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27. August 2017  -  Kirche, Prophetie

Noch einmal die Leoninischen Gebete

1. P. Anthony Cekada, laut „Wikipedia“ ein „bekannter und überzeugter Sedisvakantist“ in den USA, einer jener berühmten „Neun“, die dort 1983 aus der „Piusbruderschaft“ brachen, hat bereits vor 25 jahren eine kleine Studie verfaßt zum Thema „Russland und die Leoninischen Gebete“ (erschienen in Sacerdotium Nr. 5 vom Herbst 1992). Unsere Zeit ist bedauernswert kurzlebig und, allem „Globalismus“ zum Trotz, erstaunlich provinziell, was die Sprachbarrieren anbelangt. So kommt es, daß Texte allzu leicht vergessen oder übersehen werden, zumal wenn sie in anderen Sprachen als der eigenen erschienen sind. Auch wir sind jetzt erst auf die genannte Studie aufmerksam gemacht worden, nachdem wir selber zu diesem Thema geschrieben haben (Die Vision Papst Leos XIII., Nachtrag zum Sankt Michaelsgebet Leos XIII.), und wollen es nicht versäumen, im Nachhinein diesen Text zu berücksichtigen.

2. Nach seiner Priesterweihe im Jahr 1977, berichtet Father Cekada, habe er nach dem Vorbild anderer „traditioneller Priester in den USA“ stets verkündet, die Leoninischen Gebete würden verrichtet „für die Bekehrung Rußlands“. Ein Gläubiger habe ihn daraufhin einmal gefragt, warum man nicht lieber für die Bekehrung Amerikas bete. P. Cekada, überzeugt, die Sache gehe auf die Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Fatima zurück, suchte daraufhin nach kirchlichen Dokumenten, um dies zu belegen. Zu seiner Verwunderung fand er nichts, was diese Gebete mit der Botschaft von Fatima in Zusammenhang gebracht hätte. Demnach hätten die traditionellen Priester in USA offensichtlich eine falsche Ansicht über diese Gebete gehabt. Jüngste Entwicklungen in Rußland – man befand sich erst wenige Jahre nach der „Öffnung des Eisernen Vorhangs“ und dem „Ende des Kalten Krieges“ – würden weitere Fragen aufwerfen, und so wolle er folgende Punkte behandeln: 1. den Ursprung der Leoninischen Gebete, 2. die Intention, welche Papst Pius XI. ihnen gab, 3. die „zweifelhaften Geschichten, welche über das Gebet zum heiligen Erzengel Michael kursieren“, 4. die rechtliche Lage bezüglich der Leonischen Gebete und ob diese im Lichte der neueren Entwicklungen in Rußland immer noch gesetzlich verpflichtend seien, sowie 5. ob es daher erlaubt sei, an ihrer Stelle andere Gebet in anderen Intentionen zu verrichten.

Entstehung der Leoninischen Gebete

3. Der erste Punkt über die Ursprünge dieser Gebete erscheint in unserem Zusammenhang besonders interessant, zeigt er doch einige zusätzliche Details und Aspekte auf, die unsere eigenen Abhandlungen ergänzen. Nach den Napoleonischen Kriegen, schreibt Cekada, war die Lage der Päpste als weltliche Herrscher über den Kirchenstaat mehr und mehr prekär geworden. Zwar hatte der Wiener Kongreß im Jahr 1815 die Souveränität des Papstes über seine zeitlichen Güter wiederhergestellt, doch verschworen sich die Freimaurerei und andere geheime Gesellschaften wie die Carbonari gegen ihn zu einer Revolution. Es kam in den Jahren 1830 und 1832 zu Aufständen in den päpstlichen Staaten, und im Jahr 1848 vertrieben die Revolutionäre Papst Pius IX. aus Rom.

Napoleon III. sandte im Jahr 1850 seine Truppen nach Italien zur Hilfe, verhalf Pius IX. wieder zu seinem Thron und schützte die Stadt Rom durch seine kaiserlichen Truppen. Freilich geschah dies weniger aus seiner Verehrung dem Heiligen Stuhl gegenüber als vielmehr aus der Absicht, den österreichischen Einfluß in Italien zu schwächen. Unterdessen hatten die Jünger der geheimen Gesellschaften mit ausländischer Unterstützung die Regierung der Stadtstaaten übernommen, die das päpstliche Gebiet umgaben. Von feindlichen Staaten umringt und nur von einem halbherzigen Verbündeten unterstützt, fürchtete Pius IX. den drohenden Sieg der Revolutionäre. Daher ordnete er zu Beginn des Jahres 1859 besondere öffentliche Gebete an, nämlich drei Ave Maria, das Salve Regina, einen Versikel und eine Oration, die in allen Kirchen im Kirchenstaat nach der Heiligen Messe gebetet werden sollten. In den übrigen Ländern waren sie nicht verpflichtend. Doch der Papst drängte die Katholiken überall, für die Erniedrigung der Feinde seiner zeitlichen Souveränität zu beten und gewährte Ablässe darauf.

1870 fiel Rom in die Hände der Revolutionäre und der Armee des königlichen Hauses von Savoyen. Pius IX. schloß sich daraufhin im Vatikan ein, exkommunizierte die Besetzer des päpstlichen Territoriums und weigerte sich, die Legitimität der Regierung anzuerkennen, welche die Usurpatoren errichtet hatten. Das war der Beginn der „römischen Frage“, welche Art von Übereinkommen, wenn überhaupt, zwischen dem legitimen Anspruch des Papstes als zeitlicher Souverän und dem neuen italienischen Staat erzielt werden könne, welcher de facto die Kontrolle über den Kirchenstaat ausübte. Beinahe sechzig Jahre lang wog diese Frage schwer in den Herzen der Päpste.

In den 1880er Jahren demonstrierte ein von freimaurerischen Logen aufgehetzter Mob gegen Papst Leo XIII. und versuchte sogar, die Überreste von Pius IX. in den Tiber zu werfen. Die Regierung erließ eine Reihe von Gesetzen, die sich gegen den katholischen Klerus richteten, und am Ende des Jahrzehnts wurden die Güter der katholischen karitativen Gesellschaften eingezogen. Am 6. Januar 1884 ordnete Leo XIII. daraufhin an, daß die Gebete, welche Pius IX. für die Kirchen des päpstlichen Staates vorgeschrieben hatte, nunmehr nach der Stillen Heiligen Messe in allen Kirchen der ganzen Welt verrichtet würden, „so daß das christliche Volk Gott im gemeinsamen Gebet um all das anfleht, was dem gesamten christlichen Gemeinwohl dient“. Der Text der Oration, den Leo XIII. dafür vorschrieb, ist etwas anders als der heute verwendete. Es handelte sich um eine ausgedehnte Version der Oration vom 22. Sonntag nach Pfingsten. 1886 wurde der Text geändert und sah nach zwei weiteren kleinen Änderungen, die später noch im lateinischen Text vorgenommen wurden, so aus wie der, den wir heute kennen:

Gott, unsere Zuflucht und Stärke, sieh gnädig an das Flehen Deines Volkes, und erhöre in Deiner Barmherzigkeit und Güte, auf die Fürbitte der glorreichen und unbefleckten Jungfrau und Gottesmutter Maria, ihres Bräutigams, des hl. Joseph, Deiner hll. Apostel Petrus und Paulus und aller Heiligen, die Gebete, die wir für die Bekehrung der Sünder, für die Freiheit und Erhöhung unsrer heiligen Mutter, der Kirche, flehentlich verrichten. Durch Ihn, Christus, unsern Herrn.

Zur selben Zeit wurde das St. Michaels-Gebet hinzugefügt, dessen einleitende Anrufung Anklänge an den Alleluja-Vers des St. Michael-Festes vom 8. Mai und 29. September hat. Die Änderungen von 1886 weisen jedoch eine seltsame „legale Anomalie“ auf. Es findet sich kein Dekret dazu in den Akten des Heiligen Stuhles, wie es normalerweise üblich und erforderlich wäre. Den Grund dafür vermutet P. Cekada in einer Unaufmerksamkeit des registrierenden kurialen Beamten. Im Jahr 1904 habe Papst Pius X. den Priestern gestattet, die dreifache Anrufung „Heiligstes Herz Jesu, erbarme dich unser“ an das Gebet zum heiligen Erzengel Michael anzufügen. Er machte dies nicht zur Vorschrift, doch wurde es bald Praxis aller Priester weltweit.

„Neue Intention“ durch Pius XI.

4. Soviel zur Geschichte der Entstehung der Leoninischen Gebete. Wir kommen zum zweiten Punkt, der neuen Intention durch Pius XI. Während der Pontifikate von Leo XIII., hl. Pius X. und Benedikt XV. gab es in der „römischen Frage“ wenig Fortschritt, sagt Cekada. Erst nach der Wahl von Pius XI. im Jahr 1922 nahmen die Verhandlungen Fahrt auf, und am 12. Februar 1929 verkündete der Vatikan, daß der Heilige Stuhl und Italien ein Abkommen unterzeichnet hatten, welches die Beziehungen zwischen der Kirche und dem italienischen Staat regelte und die Entschädigung des Heiligen Stuhles für das verlorene Territorium festsetzte. Das Abkommen wurde am 9. Juni 1929 im Lateran unterzeichnet und führte zu einem freundlichen Austausch von Telegrammen zwischen dem Papst und dem König von Italien.

Im Artikel 26 der Lateranverträge erklärt der Heilige Stuhl „die römische Frage für endgültig und unwiderruflich geregelt und daher erledigt“. Somit war der Zweck erreicht, für welchen die Leoninischen Gebete eingeführt worden waren, meint P. Cekada. Doch habe der Papst damals ein anderes wichtiges Anliegen gehabt, welches er den Gebeten der Gläubigen empfehlen wollte. Die kommunistische Regierung in Rußland hatte eine systematische Verfolgung der Katholiken gestartet, und so bat Pius XI. die Katholiken in Russland und überall in der Welt, einen Gebetstag zum heiligen Joseph abzuhalten, um dessen Hilfe zu erflehen. Sogar die ostkirchlichen Schismatiker folgen diesem Anliegen des Papstes.

Bei einer Ansprache vor dem Kardinalskollegium im Jahr 1930 habe Papst Pius XI. sowohl die Lateranverträge als auch die Lage in Rußland angesprochen. In diesem Zusammenhang sagte er: „Wir wünschen, daß dieselben Gebete, welche unser Vorgänger seligen Angedenkens, Leo XIII., als von den Priestern mit dem Volk nach der Heiligen Messe zu verrichten vorschrieb, in dieser Intention gebetet werden sollen, d.h. für Rußland.“ Die neue Intention lautete nun, daß Christus „dem bedrängten Volk in Rußland Ruhe und Freiheit wiedergeben möge, um ihren Glauben zu bekennen“. Somit sei die „Freiheit der Kirche in Rußland“ die vorgeschriebene neue Intention, nicht die Bekehrung Rußlands zum katholischen Glauben im Sinne der Verheißungen von Fatima.

5. Wir halten an dieser Stelle ein wenig inne und fragen uns, wie die Ergebnisse Fr. Cekadas bis hierher mit unseren eigenen zusammenstimmen. Nach unserem Befund „wurde dem Heiligen Vater, Papst Leo XIII., durch eine Vision gezeigt, daß Satan zum Generalangriff gegen die Kirche Jesu Christi überzugehen plant“ mit dem Ziel der „Zerstörung der katholischen Kirche“. Diesem Generalangriff entgegenzutreten, war der Sinn der Leoninischen Gebete. Der Generalangriff war freilich zum damaligen Zeitpunkt bereits im Gange, denn wir wissen durch die Große Botschaft von La Salette: „Im Jahre 1864 wird Luzifer mit einer großen Menge von Teufeln aus der Hölle losgelassen. Sie werden den Glauben allmählich auslöschen, selbst in Menschen, die Gott geweiht sind.“ „Als Leo XIII. seine Vision hatte, war also der Teufel bereits losgelassen, er war schon 20 Jahre losgelassen“, d.h. schon seit dem Pontifikat von Pius IX. Darum konnte Leo XIII. auf die bereits von seinem Vorgänger eingeführten Gebete zurückgreifen und diese erweitern, wie P. Cekada dargelegt hat. Er trat in denselben Kampf ein und setzte ihn mit denselben Mitteln fort.

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