Darwin und die Kausalität

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Wenn ein Kind zu Verstand kommt und die Vernunft bei ihm erwacht, fängt es an, Fragen zu stellen: „Was ist das? Woraus ist das? Warum ist das so? Wer hat das gemacht?“ Es ist dieses Fragen offensichtlich dem menschlichen Verstand natürlich und eigentümlich. Es geht nach den Ursachen der Dinge und will diese ergründen. Dabei bleibt es nicht bei den nächsten Ursachen stehen, sondern will bis zu den letzten Gründen und Ursachen durchdringen. Das kann für die Eltern dieser aufgeweckten Kinder sehr strapaziös sein, wenn es auf jede Antwort wieder nur heißt: „Und warum?“ Man stößt dann allzu schnell an seine Grenzen und muß feststellen, daß man es sich vielleicht selber bisher allzu leicht gemacht und sich mit den vordergründigsten Antworten zufrieden gegeben hat. Die Kinder zwingen uns zum Nachdenken, zum Weiterbohren.

Es ist dies der Beginn der Wissenschaft, denn der Wissenschaftler tut im Grunde nichts anderes, als dieses kindliche Frage- und Wissensbedürfnis in erwachsener, gereifter und systematisierter Form weiterzubetreiben. Auch die Wissenschaft ist ja die Suche nach den Gründen und Ursachen. Sie ist nach der gut scholastischen Definition cognitio certa per causas, also die sichere Erkenntnis aufgrund der Ursachen. Der Ursachen aber gibt es im wesentlichen vier, wie uns unser fragendes Kind bereits belehrt und die scholastische Philosophie es wissenschaftlich kategorisiert hat: die Formursache oder causa formalis („Was ist das?“), die Materialursache oder causa materialis („Woraus ist das?“), die Zweckursache oder causa finalis („Wozu oder warum ist das?“) und die Wirkursache oder causa efficiens („Wer hat das gemacht?“). Jedes Ding in unserer körperlichen Welt hat diese vier Ursachen und läßt sich nach ihnen erkennen und beschreiben.

Form- und Materialursache nennen wir zwar die inneren Ursachen, denn aus ihnen besteht das Ding dem Wesen nach, so wie der Mensch aus Seele und Leib. Das aber bedeutet nicht, daß die anderen beiden Ursachen, die außerhalb des Dings liegen und die deshalb äußere Ursachen heißen, nicht von großer Bedeutung wären für die Sache selbst. Gerade der Zweckursache oder causa finalis kommt dabei die größte Bedeutung zu, ist sie es doch, die letztlich über die Form entscheidet, also darüber, was eine Sache überhaupt ist. Dient sie dem Trinken, so ist sie ein Getränk, dient sie dem Putzen, so ist sie ein Reinigungsmittel.

Wir sehen an diesem Beispiel bereits, wie wichtig die Kenntnis dieser Ursachen für uns schon im Alltag sein kann. Leider geschieht es ja bisweilen, daß ein Putzmittel mit einem Getränk verwechselt wird, und das hat mitunter verheerende Folgen. Auch sonst im bürgerlichen, sittlichen, staatlichen und praktischen Leben sind wir vom Prinzip dieser vier Ursachen, dem Kausalitätsprinzip, wie wir es philosophisch nennen, abhängig und wenden es selbstverständlich und unablässig an. Die Kriminalpolizei etwa fragt: „Wer hat das getan?“, was im Englischen die Bezeichnung eines ganzen Teil-Genres des Kriminalromans geworden ist: „Whodunnit?“ Sie sucht den Täter, also die Wirkursache. Das Gericht fragt sodann: „Was hat er getan?“ Es untersucht, um was für eine Tat es sich formell handelt, z.B. ob es Mord war oder Totschlag. Dazu befragt sie insbesondere das Motiv, also die Zweckursache, und diese entscheidet wesentlich über die Bewertung der Tat und die dafür verdiente Strafe.

Während wir nun in allen Bereichen unseres Lebens und der Wissenschaft dieses Prinzip notwendig und erfolgreich verwenden, hat es sich ausgerechnet die moderne Wissenschaft zur Aufgabe gemacht, es systematisch zu leugnen. Daß sie sich damit in einen Widerspruch mit sich selbst begibt und sogar ihre eigenen Grundlagen untergräbt, ist ihr bisher offensichtlich noch nicht zu Bewußtsein gekommen, dazu bleibt sie in ihrer Ursachenforschung doch zu oberflächlich. Sie bedient sich hierbei der sogenannten methodischen Beschränkung auf jeweilige Fachgebiete. Dagegen wäre nichts zu sagen, würden erstens die Fachgebiete insgesamt alle Bereiche des Seins abdecken, und würden sich zweitens die Fachwissenschaftler wirklich auf ihr Fachgebiet beschränken. Beides ist leider nicht der Fall. Denn zum einen finden wir diese Fachgebiete heute fast nur noch auf dem Gebiet der „Naturwissenschaft“, d.h. man beschäftigt sich ausschließlich mit dem, was sichtbar, wägbar oder meßbar ist, mit Materie. Die Welt des Geistes bleibt außen vor, sie gilt als nicht „wissenschaftlich“. Höchstens die Geschichts- und Sprachwissenschaften will man noch gelten lassen, aber auch sie nur mit hochgezogener Nase und herablassendem Grinsen. Zum anderen aber, und das wiegt noch viel schlimmer, behauptet man einfach und frech, außerhalb der eigenen Fachgebiete gäbe es gar nichts, und wer etwa metaphysische Gründe behaupte, der sei ein Phantast und kein Wissenschaftler. Derlei Dinge gehörten allenfalls in den Bereich des Glaubens, der aber sei nicht wissenschaftlich. Der Wissenschaftler ist Agnostiker und Atheist aus Prinzip. Daß er damit aus seiner methodischen Beschränkung ein metaphysisches Prinzip gemacht hat, fällt ihm nicht ein und kann ihm gar nicht einfallen, denn Metaphysik gibt es ja nicht.

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