Visionen, Botschaften, Erscheinungen

Ein Beitrag zur Unterscheidung der Geister

Apparitionismus

Der bedauernswerte Zustand unserer heiligen Mutter, der Kirche, bringt neben vielen anderen Schwierigkeiten auch ein Problem besonderer Art mit sich, den sog. „Apparitionismus“, die „Erscheinungsgläubigkeit“, d.h. die Gefahr, sich an „Erscheinungen“, „Botschaften“, Prophetien und dergleichen mehr als angemessen zu hängen. Der Grund dafür ist verhältnismäßig leicht nachzuvollziehen. Die Kirche ist es ja, die uns mit Gott und dem Himmel verbindet. Im kirchlichen Lehramt hören wir die Stimme Gottes, in den Sakramenten empfangen wir die himmlischen Gnaden, durch Anleitung der Kirche finden wir den Weg zur Vereinigung mit Gott im Gebet und in den Tugenden. Durch die Modernismus-Krise erleben wir heute einen einzigartigen Ausfall dieser Mittlerfunktion: das konziliare Lehramt lehrt uns nicht mehr, was Gottes, sondern was des Menschen ist; die Neue Messe und die Neuen Sakramente bringen das Gnadenleben zum Erliegen; die konziliaren Hirten sind zu Blinden und Führern von Blinden geworden. So suchen die hilflosen Gläubigen nach anderen Wegen und Verbindungen zu Gott und zum Himmel und meinen nicht selten, diese in sog. „Begnadeten“ und deren himmlischen Erscheinungen und Visionen zu finden.

Zwei Klippen

Dies ist jedoch keine geringe Gefahr, aus mehreren Gründen, wie wir noch sehen werden. Zunächst gilt es jedoch, zwei Klippen zu vermeiden, wie uns der gelehrte Jesuit, Volksmissionar und Theologe Giovanni Battista Scaramelli im Zweiten Teil seiner „Anleitung zur Mystischen Theologie“ (deutsche Übersetzung, Regensburg 1856) schreibt: „Die eine ist jene, an welche allzu leichtgläubige Personen anstoßen, die gleich jeder Vision, welche ihnen von einer einfältigen Frauensperson oder einem ungebildeten Manne erzählt wird, ohne vorher eine genaue Prüfung und sorgfältige Untersuchung anzustellen, Glauben schenken, sie bewundern, gutheißen und beinahe wie eine Glaubenswahrheit verehren. Die andere Klippe ist jene, an die allzu ungläubige Personen geraten, welche jede Vision und übernatürliche Erscheinung für den leeren Traum einer schwachen Phantasie halten“ (S. 4). Leider fehlt es heute nicht an Personen, die nur allzu leicht an eine dieser Klippen stoßen, seien es auf der einen Seite eben jene „Apparitionisten“ oder auf der anderen Seite die „Rationalisten“. „Die ersteren trifft der Tadel des weisen Sirach: Wer schnell traut, ist leichtsinnig. Die anderen verdienen den Vorwurf des heiligen Augustin: In einem fleischlich gesinnten Menschen reicht die Einsicht nicht weiter als sein Gesichtskreis. Er will damit sagen, daß solche Leute, welche die Vernunft nicht zu Rate ziehen, wie Tiere sind, die nur das glauben, was sie sehen“ (S. 4f). Es entbehrt nicht der Ironie, daß man letztere gerade „Rationalisten“ heißt, nach dem Lateinischen „ratio – die Vernunft“, während sie doch gerade diese „nicht zu Rate ziehen“.

Echte Erscheinungen existieren

Wenn also auch die „Visionen ein höchst schwieriger Gegenstand sind, weil sie der Hinterlist des bösen Feindes, den Täuschungen der eigenen Phantasie und auch der Falschheit scheinheiliger Personen, die sich zuweilen durch derlei erlogene Eigenschaften des Geistes den Ruf der Heiligkeit zu verschaffen suchten, ungemein ausgesetzt sind“, so soll uns doch dies alles „nicht ungläubig, sondern vorsichtig, klug, besonnen, einsichtsvoll und fleißig in der Untersuchung solcher Dinge machen“ (S. 5). „Denn es ist uns ja bekannt, daß die Heilige Schrift, die Kirchengeschichte und die Werke der heiligen Väter voll von Visionen und Offenbarungen sind, so daß sie nur von einem verkommenen Menschen, der alles Glaubens und aller Vernunft bar ist, geleugnet werden können“ (ebd.). Denken wir nur an die Erscheinungen Gottes und der heiligen Engel schon im Alten Testament, etwa die Offenbarung Gottes an Moses im brennenden Dornbusch oder am Berge Sinai, die Visionen von Engeln, welche den heiligen Propheten Ezechiel und Daniel zuteil wurde, oder den heiligen Erzengel Raphael, welcher in menschlicher Gestalt erschien, um dem gerechten Tobias zu helfen. Im Neuen Testament finden wir eine Vielzahl gerade von Engelserscheinungen, so die des heiligen Erzengels Gabriel, welcher sich sowohl dem Zacharias als auch der allerseligsten Jungfrau zeigt, Engel erscheinen bei der Geburt des Herrn auf den Feldern von Bethlehem, sie kommen und dienen Ihm nach der Versuchung in der Wüste, sie künden Seine Auferstehung am leeren Grab. So hat denn auch die Kirche zu allen Zeiten solche Offenbarungen und Erscheinungen ernst genommen, die sich im Lauf der Jahrhunderte ereigneten, wenn sie sich nur als echt erwiesen. So hielt sie die Erscheinungen des heiligen Erzengels Michael am Monte Gargano etwa ebenso für wahr wie die Visionen vom heiligsten Herzen Jesu einer heiligen Margarete Maria Alacoque, sie anerkannte die Übernatürlichkeit der Ereignisse in der Rue de Bac, in Lourdes und Fatima und sah darin echte Gnadenerweise der Himmelskönigin, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Klugheit vonnöten

Es wäre also wahrhaft töricht, wollten wir uns verhalten wie jener Mensch im Vergleich von Scaramelli, welcher „wissend, daß es unter wahren Edelsteinen und echten Münzen auch gefälschte gibt, alle seine Münzen und Kostbarkeiten gleich für falsch hielte und sie ohne alle weiteren Umstände ins Wasser würfe“. „Gleichwie also aus der Kenntnis, daß falsche, den echten ähnliche Münzen in der Stadt kursieren, nicht folgt, daß wir alle für verfälscht halten sollen, sondern bloß, daß wir recht vorsichtig sein und sie genau untersuchen müssen; ebenso darf uns auch die Erfahrung, daß es unter den übernatürlichen und göttlichen Visionen teuflische und menschliche gibt, nicht ungläubig machen oder auf den Gedanken bringen, es gebe in der Kirche Gottes gar keine wahren Visionen, sondern muß vielmehr in uns das Verlangen nach einer genauen Kenntnis dieser Dinge erregen und uns zur Untersuchung der selben aneifern, um uns ein richtiges Urteil bilden zu können“ (S. 5f). Davon also wollen wir im folgenden handeln.

Drei Arten von Visionen

Zunächst unterscheidet Scaramelli drei Arten von Visionen: die körperlichen, die imaginären und die intellektuellen. Er merkt an, daß „die erste Art der Visionen die niedrigste ist, weil sie im äußeren Sinne des Auges gebildet wird. Edler ist die zweite Art, denn sie entsteht in der Phantasie, die eine vollkommenere Kraft ist. Die dritte ist unstreitig die vornehmste, weil sie sich im Verstande mittelst reiner Erkenntnis bildet, und die Seele, der solche Visionen zu Teil werden, nach der Weise der Engel und jener Seelen handelt, die von den Leibern getrennt, im himmlischen Vaterlande wohnen, wie der englische Lehrer [der hl. Thomas von Aquin] sagt“ (S. 9). Wir beschäftigen uns hier vornehmlich mit der ersten Art der Visionen, der körperlichen, da diese in den Fällen, um die es uns geht, die häufigste ist. An zweiter Stelle mögen auch imaginäre Visionen eine Rolle spielen, für diese gelten jedoch dieselben Regeln, weshalb wir sie nicht eigens behandeln müssen.

Körperliche Visionen

Zu den körperlichen Visionen zählt Scaramelli im Anschluß an den hl. Bonaventura und andere Geisteslehrer nicht nur jene, die sich den Augen, sondern auch solche, welche sich dem Gehör, Geschmack, Geruch oder Gefühl präsentieren. „Daraus folgt, daß man zur körperlichen Vision auch gewisse angenehme Stimmen, liebliche Gesänge oder Melodien der Himmelsbewohner rechnen muß, die zuweilen in den Ohren der Diener Gottes erklingen, ferner gewisse Wohlgerüche, die sie hie und da in ihre Nase dringen fühlen und die sich mit keinem irdischen Blumen- und Balsamduft vergleichen lassen, ebenso einen zarten und lieblichen Wohlgeschmack, den sie in ihrem Gaumen empfinden, besonders wenn sie die heilige Kommunion empfangen, im Vergleiche mit welchem ihnen selbst die feinsten Speisen wie bittere Eicheln vorkommen, mit denen sich unreine Tiere sättigen, endlich gewisse höchst reine und geistige Freuden und Ergötzungen, von denen sie sich in allen Gliedern durchdrungen und gleichsam neu aufgefrischt fühlen“ (S. 25f).

Ihr Grund

Gott bedient sich solcher Phänomene, um den Menschen, der ja ein vernunftbegabtes Sinnenwesen ist und bei dem deshalb alle Erkenntnis in den Sinnen beginnt, nach der ihm entsprechenden Weise langsam von den „falschen und trügerischen Gestalten“, von welchen seine Sinne und seine Phantasie gefüllt sind, loszulösen und ihn zu den übernatürlichen, göttlichen Dingen zu erheben sowie zum Dienst Gottes anzuspornen. Der heilige Johannes vom Kreuz sagt, „Gott würde niemals jemandem diese sinnlichen Gunstbezeigungen erweisen, wenn er es nicht in der Absicht täte, sich nach unserer menschlichen Handlungsweise und nach unserer schwachen und gebrechlichen Natur zu richten. Denn obwohl mittels solcher Gnaden der Geist Gottes der Seele mitgeteilt wird, so erhält sie ihn doch nur nach und nach und gleichsam tropfenweise, während er ihr mittels des Glaubens allein in Strömen eingegossen würde“ (S. 27).

Drei praktische Wahrheiten

Daraus leitet Scaramelli einige praktische Wahrheiten ab, nämlich erstens, „daß die körperlichen Visionen Gnaden sind, welche den Anfängern zukommen, die auf dem Pfade des Geistes zu wandeln beginnen“. Zwar würden sie bisweilen auch Personen zuteil, die schon große Fortschritte in der Vollkommenheit gemacht haben, doch in der Regel kämen sie den Anfängern zu, „teils weil sie für höhere und mehr geistige Mitteilungen noch nicht fähig sind, teils weil es für sie mehr als für alle übrigen notwendig ist, daß sie mittels solcher sinnlicher Gnaden von den hinfälligen Dingen dieser Erde losgetrennt und zur Liebe der unsichtbaren Dinge des anderen Lebens angespornt werden“ (S. 28). Daher ergibt sich die zweite Wahrheit, nämlich „daß diese Visionen kein Zeichen sind, daß die Seele Gott schon ganz wohlgefällig geworden sei“. Im Gegenteil „sind sie meistens Zeichen der Schwäche oder Härte jener Seele, die sie empfängt; denn starke und wohlgefällige Seelen pflegt Gott auf dem Wege des Glaubens zu führen, welcher der sicherste ist, und nicht auf dem der sinnlichen Wahrnehmungen, welcher trügerisch ist“ (ebd.). Ja, in der dritten Wahrheit betont Scaramelli sogar, daß „dergleichen körperliche Visionen auch Sündern zuteil werden können, wie es in der Tat bei Balaam, Pharao, Baltassar und anderen gottlosen Menschen der Fall war, die keineswegs nach solchen Visionen von ihrer Gottlosigkeit abließen“ (ebd.). Somit warnt er uns, uns von einer Seele, die Gott mit solchen Gnaden bedenkt, eine allzu hohe Meinung zu machen und es nicht dem „ungebildeten Volke“ gleichzutun, „das gleich, wenn es erfährt, daß eine Person mit derlei Gnaden von Gott begünstigt wird, eine große Achtung gegen diese hegt und sie mit einem Blicke voll Ehrfurcht betrachtet, in der Meinung, sie sie schon auf den Gipfel der Heiligkeit gelangt“ (S. 29). Vielmehr ist darauf zu achten, welchen Gebrauch eine Person von solchen Gnaden macht, „welchen Nutzen sie daraus zieht und welche Fortschritte sie in den Tugenden macht; denn Heiligkeit besteht nicht in Tröstungen, Freuden und sinnlichen Visionen, sondern in der Erwerbung heroischer Tugenden und christlicher Vollkommenheit“ (ebd.).

Zwei Gefahren

Das also wäre die erste Gefahr, daß man eine solche Person überschätzt, sie im geistlichen Leben viel erfahreneren und in der Vollkommenheit weit fortgeschritteneren Seelen vorzieht und ihr daher mehr vertraut als etwa einem kundigen und verständigen Priester, der zur Zurückhaltung und Vorsicht mahnt. Damit aber gerät man automatisch in die zweite Gefahr, nämlich Opfer falscher Offenbarungen und Erscheinungen zu werden. So fährt Scaramelli fort: „Da aber nicht alles Gold ist, was glänzt, wie das Sprichwort sagt, und da es nicht immer ein Engel des Lichtes ist, der in körperlichen Visionen erglänzt, sondern zuweilen der Vater der Finsternis unter einem glänzenden Gewande sich verbirgt, um unsere Sinne zu täuschen und unseren Verstand zu hintergehen, so muß ich notwendig, nachdem ich die Absicht Gottes bei der Verleihung solcher Visionen erklärt habe, einige Merkmale angeben, damit man erkennen kann, wann in denselben Gott, Jesus Christus, Maria, die Heiligen und Engel des Himmels zu dem Zwecke erscheinen, um uns sanft zur Vollkommenheit zu führen, und wann hingegen der Teufel in der schlechten Absicht sich zeigt, uns unter dem Vorwande der Vollkommenheit zu verführen, da es keine Gunst und Gnade, die Gott den äußeren Sinnen erweist, gibt, welche der Feind Gottes nicht auf irgendeine Weise nachmachen könnte“ (S. 30). Hier also nun die sehr wichtigen Zeichen oder Regeln unseres Theologen, um falsche von wahren Erscheinungen oder Offenbarungen unterscheiden zu können.

Sieben Kennzeichen und ein achtes

1. – Das erste Kennzeichen besteht darin, daß wahre Visionen zuerst zwar oft Bestürzung und Furcht verursachen, auf welche jedoch bald „Heiterkeit, Freude und Ruhe des Geistes“ folgen. „Umgekehrt bereiten die teuflischen Visionen zuerst Freude und sinnliches Vergnügen, und enden dann mit Unruhe, Traurigkeit und Verwirrung“ (S. 31). So schreibt etwa Sr. Lucia über die Erscheinungen von Fatima: „Ich weiss nicht, warum die Erscheinungen Unserer Lieben Frau in uns ganz andere Wirkungen hervorbrachten [als die Erscheinungen des Engels zuvor]: dieselbe innere Freude, denselben Frieden und dasselbe Glücksgefühl. Aber anstatt dieser körperlichen Entkräftung eine gewisse mitteilsame Beweglichkeit; anstatt dieses Vergehens in der göttlichen Gegenwart eine jubelnde Freude; anstatt dieser Schwierigkeit zu sprechen eine gewisse mitteilsame Begeisterung. Doch trotz dieser Gefühle spürte ich mich gedrängt zu schweigen, vor allem über einige Dinge“ (Schwester Lucia spricht über Fatima, S. 144). Vergleichen wir hiermit eine andere angebliche Erscheinung der Muttergottes vor anderen Kindern, über die uns berichtet wird: „Ungefähr eine halbe Stunde lang sahen die Kinder diese Erscheinung [der Muttergottes] … . Sie erschraken und wurden von dem weissen Kleide geblendet, dass sie kaum hinsehen konnten. Sie beteten stille für sich, während dieser Erscheinung. Da packte die Kinder nach einer halben Stunde (die Erscheinung war noch da) die Angst und sie liefen davon und gingen heim, jedes in seine Wohnung. Zu Hause erzählten sie es ihren Angehörigen, welche nicht daran glaubten.“ Wer sähe hier nicht einen höchst bedeutsamen Unterschied, welcher genau dem ersten Kennzeichen Scaramellis entspricht?

2. – „Aus diesem ersten Zeichen folgt ein zweites, nämlich dieses, daß die göttlichen Visionen immer Heiterkeit im Geiste und süßen Frieden in der Seele zurücklassen“ (S. 31). „Der Teufel hingegen läßt stets Trübheit, Finsternis, Verdunkelung, Aufregung und Unruhe im Geiste und im Herzen derjenigen zurück, die er mit seinen falschen Erscheinungen hintergeht“ (ebd.). Sr. Lucia von Fatima berichtet in ihren Erinnerungen, wie sie nach der zweiten Erscheinung in Zweifel, Unruhe und Verwirrung geriet; allerdings geschah dies nicht durch die Erscheinungen der allerseligsten Jungfrau, sondern durch den Ortspfarrer, der ihr beibringen wollte, es handle sich um eine Täuschung des Teufels. „Ich fing an zu zweifeln, ob diese Erscheinungen nicht vom Teufel seien, der mich auf diese Weise verderben wollte“, berichtet sie. „Als ich nun hörte, daß der Teufel immer Unfrieden und Unordnung bringt, fiel mir auf, daß es in unserem Haus wirklich keine Ruhe und Freude mehr gab, seit ich diese Dinge gesehen hatte. Welche Qual empfand ich da!“ (a.a.O. S. 74). Auch Francesco und Jacinta konnten sie nicht beruhigen oder trösten. Sie „verlor im Laufe dieses Monats den Eifer für das Opfer und die Abtötungen und dachte schon daran, endlich zu sagen, ich hätte gelogen, um damit alles zu Ende zu bringen“ (ebd.). Sie „begann sogar, gegen die Gesellschaft meines Vetters und meiner Kusine einen Widerwillen zu haben“ und beschloß endlich, am 13. Juli nicht zu der verabredeten Begegnung mit Unserer Lieben Frau zu gehen. Als jedoch „die Stunde heranrückte, wo ich wieder dorthingegen sollte, fühlte ich mich plötzlich von einer fremden Macht gedrängt, der ich nicht widerstehen konnte“. So ging sie schließlich zusammen mit den beiden anderen „mit heiterer Miene“ los, und bekennt: „Gott-sei-Dank verschwanden bei dieser Erscheinung die Wolken aus meiner Seele, und ich fand wieder den Frieden“ (S. 75f). Die Zeichen sind also klar.

3. – Drittens“, fährt Scaramelli fort, „die heiligen Visionen bewirken eine Erhebung des Geistes und eine gute Disposition zum Gebete wegen des Lichtes, der Ruhe und des Friedens, welche sie in der Seele erzeugen. Die teuflischen Visionen aber, nachdem sie die Seele mit einem falschen Geschmacke ergötzt haben, erregen in ihr Ekel, Mißfallen, Überdruß, Dürre, Trockenheit und Abneigung, sich im Gebete zu Gott zu erheben, sodaß sie, wenn sie so schlimme Wirkungen wahrnimmt, von selbst die Täuschung bemerkt und sie von sich zurückweist“ (S. 32). Er erwähnt das Beispiel der hl. Theresia, welche berichtet: „Drei oder vier Mal hat der böse Feind mit auf diese Art mittels eines falschen Bildes den Herrn darstellen wollen; er nimmt zwar die Form des Fleisches an, allein er kann es nicht mit der Herrlichkeit nachäffen, die es hat, wenn Gott die Erscheinung wirkt. Er macht solche Erscheinungen, um die wahre Vision, welche die Seele gehabt hat, zu vernichten; allein die Seele widersteht dem von sich selbst, sie gerät in Verwirrung, Entrüstung und Unruhe, denn sie verliert die Andacht und Freude, welche sie vorher hatte, und muß des Gebetes entbehren“ (ebd.). Leider empfinden dies nicht alle so schmerzlich wie die hl. Theresia. Man hat schon „Visionäre“ (bzw. „Visionärinnen“) erlebt, die ihr Gebetsleben unbekümmert durch Fernsehen ersetzen.

4. – Viertens bringen himmlische Visionen „der Seele immer eine tiefe und aufrichtige Demut, weil sie ihr mittels des übernatürlichen Lichtes, das sie ihr eingießen, mit großer Klarheit ihre Mängel und Fehler entdecken und ihr mit aller Gewißheit zu verstehen geben, daß die genannten Gesichte in keiner Weise ihr Werk sind“ (ebd.). „Daher kommt es, daß diese Seelen ganz davon entfernt sind, dergleichen Gnaden irgend jemandem zu erzählen; und wenn sie gezwungen sind, dieselben ihrer Leitung wegen ihren geistlichen Vätern mitzuteilen, so entschließen sie sich dazu nur mit großem Widerwillen und Erröten. Nicht so verhält es sich mit jenen falschen Visionen, die vom Vater des Stolzes herstammen; diese flößen stets dem Empfänger ein eitles Wohlgefallen und eine hohe Selbstschätzung ein, und treiben ihn nicht selten dazu an, unter unbegründeten Vorwänden das kundzumachen, was der Seele insgeheim begegnet ist“ (S. 33). Dieses Kennzeichen ist so einfach und klar, daß man sich nur wundern kann, wie Gläubige immer wieder auf „Propheten“ hereinfallen, die ihre Visionen und Offenbarungen überall herumposaunen und sie möglichst gar noch ins Internet stellen oder stellen lassen.

5. – „Fünftens, die Visionen Christi, der seligsten Jungfrau und der Heiligen sind immer voll Anstand und zeigen in ihrem Antlitze und in ihren Gebärden etwas Himmlisches und Göttliches, das dem, der sie sieht, Gefühle großer Reinigkeit einflößt. Die teuflischen Erscheinungen dagegen, auch wenn sie die Person Jesu Christi oder einen Heiligen vorstellen, haben stets etwas Ungeziemendes an sich und verraten namentlich an der Stirne oder auch an den Händen und Füßen irgendein Zeichen viehischen Wesens, indem Gott dieses zur Enttäuschung der Seelen zuläßt. Das Vergnügen, welches sie bereiten, trägt Spuren der Fleischeslust an sich, und die Liebe, die sie einflößen, ist niemals ganz rein“ (S. 34). Wie instinktiv hat die kleine Jacinta dieses Merkmal angewandt, als sie Lucia in ihren Zweifel zu trösten suchte: „Es ist sicher nicht der Teufel! Nein! Man sagt, der Teufel sehe sehr häßlich aus und sei unter der Erde, in der Hölle. Und diese Frau war so schön, und wir sahen sie zum Himmel auffahren!“ (a.a.O. S. 74). Die Erscheinung Unserer Lieben Frau von Fatima trug eben nichts „Ungeziemendes an sich“, sondern zeigte „in ihrem Antlitze und in ihren Gebärden etwas Himmlisches und Göttliches, das dem, der sie sieht, Gefühle großer Reinigkeit einflößt“. Ebenso erging es der heiligen Bernadette von Lourdes, die ebenfalls unmöglich glauben konnte, daß diese vollkommene und himmlische Erscheinung vom Teufel sein mochte. Sie selber wurde in ihren Ekstasen zum Spiegel der Schönheit dieser Erscheinung, sodaß sie nach Zeugenaussagen in diesen Augenblicken selbst zu einer fast himmlischen Erscheinung wurde. Noch viele Jahre später verzückte sie jeden, dem sie Worte und Gesten der allerseligsten Jungfrau darstellte, mit welchen diese sich als die „Unbefleckte Empfängnis“ geoffenbart hatte. Wie anders verhält es sich bei jenen angeblichen Erscheinungen der seligsten Jungfrau, wo „Seherkinder“ folgendes berichten: „Sie [d.i. die Jungfrau] sprach ein Weilchen mit uns, und in jener Nacht küßte sie uns das erste Mal, eine nach der anderen.“ „,Die Heilige Jungfrau ist wie eine von uns, es gibt da keine Distanz.‘ – ,Sie ist menschlich.‘ Sie vertraute ihnen [den „Seherkindern“] eines Tages an, daß sie die Quasten der Pantoffel, die sie auf Erden trug, parfumierte.“

6. – „Sechstens, die heiligen Visionen bringen immer Liebe zu Gott, Hinneigung zu himmlischen Dingen, Entsagung der Welt, Verlangen nach Abtötung und Buße und Standhaftigkeit in Ausübung der Tugenden mit sich; denn gerade aus dieser Absicht verleiht sie Gott seinen Dienern, um sie zur Vollkommenheit zu ermuntern. Nichts von all diesem verschaffen die falschen Visionen den Seelen; im Gegenteile, wenn eine Person öfters solche Gesichte hat und an ihnen hängt, so machen sie dieselbe immer eitler, unfolgsamer, hartnäckiger in ihren Ansichten, nachsichtig gegen sich selbst, unklug gegen andere, ungeduldig und ohne Liebe zur Abtötung, indem sie ihr bloß einen äußeren Schein von geistlichem Leben lassen, wodurch die Armselige getäuscht, hartnäckig in ihrem Wahne verharrt; denn der Teufel hat in der Tat, wenn er in den Augen oder im Geiste frommer Personen seine Netze ausspannt, keine andere Absicht, als in ihren Herzen seinen bösen Geist auszuschütten, und sie Schritt für Schritt ins Verderben zu ziehen“ (S. 35f). Wie schön erkennen wir diese Zunahme an „Liebe zu Gott, Hinneigung zu himmlischen Dingen, Entsagung der Welt, Verlangen nach Abtötung und Buße und Standhaftigkeit in Ausübung der Tugenden“ gerade wieder an den Kindern von Fatima! Noch kurz vor den Erscheinungen sehen wir sie nicht allzu fortgeschritten in all diesen Zeichen der Vollkommenheit, doch danach, welch rasche Fortschritte! Innerhalb kürzester Frist reiften zwei dieser Kinder im geistlichen Leben so heran, daß sie nach wenigen Jahren im Geruch der Heiligkeit starben. Namentlich Jacinta wurde von einem so eifrigen und heroischen Bußgeist erfaßt, daß sie den alten Wüstenväter in nichts nachstand. Wie anders wieder jene „Seherkinder“, die sich von ihrer „Jungfrau“ bei einer wiederholten Erscheinung tadeln lassen müssen, als eine von ihnen „sich die Nägel lackiert“ und eine andere „sich Rot auf die Lippen gelegt hatte.“ Aber selbst noch bei der letzten dieser angeblichen Erscheinungen hält eines der Mädchen in ihrem Mund „den Rest eines Kaugummis versteckt und denkt, Maria würde es unmöglich merken“. Dasselbe „Sehermädchen“ „bekennt, das eine oder andere Mal gelogen zu haben, jedoch bei Dingen, die nicht von Bedeutung sind, wie sie genau angibt. […] Auf der gleichen Seite liest man, daß sie anerkennt, mit ihren Gefährtinnen Ekstasen simuliert zu haben, aber sie gibt vier wichtige Dinge genauer an: Es war, nachdem sie zwei Anrufe bekommen hatten, um zusammenzubleiben oder damit die Heilige Jungfrau früher komme; sie haben niemals eine Ekstase vollständig simuliert und endlich hatte die heilige Jungfrau sie dafür gescholten. Der Pfarrer … erkannte es, und auch er schalt sie. Er berichtet davon in einem Kapitel seiner Memoiren […], dem wir das Folgende entnehmen, was auch für die drei anderen Kinder gilt: … [Das Mädchen] gab ihm an, daß sie die Ekstasen nur ungefähr eine halbe Stunde vor der Erscheinung heuchelten: ,Die Heilige Jungfrau strafte uns‘, sagte sie, ,indem sie viel später als zur angegebenen Stunde kam, und immer warf sie uns unser Verhalten sehr streng vor.‘“

7. – Endlich siebentes, „wenn Himmelsbewohner erscheinen, so sagen sie nichts anderes, als was wahr, was wichtig, was heilig, was nützlich für die Seele ist und zur Ehre Gottes gereicht; denn sie kommen aus dem Paradiese, um uns den Geist der Tugend und Heiligkeit zu bringen“. „Umgekehrt aber, wenn die Teufel erscheinen, so sagen sie entweder Falsches oder teilen unnütze und eitle Dinge mit oder geben uns schädliche ein, oder, wenn sie je Wahres und Gutes reden, tun sie es nur in der schlechten Absicht, mit dem Wahren das Falsche und mit dem Guten das Schlechte zu beglaubigen; denn der Vater der Lüge und der Urheber des Verrates und Truges kann, wenn er nicht seine Natur ändert, gar keine andere Sprache führen“ (S. 36). Wieder sehen wir den deutlichen Unterschied zwischen echten Erscheinungen wie in Lourdes und Fatima, wo die Königin der Propheten mit ihren wenigen und so gewichtigen Worten nichts anderes spricht „als was wahr, was wichtig, was heilig, was nützlich für die Seele ist und zur Ehre Gottes gereicht“, und jenen falschen Erscheinungen etwa, wo die angebliche „Gottesmutter“ in unendlichem Redeschwall und täglich neuen „Botschaften“ über Jahrzehnte hinweg neben vielem unsäglich Banalem und einigem Falschem (so z.B. wenn sie behauptet, alle Menschen gleich welcher Religion seien ihre Kinder) auch manch Wahres von sich gibt, so z.B. wenn sie zum Rosenkranzgebet oder zur Beichte auffordert.

8. – Ein achtes Kennzeichen möchten wir noch hinzufügen, weil es uns als das sicherste erscheint: die kirchliche Anerkennung. Leider sind einfache Gläubige oder auch Priester meist nicht in der Lage, sich ein wahres Bild über in Frage stehende Visionen oder Erscheinungen zu machen, entweder weil sie nicht genug oder genügend authentische Informationen über das Geschehen haben, oder weil sie in Fragen der Theologie und des geistlichen Lebens nicht so kundig sind. Außerdem zeigt die Erfahrung, daß oft genug, selbst bei an sich sehr kenntnisreichen und klugen Personen, das Gefühl, vom Numinosen ganz ergriffen, den Verstand verdrängt und bisweilen vollständig ausschaltet, sodaß eine nüchterne Überprüfung der Tatsachen gar nicht mehr möglich ist und sachliche Argumente keinen Eingang mehr finden. Daher bildet eine kirchliche Anerkennung oder Ablehnung die sicherste und beweiskräftigste Stütze. Leider müssen wir heute jedoch feststellen, daß wir uns auf die gegenwärtigen kirchlichen Behörden diesbezüglich nicht mehr verlassen können. Der Modernismus hat die theologischen Grundlagen aufgelöst, die zu solch einer Prüfung notwendig wären, die meisten Amtsträger sind entweder einem kritischen Rationalismus verfallen, der alles Übernatürliche vollkommen ausschließt, oder einem unkritischen Charismatismus, der alles „Übernatürliche“ mit Enthusiasmus als „Wehen des Heiligen Geistes“ umarmt – manchmal auch beides, gemäß dem Charakter des Modernismus, der gleichermaßen Agnostizismus und Gefühlsreligion ist. Da zudem seit Paul VI. für Erscheinungsliteratur kein „Imprimatur“ mehr gilt, ist die Verwirrung grenzenlos. Darum hält man sich am besten an die bewährten, alten, kirchlich anerkannten Wallfahrtsorte und Erscheinungsstätten wie Lourdes und Fatima und läßt bei allen neueren größte Zurückhaltung und Vorsicht walten, selbst wenn es eine konziliare „kirchliche Anerkennung“ gäbe. Meist halten sich freilich die konzilskirchlichen Behörden ohnehin vornehm zurück oder finden so salomonische Lösungen wie die schon öfters angewandte: Kein übernatürliches Ereignis nachweisbar, soll aber als „Gebetsstätte“ erhalten bleiben.

Schlußwort von Erzbischof Lefebvre

Zum Schluß noch ein Wort von Mgr. Lefebvre zu dem Thema, entnommen aus einer Predigt vom 3. Dezember 1985 in La Reja (Argentinien):

Es gibt eine zweite Gefahr, die heute um sich greift und sich da und dort einnistet, sogar, man muß es leider sagen, in unseren traditionalistischen Kreisen. Die Lage der Kirche ist gegenwärtig so, daß viele Seelen keine wirklichen Priester mehr haben, um sich zu heiligen. Sie suchen die Heiligung anderswo, nämlich in den Erscheinungen. Eine Person sagt, daß sie Beziehungen zum Himmel hat, daß sie besondere Verbindungen zum Himmel hat, und schon läuft alles hin, um diese Person zu hören, die angeblich besondere Beziehungen zum Himmel haben soll. Zweifellos erklärt sich das durch das Fehlen wirklicher Priester, durch das weitgehende Ausfallen der Spendung der Sakramente, durch den Mangel an Glauben an die Sakramente. Die Gläubigen wollen etwas finden, was sie mit dem Himmel verbindet. Darin liegt eine große Gefahr. Ich glaube, wir befinden uns in der Zeit, die Unser Herr gemeint hat, als Er sagte: »Am Ende der Zeiten wird man zu euch sagen: ,Christus ist hier, Er ist in der Wüste, Er ist im Gebirge, Er ist auf dem Meer, Er ist da, Er ist dort’, geht nicht hin!« “Geht nicht hin”, hat Unser Herr gesagt.

Ich glaube, wir befinden uns in dieser Epoche. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, denn auch hier versteht es der Teufel sehr gut, die Seelen zu täuschen. Und wenn auch manchmal etwas wirklich vom Himmel gekommen ist, eine gewisse Gnade, dann hat sich meistens sofort der Teufel eingeschaltet, weil sich die Bischöfe nicht damit befaßt haben, weil sie nicht mehr daran glauben. Es ist ja sogar die hl. Bernadette vom Teufel versucht worden und nur dank dem Pfarrer von Lourdes und dem Bischof, die wachsam waren, der Versuchung nicht erlegen. Das zeigt, daß der Teufel versuchen kann, sich einzuschalten, wenn die, welche in diesen Dingen die Aufgabe des Richters erfüllen müßten, diese Aufgabe nicht mehr erfüllen.

Wir müssen da Unserem Herrn besonders treu sein. Ermahnen wir unsere Gläubigen, nicht unvorsichtig auf solche Wallfahrten zu gehen, wenn sie nicht als echt anerkannt sind, wenn sie nicht von der Kirche anerkannt sind. Seien wir vorsichtig, glauben wir fest an unsere Sakramente! Unser Herr hat die Sakramente eingesetzt, um uns zu heiligen. Selbst wenn es wirkliche Erscheinungen gibt, können sie nicht mehr als sekundär sein. Sie können nur die Sakramente bestätigen; sie können die Sakramente nicht ersetzen. Man kann die Sakramente nicht durch Wallfahrten ersetzen. Man kann die Gnade des Sakraments durch echte Wallfahrten bekräftigen, aber man kann sie nicht ersetzen. Seien wir also vernünftig, beten wir und glauben wir an das, was Unser Herr uns mit den Sakramenten gegeben hat, mit dem heiligen Meßopfer, mit allen Wahrheiten, die Unser Herr Jesus Christus uns durch die heilige Kirche gelehrt hat. Wir haben, was wir brauchen, um in den Himmel zu kommen. Möge die allerseligste Jungfrau Maria uns zu Hilfe kommen, wie sie es in Fatima, in Lourdes, in La Salette und bei vielen anderen sicheren Erscheinungen getan hat, die von der Kirche anerkannt sind! Nur diese sind eine Ermutigung für uns, unseren Glauben zu vermehren und mehr an der Gnade teilzuhaben, die uns die Sakramente geben, um uns mit Unserem Herrn Jesus Christus zu vereinen und unsere Andacht zu unserer guten himmlischen Mutter zu vertiefen“ (aus: Damit die Kirche fortbestehe, S. 603f).