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22. April 2018  -  Modernisten (Postmodernisten), Rom, Traditionalisten

Der Franzl-Effekt

Eines muß man Herrn Bergoglio, alias Franziskus, neidlos zugestehen, er weiß die kirchenpolitische Landschaft neu aufzumischen. Mit seiner spontan erscheinenden, unkonventionellen, medienwirksam in Szene gesetzten Art versteht er es, Lager zu entzweien und untergründige Strömungen offenzulegen.

Während in den letzten Jahrzehnten viele Menschenmachwerksanhänger gewohnt waren, in „Rom“ noch den Garant ihres Glaubens zu sehen, wenn auch unterschiedlich nuanciert, kommen diese nun in immer größere Bedrängnis. Das konservative Lager muß sich wohl oder übel neu formieren bzw. definieren. Denn bis jetzt konnte man sich immer noch – mit kleineren oder größeren Abweichungen – als papsttreu und Papstverteidiger fühlen, war doch ihr „Papst“ ein Mann, der ständig von den linken Theologen und den Medien heftig angegriffen wurde und den es deswegen tapfer zu verteidigen galt. Es war für jeden anständigen Menschenmachwerksanhänger das Gebot der Stunde, sich hinter seinen „Papst“ zu stellen (vgl. Papsttreue). Die Gegner waren als Papstkritiker und Progressisten klar definiert. Hierbei konnte man schon auf eine längere eigene „Tradition“ oder besser ein Traditiönchen zurückschauen, hatte doch der Liberale schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem das Lehramt der Kirche z.T. als rückständig und wissenschaftsfeindlich scharf attackiert.

Wie nicht anders zu erwarten, ist der Masse der Katholiken entgangen, daß es in diesem dialektischen Spiel von „konservativ“ und „liberal“ unterschiedliche Variationsmöglichkeiten gibt. Denn während die Päpste des 19. Jahrhundert es entschieden vermieden, sich überhaupt auf dieses Spiel einzulassen, denn dann hätte man schon keinen katholischen Boden mehr unter den Füßen gehabt, war das an der Basis schon lange anders. Dort war die Revolution schon im Gang. Während nun die Revolutionäre in Chorrock und Stola dieses Spiel bestens beherrschten, erwiesen sich schon damals viele Katholiken als vollkommen naiv.

Das war auch der Grund, warum nur noch eine ganz kleine Minderheit wahrnahm, daß sich nach dem Tod von Pius XII. mit einem Mal die Spielsituation vollkommen geändert hatte. Dabei hatte Roncalli alias „Johannes XXIII.“ ganz laut und klar alles Notwendige öffentlich bekanntgegeben. Nun hieß es plötzlich „Aggiornamento“, Öffnung zur Welt, die mit ihren Irrtümern nicht mehr verurteilt werden sollte, weil sich die Wahrheit von selbst durchzusetzen wisse. Schon jeder vernünftige Mensch und natürlich noch viel mehr jeder wahre Katholik hätte sich damals sofort sagen müssen: Was für ein bodenloser Unsinn, was für eine Frechheit, was für ein Wahn!

Nach Roncalli sollte eine neue „Kirche“ geschaffen werden, ein Land Utopia für die modernen „Katholiken“. Dabei war Roncalli beileibe kein Träumer und Utopist, sondern professioneller Revolutionär. Mit der Einberufung des sog. Konzils war der Sieg der Revolutionäre in greifbare Nähe gerückt. Jetzt konnten sie ihre neue „Kirche“ bauen, eine „Kirche“, die mit der Kirche Jesu Christi nichts mehr gemein haben sollte. Eine „Kirche“ von unten und nicht mehr von oben, eine „Kirche“ des Menschen und nicht mehr des Dreifaltigen Gottes. Das Ganze sollte aber so gemacht werden, daß es die meisten Katholiken gar nicht wahrnehmen konnten, daß sie plötzlich einer ganz anderen Glaubensgemeinschaft bzw. Irrglaubensgemeinschaft angehörten.

Jeder echte Katholik hätte es sehen können und müssen, daß sich mit Roncalli etwas Grundlegendes geändert hat. Diese neuen „Päpste“ hatten keinen wahren, göttlichen Glauben mehr, diese „Päpste“ waren keine Katholiken mehr. Aber es war schließlich doch nicht ganz so einfach, das perfide Spiel zu durchschauen, weil diese „Päpste“ gekonnt eine konservative Maske trugen, unter der sie ihren modernistischen Irrglauben verbargen – mehr oder weniger verbargen, muß man eigentlich sagen. Die große Täuschung war nur durch ein perfektes Zusammenspiel mit den Medien möglich. Diese droschen fleißig auf die Römer ein – und hofierten ihre Startheologen, deren bekanntester, Hans Küng, erst kürzlich seinen 90. Geburtstag feierte. Dadurch wurde die Masse der Katholiken mit einem klaren Freund-Feind-Bild bedient, ohne noch auf das Wesentliche zu achten, nämlich den göttlichen Glauben. Die Täuschung gelang perfekt und fast lückenlos, die Revolution in Chorrock und Stola hatte gesiegt. Wir haben schon öfter darauf hingewiesen, wie grundlegend diese Einsicht für uns Katholiken heute ist.

Leider muß man feststellen, auch die Mehrheit der Konservativen und Traditionalisten haben bis heute dieses Spiel nicht durchschaut. Man gefiel sich Jahrzehnte darin, den „Papst“ gegen die wütenden Angriffe – die oft gar nicht so wütend waren; man hätte nur genauer hinsehen müssen – zu verteidigen und nahm in keiner Weise mehr wahr, daß man im Eifer dieser Verteidigung den Ökumenismus, die moderne Religionsfreiheit, die Allerlösungslehre, die Ungültigkeit der Weihen, die Zerstörung des hl. Meßopfers und aller katholischen Sakramentsriten mitgetragen hatte. Nur eine kleinere Gruppe meinte bei der Einführung der sog. Neuen Messe nicht mitmachen zu können und auch noch die eine oder andere Irrlehre zurückweisen zu müssen, aber man machte dennoch mit beim neurömischen Spiel, ja man sah es sogar als besondere Auszeichnung an, mitspielen zu dürfen. „Laßt uns das Experiment der Tradition machen“, was für eine großzügige Geste für einen Papst!

Die meisten Konservativen standen einfach hinter ihren „Päpsten“ – bis zu Joseph Ratzinger, alias Benedikt XVI., dem fraglos „konservativsten“ aller „konziliaren Päpste“. Wohl allein deswegen, weil nur die wenigsten das lasen, was diese „Päpste“ alles geschrieben haben, konnten sie sich tatsächlich einbilden, sie seien ihrem „Papst“ gehorsam.

Eine Minderheit, die Lefebvristen, sahen das etwas nuancierter, sie schufen ihren Rahmenpapst, dem man nur im Rahmen seiner Unfehlbarkeit gehorchen müsse – und das sei höchstens alle 100 Jahre einmal der Fall. Sonst könne man machen, was man will und das sei gut so. Plötzlich gab es ein doppeltes Rom – ein zugleich katholisches und modernistisch-liberales – dem aber nur ein, wenn auch schizophrener „Papst“ vorstehen sollte.

Beide Gruppen waren gleicherweise unfähig zu erkennen, daß ihr Verhältnis zum Papst keinerlei theologisches Fundament mehr hatte und bis heute nicht mehr hat. Die Konservativen frönen einer reinen Papolatrie, einem reinen Personenkult, der mit dem übernatürlichen, göttlichen Glauben nichts mehr zu tun hat, sondern sich auf der Ebene eines Starkultes befindet. Für die Lefebvristen hat ihr „Papst“ nur noch eine Alibifunktion. Er vermittelt ihnen als Bild in der Sakristei oder im Haus die Einbildung, daß sie auch noch katholisch sind, und sie sind jederzeit fest davon überzeugt, daß ihr „Papst“ genau das sagen würde, was sie auch sagen, wenn er – na, was eigentlich? Wenn er Lefebvrist wäre wie sie! Bis dahin müssen wir für seine Bekehrung beten, heißt es zuweilen, und das am besten im Kanon der hl. Messe. Eine größere Anhäufung von theologischen Unsinnigkeiten kann man sich wohl kaum mehr ausdenken.

Während die Konservativen sich noch bis vor kurzem einbilden konnten, sie seien ihrem „Papst“ gehorsam, weil er ja im Großen und Ganzen das sagte, was sie hören wollten, waren die Lefebvristen schon einen Schritt weitergegangen, sie waren Papstkritiker geworden. Damit sie sich dennoch einbilden konnten, sie seien ihrem „Papst“ gehorsam, erfanden sie ihren Rahmen-„Papst“ – womit sie sich in guter Gesellschaft mit den Modernisten der 20er bis 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts oder auch den Gallikanern, Jansenisten und Altkatholiken befanden – bzw. einen „Papst“ mit zwei Gesichtern, dem man nur folgen muß, wenn er Katholisches sagt, jedoch jederzeit widersprechen darf und muß, wenn er Unkatholisches sagt. Daß damit der „Papst“ ein Mensch wie jeder andere geworden war, das wahrzunehmen, dazu waren die Lefebvristen nicht mehr fähig.

Im Grunde brauchten sowohl die Konservativen als auch die Lefebvristen gar keinen Papst mehr, weil ihnen dieser nichts Wesentliches mehr zu sagen hatte, d.h. nichts wirklich für den Glauben Verbindliches in seiner ordentlichen Lehrverkündigung sagen konnte. So konnten sich in einem gewissen Sinne sowohl die Konservativen der Menschenmachwerkskirche als auch die Lefebvristen gemeinsam einbilden, sie verteidigten ihren „Papst“ eifrig gegen die Progressisten, weil sie nämlich der „traditionelle“ Glaube miteinander verband. Diese Sachlage änderte sich schlagartig als Bergoglio in die neurömische Arena trat!

Es ist sozusagen das besondere Verdienst Bergoglios, den fehlenden übernatürlichen Glauben dieser Gruppen schonungslos aufzudecken. Die „Liebesfreud’“ Bergoglios hat die „kirchen“politischen Lager neu aufgemischt. Nun haben nämlich plötzlich die Progressisten den Papst auf ihrer Seite – auch öffentlich und in den Medien greifbar – wohingegen die Konservativen öffentlich zu Papstkritikern entarten. Da diese noch relativ wenig Übung in dieser Rolle haben, kann man dabei einige Kuriositäten beobachten – was wir an anderer Stelle und schon öfter thematisiert haben. Diese Kuriositäten sollen uns aber jetzt nicht weiter beschäftigen. Wir wollen vielmehr auf etwas Grundsätzliches hinweisen, das durch den Franzl-Effekt allen offenbar wird, die es noch sehen wollen.

Den meisten Lesern wird es wohl nicht entgangen sein, daß vergangenes Jahr 45 Philosophen, Theologen und bekannte Personen aus dem öffentlichen Leben ein Schreiben an ihren „Papst“ Franziskus richteten, in dem sie ihn aufforderten, irrige Lehren seines Schreibens „Amoris laetitia“ zu korrigieren. Bergoglio hat darauf bis jetzt nicht direkt reagiert, aber seinerseits klar gemacht, wie er die Sache sieht. An anderer Stelle haben wir dies mit folgenden Worten schon kommentiert:

Die „Bischöfe der Seelsorgeregion Buenos Aires“ hatten sich bemüßigt gefühlt, in einem Brief vom September 2016 die „Liebesfreud‘“ dahingehend zu interpretieren, daß „zivilrechtlich wiederverheirateten Geschiedenen im Einzelfall“ der „Zugang zu den Sakramenten“ gestattet werden könne. Bergoglio hatte daraufhin seinerseits an die argentinischen „Bischöfe“ geschrieben und sie gelobt: „Das Dokument ist sehr gut und erklärt vollständig die Bedeutung des Kapitels VIII von Amoris laetitia. Es gibt keine anderen Interpretationen.“ Wir hatten davon berichtet (Träumer). Nunmehr finden sich beide Dokumente „in der Oktoberausgabe der AAS“, welche „den privaten Brief des Papstes, der an die Bischöfe der Pastoralregion Buenos Aires gerichtet ist, in den Rang eines ‚apostolischen Briefes‘ (‚Epistola Apostolica‘)“ erhebt und obendrein ein „Reskript von Kardinalstaatsekretär Pietro Parolin“ enthält, „in dem dieser bekannt gibt, die Veröffentlichung der beiden Dokumente erfolge auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus, der sowohl die Orientierungshilfe der Bischöfe der Seelsorgeregion Buenos Aires als auch seinen Brief zu Elementen seines ‚authentischen Magisteriums‘ erkläre“.
(O komm, o komm, Emanuel)

Bei den Konservativen zählen freilich, wie wir schon gesehen haben, solche Entscheidungen ihres „Papstes“ auf der unteren lehramtlichen Ebene nichts. Es müssen schon feierlichste Entscheidungen des unfehlbaren Lehramtes sein, daß sie diese überhaupt noch wahrzunehmen sich befleißigen. Wobei nicht einmal mehr die Feierlichkeit einer feierlichen Heiligsprechung ausreicht. Die Entscheidungen müssen außergewöhnlich feierlich und äußerst verbindlich sein, damit man sie überhaupt noch wahrnimmt. Dementsprechend hat am 7. Februar 2018 der “Weihbischof” von Chur in der Schweiz, Marian Eleganti, in einem Interview den Status quo so kommentiert: „Bisher aber hat der Papst in diesem Zusammenhang keine unfehlbare neue Lehre vorgetragen, vielmehr darauf verzichtet, sein Lehramt auszuüben, indem er auf die Dubia (Zweifel) keine klare, lehramtliche und unmissverständliche Antwort gegeben hat.“ Und er fügt dem hinzu: „Das verunsichert viele von den Kleinen, von denen Jesus im Evangelium spricht und die mir schreiben. Ich denke an sie, wenn ich öffentlich rede.“

Diese Sorge um die Kleinen, von denen das hl. Evangelium spricht, ist zwar lobenswert, ob aber das, was der “Weihbischof” kurz vorher gesagt hat, zur Beruhigung dieser Kleinen beitragen kann, das ist mehr als zweifelhaft. Denn auf die Frage von Dr. Maike Hickson: „Wie denken Sie, kann die Katholische Kirche wieder zu einer klaren Stimme mit einer klaren Lehre kommen bezüglich dessen, welches Verhalten Gott gutheißt, und welches Verhalten die Seele von Menschen in Gefahr bringt?“, gibt er die Antwort: „Indem wir alle mit dem Papst zusammenstehen und einen redlichen Dialog führen ohne manipulative Tricks, Einschüchterung oder Denk- und Redeverbote, aber in Wahrheit und Liebe, gegenseitigem Respekt und Ehrfurcht vor dem Gewissen des anderen.“

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