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7. Januar 2014  -  Modernisten (Postmodernisten), Sedisvakantisten, Traditionalisten

Modernismus in der Tradition

Der eine oder andere wird sich womöglich verwundert fragen: Ist so etwas möglich, Modernismus in der Tradition? Tritt die Tradition nicht gerade mit dem Anspruch an, gegen den Modernismus, also antimodernistisch zu sein?

I. Die Tradition in Gefahr?

In der Theorie ist das durchaus richtig, die Bewegung der Tradition möchte gegen den Modernismus in der Kirche antreten, aber in der Praxis zeigt sich sodann, daß das Ganze doch etwas komplexer ist, als man zunächst annimmt. Der Wille, gegen den Modernismus zu kämpfen, allein genügt nun einmal nicht, es müssen auch die entsprechenden antimodernistischen Taten folgen – und hier mangelt es mehr und mehr.

Das verwundert einen jedoch gar nicht mehr so sehr, wenn man die Entwicklung der „traditionellen“ Gemeinschaften in den letzten 30 Jahren aufmerksam mitverfolgt hat. Der Anspruch, sich für die Tradition einzusetzen, d.h. für die göttliche Wahrheit zu kämpfen, ist nur allzuoft recht schnell und damit mehr oder weniger leichtfertig erhoben worden. In den wenigsten Fällen hat man sich ausdrücklich darüber Rechenschaft gegeben, was dieser Anspruch alles beinhaltet und wie anspruchsvoll die katholische Tradition in der heutigen Situation des Katholiken in Wirklichkeit ist. Oder von der anderen Seite her gesehen: Man hat den Modernismus allzuoft völlig unterschätzt und nicht bedacht, daß man selbst in dieser modernen Welt und Zeit aufgewachsen ist und man deshalb eine nicht gerade kleine Portion modernes Denken mit sich herumträgt. Daher ist das Katholischsein heute notwendigerweise immer auch mit einem Wieder-katholisch-werden verbunden. Denn erst wenn man eingesehen hat, daß man das so entscheidende „Sentire cum ecclesia“ größtenteils verloren hat, weil man mehr oder weniger liberal aufgewachsen ist, beginnt man, wieder richtig katholisch zu denken.

Wie wertvoll in diesem Prozeß des Wieder-katholisch-werdens ein bejahrter Freund ist, der noch einen Rest jenes katholischen Stallgeruches an sich trägt, der früher das katholische Volk zutiefst prägte, weiß nur derjenige, der einen solchen Freund an seiner Seite haben darf oder haben durfte. Leider ist das nur allzu selten der Fall und man kann es nur bedauernd feststellen: Ein äußerst schwerwiegender Mangel in fast allen traditionellen Gemeinschaften ist gerade das Fehlen jener älteren Generation, welche die Tradition in der Kirche noch erlebt hat und diese daher hätte lebendig weitergeben können. So gibt es etwa in Frankreich ein Kloster, dessen junge Mannschaft seine Tradition ausschließlich aus Büchern erlernt hat, also keinen einzigen traditions- und lebenserfahrenen Mönch in den eigenen Reihen hatte und womöglich bis heute noch nicht hat.

Daß da die Gefahr, aus der wahren katholischen Tradition lauter kleine Traditiönchen zu machen, geradezu übermächtig wird, kann sich jeder leicht vorstellen. Und mit dieser Gefahr innigst verbunden ist auf der anderen Seite das allmähliche Zurückgleiten in den Modernismus. Denn während die wahre katholische Tradition durchaus in einem kontradiktorischen Gegensatz zum Modernismus steht, gilt dies natürlich nicht im gleichen Maße für die einzelnen Traditiönchen der verschiedenen traditionellen Gruppen. Solche Traditiönchen vertragen sich durchaus mit dem Geist des Modernismus und, wenn man nicht aufpaßt, ist der Schritt zu einer konservativen Form desselben schnell gemacht. Daß dies nicht nur bloße Theorie ist, beweisen zur Genüge all jene „traditionellen“ Gruppen, die inzwischen das sog. Konzil grundsätzlich angenommen haben und sich nunmehr eifrig darum bemühen, dessen Übereinstimmung mit der Tradition zu beweisen. So hat etwa ein Mönch aus dem Kloster Le Barroux eine umfangreiche theologische Arbeit geschrieben, in der er sich um die Quadratur des Kreises bemüht, er will nämlich zeigen, daß die vom sog. Konzil gelehrte Religionsfreiheit nicht im Widerspruch mit der Lehre der Kirche steht.

Solche Merkwürdigkeiten sind aber, wie gesagt, nicht verwunderlich, denn einzelne Traditiönchen sind kein tragfähiges Fundament für einen katholischen Widerstand. Darum führen diese nur allzu schnell wieder in den Modernismus zurück, vor allem heutzutage, da sich dieser im Gewand des immer mehr vorherrschenden Postmodernismus zeigt. Wir haben ja auf diese spezielle Gefahr des Postmodernismus für die Tradition in unseren Beiträgen schon öfter hingewiesen.

II. Tradition und Lehramt

1. Das kirchliche Lehramt im System des Modernismus

Für den Modernisten ist das kirchliche Lehramt im katholischen Sinne natürlich ein ständiger Dorn im Auge, weil es dem Wesen seines Denkens widerspricht. Der Modernist erkennt selbstverständlich keine letzte Instanz in theologischen Fragen an und schon gar keine Instanz, die sich in ihrem Urteil auf Gottes Beistand beruft. Er ist vielmehr der Überzeugung: „Die Dekrete des Apostolischen Stuhles und der römischen Kongregationen behindern den freien Fortschritt der Wissenschaft“ (Pius IX. Syllabus, Satz Nr. 12).

Dennoch konnten die Modernisten das kirchliche Lehramt nicht einfach ignorieren, wenn sie in der Kirche bleiben und in ihr wirken wollten, was ja ihre erklärte Absicht war. Darum mußten sie es so uminterpretieren, daß es ihnen keine Hindernisse mehr in den Weg legen konnte. Nach der Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit auf dem (I.) Vatikanum war das zwar schwierig, aber nicht unmöglich geworden. Um sich gegenüber dem kirchlichen Lehramt eine möglichst große Handlungsfreiheit zu bewahren, schränkten die Modernisten in einem ersten Schritt ihren Gehorsam gegenüber dem Lehramt zunächst allein auf die unfehlbaren Akte ein, in allen anderen Fragen beanspruchten sie Meinungsfreiheit. Unter den von Pius IX. verurteilten Sätzen des Syllabus findet sich auch folgender, der genau diese Haltung kennzeichnet: „Die Verpflichtung, welche katholische Lehrer und Schriftsteller völlig bindet, ist bloß auf dasjenige beschränkt, was durch eine unfehlbare Entscheidung der Kirche als Dogma für alle zu glauben vorgelegt wurde“ (Satz Nr. 22).

Das war also der erste Schritt: Nur das, was unfehlbar als Dogma vorliegt, muß auch geglaubt und festgehalten werden. Über alle anderen Themen dagegen darf frei diskutiert werden. Bei diesem ersten Schritt blieben aber die Modernisten beileibe nicht stehen, sie fügten ihm noch einen zweiten hinzu: Man schränkte nämlich die unfehlbaren Akte der Kirche mehr und mehr dadurch ein, daß man die Anforderungen für einen unfehlbaren Akt des Lehramtes immer höher schraubte, sodaß letztlich nur noch die außerordentlichen Akte des Lehramtes als unfehlbare Instanz übrigblieben. Den ganzen Bereich des ordentlichen Lehramtes hatte man damit völlig ausgeschaltet. So konnte sich die Anschauung verbreiten, es gebe nur äußerst selten unfehlbare Entscheidungen des Lehramtes. Ein modernistischer Professor hat dementsprechend einmal in seiner Vorlesung zu den Studenten etwas überspitzt formuliert, man könne die unfehlbaren Entscheidungen des Lehramtes an den Fingern einer Hand abzählen. Diese völlig irrige Anschauung ist wohl heutzutage die Überzeugung der allermeisten Katholiken.

Ein treffendes Beispiel, an dem sich die Vorgehensweise der Modernisten dokumentieren läßt, ist die Enzyklika „Quanta cura“ Pius‘ IX. Die zeitgenössischen Theologen haben die 1864 veröffentlichte Enzyklika aufgrund der eindrucksvollen Verdammungsformel, mit der Pius IX. das Schreiben abschloß, nahezu einmütig als ein unfehlbares Dokument eingestuft (Dz 1699: «Itaque omnes et singulas pravas opiniones ac doctrinas singillatim hisce litteris commemoratas auctoritate Nostra Apostolica reprobamus, proscribimus atque damnamus, easque ab omnibus catholicae Ecclesiae filiis veluti reprobatas, proscriptas atque damnatas omnino haberi volumus et mandamus.»). Nahezu einmütig übrigens nur deswegen, weil eine Minderheit von Bischöfen und Theologen vor dem 1869/70 abgehaltenen Vatikanischen Konzil von einer dem Papst allein zukommenden Unfehlbarkeit nichts wissen wollte. Der französische Theologe P.J. Berthier bezeichnete „Quanta cura“ in der vierten Auflage seines theologischen Kompendiums 1898 schlicht als eine „Enzyklika ex cathedra“ (P.J. Berthier, Compendium Theologiae dogmaticae et moralis, 4. erw. u. verb. Aufl. Lyon, 47). Schon vorher, im Jahre 1874, hatte Matthias Joseph Scheeben in seiner Dogmatik (Band I, S 224) mit Bezug auf die gerade erst erfolgte Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit konstatiert: „Eine der gegenwärtigen Definition fast wörtlich entsprechende Fassung findet sich in der Encyclica „Quanta cura“ vom 8. Dez. 1864.“

In der zweiten Auflage des „Wetzer und Welte’s Kirchenlexikon“ von 1899 liest man im Artikel „Syllabus“ aus der Feder des Jesuiten V. Frins: „Betreffs der erwähnten 16 in der Enzyklika selbst angeführten Sätze kann kein Zweifel bestehen, daß es sich bei ihnen um eine Verwerfung kraft der unfehlbaren höchsten päpstlichen Lehrgewalt handelt; dies geht klar aus der Verwerfungsformel hervor.“ Der Schweizer Theologe Anton Gisler schrieb 1912 im „Kirchlichen Handlexikon“ zum Stichwort „Quanta cura“ hinsichtlich der 16 dort beim Namen genannten und zurückgewiesenen Irrtümer: „Diese Sätze sind mit Unfehlbarkeit verworfen.“ In der von zwei auf zehn Bände erweiterten und neu betitelten Neuauflage des „Kirchlichen Handlexikons“, dem in den dreißiger Jahren erschienenen „Lexikon für Theologie und Kirche“, erhielt der Prager Theologe Karl Hilgenreiner diese These, diesmal im Artikel „Enzyklika“, aufrecht: „Für unfehlbare Lehrentscheidungen wird die Form der Enzyklika nur ausnahmsweise gewählt (so in der Enzyklika Pius‘ IX. Quanta cura v. 8. 12. 1864).“ Noch 1956 wurde im französischen theologischen Wörterbuch „Catholicisme“ unter dem Stichwort „Encyclique“ seitens des Dominikanertheologen P.-A. Liege referiert: „Theologen haben stets angenommen, daß gewisse große Enzykliken (Quanta cura; Pascendi; Casti connubii) unfehlbare Äußerungen enthielten.“

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