so wie auch das in der Apokalypse geschilderte Weib, das mit der Sonne umkleidet ist, zugleich Züge Mariens und der Kirche erhalten hat. Ja, die Bilder dieser beiden übernatürlichen Größen sind so fest miteinander verbunden, daß der große Dogmatiker Scheeben meint, man könne die katholische Idee von der Kirche ebenso durch die katholische Idee von Maria beleuchten, wie auch umgekehrt.

Schon ein oberflächlicher Vergleich zeigt, daß Maria ein Typus (Vorbild) der Kirche ist. Wie Maria als die jungfräuliche reine Magd vom Heiligen Geist befruchtet wird, um der Welt Christus zu gebären, so ist auch die Kirche die fleckenlose Braut Jesu Christi, vom Heiligen Geiste belebt und befähigt, dem Gottmenschen immer neue Gotteskinder zu zeugen. Maria ist die Mutter Christi und die Kirche ist die Mutter der Christen. Man könnte noch viele derartige Parallelen aufzählen, die uns darauf hinweisen, daß in Maria die Idee der Kirche ursprünglich und in vollkommenster Weise verwirklicht ist. Weil aber Maria anderseits auch zur Kirche gehört, Wurzel und Herz derselben bildet, erhält die Idee der Kirche als eine dem himmlischen Christus zur Seite stehendes helfendes Prinzips in Maria ihre volle konkrete und lebendige Gestalt. Maria ist als Jungfraumutter Urbild der Kirche und zugleich als Ersterlöste (Immakulata) das leuchtende Idealbild aller Erlösten. Sie ist der Urtyp aller, mit denen der fleischgewordene Gottessohn die göttliche Vermählung in der heiligmachenden Gnade feiern will. Nach dem Bild Seiner mütterlichen Braut wird Christus durch Seine Kirche alle Gottesbräute gestalten. Sein Ziel ist auch das Ziel der Kirche, durch deren Organe Er weiterwirkt. Wie Maria ist auch die Kirche unsere Mutter. Während Maria den Gottmenschen Jesus Christus der Welt gebiert, gebiert die Kirche in ihrem heiligen Mutterschoß in der Kraft ihres göttlichen Bräutigams im Sakrament der hl. Taufe immer neue Gotteskinder. Gotteskinder, die sie heiligt, damit sie das ewige Ziel erreicht werden.

Maria und Kirche bilden ein organisches Ganzes. Christus hat – tiefer und wahrer geschaut – keine zwei Bräute und wir keine zwei Mütter. Die göttliche Vermählung ist eine einzige, unauflösliche Größe. Es ist eine Braut und eine Mutter. Das kommt dadurch zustande, daß die Kirche in vollster Abhängigkeit von Maria steht und wirkt. Die Kirche ist dadurch Braut Christi, daß sich Mariens Brautschaft auf sie ausdehnt. Die Kirche wird dem ersten Heiligtum des Heiligen Geistes, der Jungfrau Maria, gleichsam angebaut.

Wie die heilige Eucharistie eine Fortsetzung der Fleischwerdung und die Gotteskindschaft eine Fortsetzung der natürlichen Gottessohnschaft Jesu Christi ist, so ist die Mutterschaft der Kirche eine Fortsetzung der Gottesmutterschaft Mariens. Selbst im Opfer sind Maria und die Kirche eins, weil das eucharistische Opfer eins ist mit dem Kreuzesopfer. Die Kirche schließt sich in ihrem Opferwillen und in ihrer Opferhingabe, die sie nur durch Mariens himmlische Gnadenvermittlung ihr eigen nennen kann, der Hingabe Mariens unter dem Kreuz an. So sind Maria und Kirche in lebendiger Verbindung eins.

Dieses organische Ganze, Maria und Kirche, ist aber wiederum Kirche. Es ist die Kirche im volleren, umfassenderen Sinn. In diesem Kirchenbegriff ist Maria als der vollkommenste und edelste Teil, als das Herz des mystischen Leibes mit eingeschlossen. Die Kirche im vollsten Sinn schließt selbst Christus ein, ihr alles beseelendes und lebendes Haupt. Im Mysterium der heiligen Kirche begreifen wir somit die Größe und Erhabenheit des Erlösungsplanes Gottes.

Wenn nun die Kirche jungfräuliche Braut und Mutter ist, ergeben sich daraus unmittelbar auch die Wesenseigenschaften der Kirche. Als Braut Christi ist die Kirche immer nur eine und sie ist wesensnotwendig heilig. Als Jungfrau-Mutter verweist sie auf ihren göttlichen Ursprung, der in der Apostolizität verbürgt wird. Zudem ist sie Mutter aller Menschen, sie dehnt sich aus auf alle Menschen aller Völker und aller Zeiten, sie ist katholisch.

Aus dem Gesagten folgt: Wer die allerseligste Jungfrau und Gottesmutter Maria in der rechten Weise betrachtet und sich in ihr Geheimnis hineinvertieft, der wird auch immer mehr verstehen, was die Kirche ihrem tiefsten Wesen nach sein muß.

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