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8. Juli 2017  -  Kirche

Die Vision Papst Leos XIII.

In der katholischen Kirche wurden vor den „konziliaren Reformen“ nach jeder stillen hl. Messe noch die sog. leoninischen Gebete angehängt, so genannt, weil sie von Papst Leo XIII. verpflichtend vorgeschrieben worden waren. Im Zusammenhang mit der Einführung dieser Gebete wird zuweilen auf ein Ereignis hingewiesen, das den Papst bewogen haben soll, diese Gebete nach jeder stillen hl. Messe beten zu lassen.

Was damals geschehen ist, läßt sich geschichtlich nicht mehr ganz genau greifen, da es keine direkte Aufzeichnung des Papstes selbst oder von Zeitzeugen gibt. Aber es ist doch genügend faßbar, um den Hergang nachzeichnen und die Absicht des Papstes bei der Einführung der Gebete fassen zu können.

In der römischen Zeitschrift Liturgicae (V. LXIX, S. 54-60), erschien 1955 ein Bericht, wie das Michaelsgebet entstanden war. Dort wird in der Fußnote Nr. 9 ein Artikel aus La Settimana del Clero 1947 von Don Domenico Pechenino zitiert, der während der Amtszeit Leos XIII. im Vatikan arbeitete. Dieser berichtet folgendes:

„Ich erinnere mich nicht an das genaue Jahr. Eines Morgens feierte der große Papst Leo die Messe und war wie üblich bei der Danksagungsmesse anwesend. Plötzlich sahen wir, daß er den Kopf hob und auf etwas über dem Kopf des Zelebranten starrte. Er stand da bewegungslos, ohne zu blinzeln. Sein Gesicht zeigte Entsetzen und Ehrfurcht; Gesicht und Ausdruck wechselten schnell. Etwas Ungewöhnliches und Ernstes geschah mit ihm.
Schließlich, als käme er wieder zu sich, klopfte er fest auf seine Hand und erhob sich. Er begab sich in sein Privatbüro. Sein Gefolge folgte besorgt und ängstlich und flüsterte: ‘Heiliger Vater, geht es Euch nicht gut? Benötigt Ihr etwas?‘ Er antwortete: ‚Nichts, nichts.‘ Etwa eine halbe Stunde später ließ er den Sekretär der Kongregation für die Riten rufen und reichte ihm ein Blatt Papier, wollte, daß es gedruckt und an alle Ordinarien der Welt verschickt werde. Was war dieses Papier? Es war das Gebet, das wir mit dem Volk am Ende jeder Messe aufsagen. Es ist die Bitte an Maria und die leidenschaftliche Aufforderung an den Fürst des himmlischen Heers, Gott anzuflehen, den Satan zurück in die Hölle zu schicken.“

Aus dem Bericht geht klar hervor, Papst Leo XIII. hat während der Danksagung nach der hl. Messe eine übernatürliche Erleuchtung erhalten, die ihn bewog, sofort die Gebete nach der hl. Messe zusammenzustellen, bzw. zu formulieren und an alle Ordinarien der Welt zu versenden. Das vom Papst Geschaute muß demgemäß außerst eindrücklich gewesen sein, wenn es ihn zu einer solch schnellen und weitreichenden Entscheidung trieb.

Obige Informationen werden noch ergänzt von Kardinal Giovanni Nasalli Rocca di Corneliano, der laut einem Artikel in Ephemerides Liturgicae in den Litteris Pastoralibus pro Quadragesima schrieb, der Satzteil „die bösen Geister, die durch die Welt streifen, um die Seelen zu verderben“ habe einen historischen Hintergrund, wie auch von seinem Privatsekretär Monsignore Rinaldo Angeli oft wiederholt worden sei. Nach Monsignore Rinaldo Angeli sah Leo XIII. in einer Vision Teufel, die sich über der Ewigen Stadt versammelten. Das Gebet, das fortan in der ganzen Kirche gebetet werden sollte, sei die Frucht dieses Erlebnisses. Der Papst selbst sprach dieses Gebet jeweils mit starker kräftiger Stimme, so der Prälat weiter, wir hörten es oft in der Vatikanbasilika.

Eine spätere Variante des Berichtes ist etwas konkreter und ausgeschmückter, wobei aber offensichtlich keine direkte Quelle für den Bericht genannt werden kann. Gewöhnlich wird das Geschehen etwa so erzählt:

Am 13. Oktober 1884 hatte Papst Leo XIII., während er seine Messe zelebrierte, eine Vision. Er stand für ca. 10 Minuten wie außer sich da, sein Gesicht wurde bleich und grau. Als der Papst aus seiner Ektase wieder erwachte, ging er in sein Arbeitszimmer und verfaßte die Gebete, die fortan nach der hl. Messe gebetet werden sollten.
Auf die Frage der Kardinäle, was denn geschehen ist, erklärte der Papst, daß er zwei Stimmen gehört habe, die aus der Richtung vom Tabernakel kamen. Die eine Stimme war sanft und die andere war rauh und hart. Er hörte folgendes Gespräch:
Die Stimme Satans prahlte mit seinem Stolz zu unserem Herrn:
„Ich kann Deine Kirche zerstören.“
Die sanfte Stimme des Herrn entgegnete:
„Du kannst? Dann gehe und tue es.“
Darauf Satan:
„Um das zu tun, brauche ich mehr Zeit und Macht.“
Unser Herr:
„Wie viel Zeit? Wie viel Macht?“
Satan:
„75 – 100 Jahre, und mehr Macht über diejenigen, die sich meinem Dienst unterwerfen.“
Unser Herr:
„Du bekommst diese Zeit und diese Macht.“

Im Arlington Catholic Herald vom 2.Oktober 2003 erschien eine etwas andere Variante des Berichts: „Papst Leo XIII. (gest. 1903) hatte eine prophetische Vision über das bevorstehende Zeitalter des Leides und Krieges. Nach der Messfeier unterhielt sich der Heilige Vater mit den Kardinälen. Plötzlich fiel er zu Boden. Die Kardinäle riefen sofort nach einem Arzt. Es war kein Puls zu finden und man fürchtete, der Heilige Vater sei tot. Genauso plötzlich wachte Papst Leo auf und sagte: ‚Was für ein schreckliches Bild ich sehen durfte!‘ In dieser Vision ließ Gott Satan ein Jahrhundert wählen, in dem er sein Schlimmstes gegen die Kirche tun könne. Der Teufel wählte das 20. Jahrhundert. Der Heilige Vater war durch die Vision so bewegt, dass er das Gebet zum heiligen Erzengel Michael schrieb.”

Leo XIII. soll später dazu erklärt haben: „Ich sah die Erde wie in Finsternis und einen Abgrund gehüllt, ich sah eine Unzahl von Dämonen, die sich auf der Erde ausbreiteten, um die Werke der Kirche zu zerstören und die Kirche selbst anzugreifen, die ins Extreme geschrumpft war. Da erschien der heilige Erzengel Michael und stürzte die bösen Geister in den Abgrund. Dann sah ich den heiligen Erzengel Michael nicht in diesem Augenblick eingreifen, sondern dann, als die Menschen immer mehr ihre inbrünstigen Gebete an den Erzengel richteten.“ Hierfür war jedoch ebenfalls keine geschichtliche Quelle ausfindig zu machen, wir wissen also nicht, ob diese Worte authentisch sind.

Zusammenfassend kann man aber doch feststellen: Es ist geschichtlich sicher, daß Leo XIII. eine besondere übernatürliche Erleuchtung hatte, die ihn bewegte, die Gebete nach der stillen hl. Messe einzuführen. Auch kann man davon ausgehen, daß das Wesentliche dessen, was der Papst erlebt hat, in seinem Michaelsgebet zu Ausdruck kommt, das er daraufhin verfaßt hat. Das ursprüngliche Gebet lautete, bevor es 1934 gekürzt wurde, so:

„Heiliger Erzengel Michael, Du ruhmreicher Prinz der himmlischen Heerscharen, verteidige uns in diesem schlimmen Krieg, den wir gegen Mächte und Gewalten, gegen die Beherrscher der Welt der Finsternis und gegen die bösen Geister in den Himmelshöhen führen müssen.
Komme den Menschen zu Hilfe, die Gott nach seinem Bild und Gleichnis gemacht, unsterblich erschaffen, und aus der Tyrannei des Teufels um einen teuren Preis erkauft hat.
Kämpfe – vereint mit dem Heer der seligen Engel – heute wieder so die Schlachten des Herrn, wie Du einst gegen Luzifer, den Anführer des teuflischen Stolzes und seine abtrünnigen Engel gekämpft hast! Denn sie siegten nicht! Ihre Stätte ward nicht mehr gefunden im Himmel. Hinab gestürzt wurde stattdessen der grausame Drache, die alte Schlange, die Teufel und Satan genannt wird und der die ganze Welt verführt. Er wurde vom Himmel hinabgeworfen auf die Erde, und mit ihm all seine Engel.
Doch sieh! Der Urfeind hat sich wieder erhoben. Der Menschenmörder hat wieder Mut gefasst. Als Engel des Lichts verwandelt und getarnt schweift er mit einer Vielzahl böser Geister in Raubzügen auf der Erde umher, um hier den Namen Gottes und seines Gesalbten auszumerzen und sich der Seelen zu bemächtigen, die für die Krone ewigen Ruhms bestimmt waren, um sie umzubringen und dem ewigen Untergang zu weihen.
Wie Abwasser gießt der feindselige Drache das Gift seiner Bosheit auf Menschen, deren Geist und Herzen er verführt und verdorben hat: Den Geist der Lüge, der Ehrfurchtslosigkeit und Gotteslästerung; den todbringenden Hauch der Ausschweifung und aller Laster und Gemeinheit.
Die überaus durchtriebenen Feinde erfüllen die Kirche, die Braut des unbefleckten Lammes, mit Galle und Bitterkeit und berauschen sie mit Wermut. Ihre frevlerischen Hände haben sie an die heiligsten Schätze gelegt. Selbst am heiligen Ort, wo der Sitz des heiligen Petrus und der Lehrstuhl der Wahrheit zur Erleuchtung der Völker errichtet ist, haben sie den Thron ihrer abscheulichen Gottlosigkeit aufgestellt, voller Heimtücke, damit, nachdem der Hirt geschlagen ist, sie auch die Herde zerstreuen können.
Erhebe Dich also, unbesiegbarer Prinz, und stehe dem Gottesvolk gegen den Ansturm der bösen Geister bei! Gib Du ihm den Sieg! Die heilige Kirche verehrt Dich als ihren Hüter und Beschützer. Du bist ihr Ruhm, weil Du sie gegen die bösen Mächte der Erde und Unterwelt verteidigst. Dir hat der Herr die Seelen der Menschen anvertraut, um sie in die himmlische Glückseligkeit zu geleiten.
Bitte inständig den Gott des Friedens, Er möge den Satan unter unseren Füßen zermalmen, damit er die Menschen nicht länger gefangen halten und der Kirche schaden könne!
Bringe Du unsere Bitten vor das Angesicht des Allerhöchsten, laß sie zur Aussöhnung mit der Gnade und dem Erbarmen des Herrn kommen, während Du den Drachen ergreifst, die alte Schlange, die der Teufel und der Satan ist, und ihn gefesselt in den Abgrund stürzt und bindest, damit er die Völker nicht mehr verführe.
Amen.“

Der Leser und noch mehr der Beter dieser Zeilen wird sich wohl nur schwer des Eindrucks erwehren können, hier spricht ein Herz voller Sorge um das ewige Heil der anvertrauten Seelen. Leo XIII. muß ein durch und durch dramatisches Gesicht gehabt haben, das ihn die große Gefahr sehen und erleben ließ, die der hl. Kirche droht. Ein neuer Abschnitt der Heilsgeschichte scheint zu beginnen, denn „Doch sieh! Der Urfeind hat sich wieder erhoben. Der Menschenmörder hat wieder Mut gefasst.“ Es ist die Überzeugung des Papstes, was ganz den Berichten über seine Vision entspricht, daß Satan zu einem neuen Generalangriff auf die hl. Kirche und die Seelen schreitet: „Du bekommst diese Zeit und diese Macht.“

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